Nürnberg
Interview

Peter Maffay im Interview: Unter Strom

Der Unverwüstliche ist wieder auf Tournee: "Unplugged", ohne elektronischen Schnick-Schnack, will Peter Maffay seinen Fans ganz nahe kommen.
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Der Unverwüstliche ist wieder auf Tournee: "Unplugged", ohne elektronischen Schnick-Schnack, will Peter Maffay seinen Fans ganz nahe kommen. Wolfgang Köhler
Der Unverwüstliche ist wieder auf Tournee: "Unplugged", ohne elektronischen Schnick-Schnack, will Peter Maffay seinen Fans ganz nahe kommen. Wolfgang Köhler
Er gehört zu den langlebigsten Phänomenen im deutschen Musikgeschäft: 2019 wird Peter Maffay 70, und im selben Jahr steht er seit 50 Jahren auf der Bühne. In Rumänien aufgewachsen und mit seinen Eltern 1963 aus dem Kommunismus in den Freistaat Bayern geflohen, hat Peter Alexander Makkay, so sein bürgerliche Name, eine außergewöhnliche Karriere hingelegt: 18 Nummer-1-Alben sind einsamer deutscher Rekord, seine Wandlung vom Schlagerstar zum Rocker, sein Einsatz für Kinder und seine Märchenfigur "Tabaluga" stehen für eine ganz eigene künstlerische Welt. Dass er sich immer wieder auf seine Harley setzt und durchs Land braust, macht das Bild rund: Der Mann steht unter Strom, auch wenn er jetzt bei seiner "Unplugged"-Tour alle Stecker zieht. Maffay pur kann man auch in Nürnberg erleben - die Redaktion sprach mit ihm bei den letzten Proben.

FS: Wie laufen die Proben für die Unplugged Tour? Hat ein Peter Maffay nach 48 Jahren im Geschäft immer noch Lampenfieber?
Peter Maffay: In dieser Phase sind wir sehr damit beschäftigt, handwerkliche Dinge zu besprechen, Abläufe und so weiter. Da ist eigentlich kein Platz für Lampenfieber. Da müssen wir präzise arbeiten, das Repertoire, die Reihenfolge der Songs festlegen und die Spannungsbögen bauen; das ist ein bisschen wie Training. Aber diese Fünf-vor-Zwölf-Situation kommt schon noch, wenn man weiß, dass die Leute kommen. Lampenfieber ist wichtig. Das ist ein Motor.

Sie sind ja ein Phänomen. Wenn man nachliest, was Sie in den letzten Wochen und Monaten alles gemacht haben, kann man nur staunen. Verraten Sie uns Ihr Geheimnis: Woher kommt diese Energie - irgendein Vitamincocktail?
Hahaha. Das wäre manchmal nicht schlecht, wenn man den hätte. Nein. Ich habe das Glück, mit Leuten zusammen zu arbeiten, die, jeder auf seinem Gebiet, mit einer gewissen Kompetenz antreten. Ich habe ja gar keinen Manager im klassischen Sinn. Wir sind ein Team, das sich die Aufgaben teilt. Da hat jeder laufend neue Ansätze, Vorschläge und Ideen. Daraus ergibt sich das Arbeitsvolumen. Und auf der Bühne läuft das im Prinzip genau so. Wir stoßen uns immer wieder gegenseitig an. Es gibt keinen Stillstand.

Heute ist es schwer vorstellbar, dass ein Künstler fast ein halbes Jahrhundert auf der Bühne steht, und dann noch so erfolgreich. Das ist ja die absolute Ausnahme, Ihr Kumpel Udo Lindenberg ist auch so ein Phänomen. Wie schafft man das? Ist das Geschäft heute viel zu schwierig und zu schnelllebig?
Ich würde das schon ein wenig relativieren wollen. Es gibt aus meiner Sicht schon eine ganze Reihe von Kollegen, die eine ähnliche Strecke hingelegt haben. Denken wir mal an Wolfgang Niedecken, Marius, Udo ... Das sind alles Leute, die zur gleichen Zeit angefangen haben. Diese Zeit ist mit Sicherheit ein Faktor. Die 60er und 70er Jahre haben ein paar Künstler hervorgebracht, die aufgrund der Umstände in der Musikszene eine Perspektive entwickeln konnten. Talente gibt es heute nicht weniger als früher, eher noch mehr, weil auch die Einflüsse weltweit spürbar sind.

Sie meinen das Internet?
Wir kriegen ja in Sekundenschnelligkeit mit, was in Südamerika musikalisch passiert, im fernen Osten oder sonst irgendwo. Das gab es ja früher nicht. Es war ja nicht ganz einfach, sich Scheiben aus einem anderen Kulturkreis zu besorgen und dann zum ersten mal irgendeinen neuen Sound zu hören. Das ist heute anders. Aber: In der Zeit sind ein paar Karrieren entstanden, die diese ganzen Umstände und Metamorphosen überstanden haben. Und diese Zeitzeugen, wenn Sie so wollen, das sind eben die Udos und Grönemeyers und so weiter.

Gut - die, die es nicht geschafft haben, die kennt man natürlich heute auch nicht mehr.
Klar. Aber ich glaube, dass immer gute Leute nachwachsen. Ich glaube nicht, dass es nur damals ein paar Heros geschafft haben. Sonst hätten wir heute Johannes Oerding nicht, wir hätten Xavier Naidoo nicht und wie sie alle heißen. Aber Sie haben schon recht: Der Markt ist kurzlebig und hat enorm an Geschwindigkeit zugelegt. Die Segmentierung in verschiedene musikalische Stilrichtungen ist vielschichtiger als früher. Es ist heute im Bereich der Musik auch sehr viel mehr zur selben Zeit vermarktbar. Und dadurch entstehen kleinere Einheiten.

Sie haben eine lange Tabaluga-Tour hinter sich gebracht. Keiner würde es Ihnen übel nehmen, wenn Sie jetzt mal ein halbes Jahr Urlaub auf der Insel machen würden. Stattdessen ackern Sie weiter ... wie und wann ist die Idee für die Unplugged Tour entstanden?
Die Idee, ein Unplugged-Konzert aufzuzeichnen und dann damit auf Tour zu gehen, ist noch während der Tabaluga-Tour entstanden. Der Beweggrund war sicher auch, dass uns das Thema Tabaluga drei Jahre lang beschäftigt hat. Das Album schreiben, das ganze Ding auf die Bühne bringen ... Da hatte jeder Bock, mal wieder ein bisschen back to the roots zu gehen. Deshalb war es nicht schwer, alle davon zu überzeugen, zumal wir das in dieser Konsequenz noch nie gemacht haben. Natürlich hatten wir die Unplugged-Situation immer wieder mal in unseren Konzerten. Aber eben nur für ein paar Stücke und nie so konsequent wie bei diesem Album. Das ist reizvoll. Abgelaufen ist das so wie meistens. Einer aus dem Team kommt um die Ecke und fragt: Was haltet ihr davon? Die Idee war gut, und daher haben alle laut gerufen: Das machen wir.

Es ist erstaunlich, wenn man sich die Aufzeichnung des Konzerts für die CD anschaut, wie viel Kraft und Energie Sie und Ihre Musiker ohne Stecker auf die Bühne bringen. Denken Sie, dass das Konzept auch vor großer Audience aufgeht?
Das ist bis jetzt eine Frage, die sich auch für uns stellt. Funktioniert dieses Konzept auch in einer großen Halle? Ich kann es Ihnen nicht beantworten. Wir werden es erleben. Wir müssen das Ding spielen. Nur: Wenn wir nicht daran glauben würden, dass es funktionieren kann, dann würden wir es nicht machen. Ich bin überzeugt, dass es geht. Ich glaube, dass man auch in einer großen Arena eine sehr intime Atmosphäre schaffen kann. Andere haben es auch geschafft, das macht uns zuversichtlich.

Werden einige der Künstler von der CD-Aufzeichnung in Halle bei der Tour dabei sein?
Johannes (Oerding) wird die ganze Tour mitspielen. Das ist super, weil es zwischen uns eine gewisse Seelenverwandtschaft gibt. Er ist ein Superkünstler und ein überaus netter Zeitgenosse. Mit dabei wird sein Tony Carey für ein paar Gigs, Ilse DeLange, Philipp Poisel wird für ein paar Auftritte dabei sein, und Jennifer Weist vermutlich auch. Die einzige, die nicht mitmachen kann aufgrund ihres Terminkalenders ist Katie Melua. Sonst werden alle dabei sein, die schon bei der Aufzeichnung in Halle mit auf der Bühne standen. Und dann wird es noch andere Künstler geben, die wir noch rechtzeitig bekannt geben, die nicht in Halle dabei waren, aber Lust haben, mit uns ein bisschen die Bühne zu teilen.

Das Unplugged-Album lebt von dem Zusammenspiel mit jungen Künstlers, die alle etwa zu der Zeit geboren wurden, als Sie Tabaluga in die Welt geschickt haben, in den 80ern. Da treffen sich Menschen aus zwei Generationen, völlig anderen musikalischen Welten.
Hm. Wobei das nicht so wahnsinnig dramatisch ist. Wir spielen ja alle noch die selbe Tonleiter. Es sind ja nicht mehr Töne geworden oder weniger. Aber: Ich sage mal, die nachgewachsene Generation Künstler geht an gewisse Dinge anders ran, aber entscheidend ist am Ende, welche Stilistik ein Künstler hat und ob sich diese Stilistik mit unserer verzahnt. Wir haben uns gefragt: Wer könnte zu uns passen? Wohin passen wir? ... Da bleiben natürlich immer noch genügend Fragezeichen.

Umso bewundernswerter, dass es dann funktioniert und wie, etwa mit Philipp Poisel!
Philipp Poisel ist ein filigraner Künstler, der sehr leise antritt, aber es steckt eine enorme Kraft dahinter. Denn um leise zu sein und doch so effektiv, muss man sehr viel Kraft haben. Es ist interessant, wie so ein Zusammenspiel dann abläuft. Und das wusste ich nicht von Anfang an. Das muss man ausprobieren. Und Philipp wusste ja auch von mir nicht so viel. Die Zusammenarbeit war für uns beide Neuland. Und das galt genauso auch für all diese Begegnungen. Das war eine Entdeckungsreise. Es weht plötzlich ein ganz anderer Wind. Mit Ausnahme von Tony Carey. Wir spielen seit Jahren zusammen, er kennt mich wie seine Westentasche. Wir gehen auf die Bühne, und es ist wie in alten Zeiten.

Lassen Sie mich noch mal auf Philipp Poisel zurück kommen, mit dem Sie das Lied "Wie soll ein Mensch das ertragen" interpretieren. Ein großartiges Duett.
Es ist einer meiner Lieblingsstücke. Der Sound ist fett, und dahinter steht dann dieser filigrane Künstler Philipp Poisel, der so einfühlsam singt. Das hat mir sehr sehr gut gefallen.

Sie haben es geschafft, einige Lieder, die man schon eine Million Mal gehört hat, in ein neues musikalisches Gewand zu kleiden. Eiszeit oder So bist Du .... klingen vertraut und doch erfrischend neu. Können Sie sich vorstellen, dass es Lieder gibt, die Sie eines Tages nicht mehr spielen möchten?
Um Gottes willen, da gibt es eine ganze Reihe. Die Zeit würde nicht reichen, um die alle hier aufzuzählen. Es gibt Songs, die muss man nicht wiederholen, weil sie keine Bedeutung haben. Das Repertoire wurde ja auch zusammen mit der Band abgeklopft. Wir haben wirklich sehr ausführlich diskutiert, welche Songs spielt man, was lässt sich gut umsetzen, was hat heute noch Bedeutung ... Diese Erörterung lief lange, bevor wir tatsächlich losgelegt haben. Die Lieder, die es auf das Album geschafft haben, haben für uns noch eine Relevanz.

Zwischen "Du" und "Gelobtes Land" liegt ja beinahe ein halbes Jahrhundert ...
Da steckt eine gewisse Entwicklung drin, ohne Frage. Aber nehmen wir mal Eiszeit (veröffentlicht 1982, Anm. d. Red.): Das ist ein Lied, das hat von der textlichen Aussage angesichts der Dinge, die man aus Nordkorea, aus den Vereinigten Staaten, dem Iran und weiß der Kuckuck woher hört, nichts von seiner Aktualität verloren. Wir sitzen hier ja auch noch auf dem ganzen Atomschrott herum. Und dann kommt Johannes Oerding daher und sagt, wenn wir uns nicht bewegen und nichts verändern, was wollen wir dann eines Tages unseren Kindern erzählen?. So entstand dieser kleine Text-Zusatz, den es im Original gar nicht gibt. Den hat der Johannes da reingeflochten, und dadurch kriegt diese Aussage plötzlich eine zeitadäquate Bedeutung. Das Lied hat kein Verfallsdatum.

So wie "Sieben Brücken"?
Bei Sieben Brücken ist es genauso. Das Lied kann man ruhig mal hervorheben, ohne eitel zu klingen, weil wir es ja nicht kreiert haben, das hat Karat gemacht. Damit wurde ein sehr schönes Gleichnis in ein Lied verpackt, das den Leuten Mut macht, egal in welcher Phase des Lebens sie stecken. Das kann man gerade auch in dieser sparsamen Form eigentlich immer spielen.

Das klingt sehr positiv und auch ein bisschen so, als wären neue musikalische Freundschaften entstanden. Gibt es Pläne für weitere gemeinsamem Projekte?
Wir sind erst einmal froh, dass wir das alles so weit hinbekommen haben, die Aufzeichnung in Halle, dann das neue Album, das sehr gut angekommen ist, jetzt die Tour. Wenn Sie mich nach Freundschaften fragen - ich will da nicht so hoch greifen, aber ja, in einigen Fällen ist das so. Da ist so viel, wie soll ich sagen, Achtung voreinander, Sympathie.

Im nächsten Jahr, am 30. August 2019 werden Sie 70. Hat Peter Maffay einen Plan B? Können Sie sich ein Leben ohne Musik und Bühne vorstellen?
Das ist so wie in dem Lied ("Gelobtes Land" aus dem Album "Wenn das so ist" von 2016, Anm. d. Red.): Da gibt es keinen Plan B und keinen Notausgang ... Musik ist einfach eine wunderbare Qualität im Leben, ein Weg, zu sich und zu anderen zu finden, sie ist eine Brücke und Medizin, all das kann die Musik sein, und deswegen ... nein, auf Musik zu verzichten wäre sehr leichtsinnig.

Trotzdem: Ich habe Sie neulich in einer Reportage als Gärtner gesehen ... Ist das die zweite Karriere?
Na gut, das machen wir ja in unserer Stiftung und auf den dazu gehörigen Bauernhöfen, dass wir etwas anpflanzen und säen. Der Umgang mit der Natur vermittelt Werte, die wir an die Kinder weitergeben wollen, Werte, die wir auch in die Geschichten von Tabaluga verpacken. Der Umgang zwischen Menschen, auf gleicher Augenhöhe und mit Respekt - unabhängig von Herkunft, Religion und Hautfarbe - das alles sind ja Schwerpunkte, die wir mit den Kindern, die zu uns kommen, versuchen zu leben. Ich sehe da keinen Widerspruch, auch wenn man sich vielleicht nicht so einfach einen Gitarrenspieler vorstellen kann, der Karotten erntet. Das ist nicht das gängige Bild ... (Anm.: Die Peter-Maffay-Stiftung finanziert Ferienfreizeiten für traumatisierte Kinder.)

Bei all der Arbeit - gibt es noch dieses eine Lied, die Sie unbedingt noch spielen wollen, gibt es einen großen Traum, das Buch, dass Sie schreiben wollen oder den Trip mit der Harley durch die Antarktis?
Hm, Harley und Antarktis wäre mir ein bisschen zu kalt, ich bevorzuge wärmere Gefilde. Aber ich meine, mein Team und ich, wir leben ja eine sehr vielseitige Beschäftigung. Das ist nicht nur die Musik, das ist alles, was damit zusammenhängt, dann die Stiftung, da passieren wieder völlig andere Sachen. Über diese Vielschichtigkeit bin ich persönlich wahnsinnig froh. Dieses Privileg hat nicht jeder. Darin liegt natürlich gleichzeitig auch eine Verpflichtung. Und insofern sind wir für zukünftige Aufgaben offen. An der Neugierde wird sich nichts ändern, die wird uns in Bewegung halten.

Bewegung ist ein gutes Stichwort zum Schluss. Bei Tabaluga und auch bei der Unplugged-Tour geht es ja eher ein bisschen gemächlich zu. Ich könnte wetten, dass das nächste fette Rock-Album schon in Planung ist ...
Das ist gut denkbar. 2019 begehen wir ein Jubiläum, dann sind wir dann 50 Jahre in diesem Zirkus. Wenn wir das in Musik umsetzen, dann wird es sicherlich kein Best Of sein, denn das haben wir ja jetzt ein Stück weit bei Unplugged, dann wird das ein komplett neues Album sein.

Dann wünsche ich Ihnen viel Erfolg mit der Unplugged-Tour, volle Hallen und Ihnen persönlich weiter alles Gute, Herr Maffay. Vielen Dank für das Gespräch.
Ich habe zu danken!

Die "Unplugged"-Tour hat am Mittwoch in Kiel begonnen. Peter Maffay und Band spielen bis 22. März in 23 deutschen Städten und in Zürich, unter anderem in Frankfurt (20.2.), Nürnberg (3.3.), Erfurt (8.3.) und München (9.3.).www.maffay.de
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