Nürnberg
Armut

Nur in Dortmund ist die Lage schlimmer: Fast jeder vierte Nürnberger arm

Oberbürgermeister Maly wurde kalt erwischt: Nach einem drastischen Anstieg ist in Nürnberg fast jeder Vierte von Armut bedroht. Wie konnte das passieren?
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Die Schere zwischen Arm und Reich wächst in Nürnberg drastisch. In dieser Zeit wächst die Bedeutung von Tafeln, die Essen verteilen - wie hier in Berlin. Foto: Annette Riedl/dpa
Die Schere zwischen Arm und Reich wächst in Nürnberg drastisch. In dieser Zeit wächst die Bedeutung von Tafeln, die Essen verteilen - wie hier in Berlin. Foto: Annette Riedl/dpa
Die Armut geht um in Nürnberg. Erschreckende Zahlen zur Armutsentwicklung lassen offensichtlich die Alarmglocken im Rathaus kräftig läuten. Die schlechten Zahlen zur Armutsgefährdung hätten sogar ihn überrascht, musste sich Oberbürgermeister Ulrich Maly (SPD) bei einer Pressekonferenz am Mittwoch in Nürnberg eingestehen. Ohne die noch schlechteren Zahlen aus Dortmund würde Nürnberg die rote Laterne bei der Armutsgefahr in ganz Deutschland tragen.

In Bayern sind besonders häufig Kinder von Armut betroffen. Laut der neusten Erhebung sind 155.000 Kinder und Jugendliche in Bayern auf Hartz IV angewiesen.


Armutsgefahr in Nürnberg drastisch gestiegen


Besonders besorgt zeigte sich Maly darüber, dass die Armutsgefährdung in Nürnberg am stärksten gestiegen sei. Drastische Konsequenzen hat Maly am Mittwoch nicht angekündigt. Einen "Canossa-Gang" wolle er wegen der miserablen Zahlen nicht antreten, sagte Maly. Stattdessen wolle er sich die Daten zunächst genauer anschauen. "Wir nehmen uns Zeit für die Analyse", sagte Maly.

Für den roten Rathaus-Chef sind die schlechten Zahlen vermutlich trotzdem politischer Sprengstoff. Armut sei ein schwieriges Thema, gab Maly offen zu. "Wir in der Politik sprechen nicht gerne darüber", erklärte Maly und beklagte sich, dass Politiker immer sofort Rezepte gegen Armut zur Hand haben müssten. Maßnahmen in der Schublade, wie Nürnberg eine Trendwende erreichen kann, gibt es demnach nicht. Zumal das Stadtoberhaupt von den Ergebnissen des bundesweiten Mikrozensus aus dem Jahr 2016 offensichtlich kalt erwischt worden ist.


Maly: Eigene Wahrnehmung war eine andere


Die "eigene Wahrnehmung" sei "eigentlich in eine andere Richtung" gegangen, sagte Maly und verwies auf die Arbeitslosenquote, die er in seiner Amtszeit von über zehn auf heute etwas mehr als fünf Prozent halbiert habe. Auch sei die Zahl der Bezieher von Transferleistungen gesunken. Sozialreferent Rainer Prölß (ebenfalls SPD) verwies auf das Lohnproblem. Die Nürnberger verdienen im Vergleich mit anderen Großstädtern eher mittelmäßig. Die Quote der Armutsgefährdung weise "nur" auf die Ungleichheit der Einkommen hin, versuchte Prölß zu relativieren. Laut den aktuellen Zahlen gelten genau 23 Prozent der Nürnberger als armutsgefährdet, weil ihr Einkommen weniger als 60 Prozent des Durchschnitteinkommens beträgt. Letzteres liege in Nürnberg bei rund 1.500 Euro pro Monat.


Flüchtlinge noch nicht in Statistik enthalten


"Wir wollen nichts schön reden aber auf die Tücken der Statistik hinweisen", sagte Maly und verwies auf die wachsende Zahl von Studenten und den Zuzug aus dem Ausland nach Nürnberg. Diese beide Faktoren dürften sich zukünftig noch negativer auf die Armutsquote auswirken. Erstens soll in Nürnberg eine neue Universität entstehen. Zweitens tauchen die Flüchtlinge, die zuletzt nach Deutschland gekommen sind, in den Zahlen überhaupt noch nicht auf.

Maly betonte, dass er sich "nicht aus der politischen Verantwortung schleichen" wolle. Gleichzeitig verwies der sozialdemokratische Oberbürgermeister und Vize-Präsident des Deutschen Städtetages darauf, dass die zentralen Ursachen für Armutsprobleme wie Einkommen oder Steuern außerhalb des kommunalen Handlungsspielraumes liegen. Den "Schwarzen Peter" will Maly trotz aller gegenteiligen Beteuerungen wohl am liebsten dem Bund zuschieben.


Kita-Gebühren in Nürnberg reduziert


Stolz attestierte Maly seiner Heimatstadt eine "Teilhabe-Kultur" und verwies darauf, dass die Stadt die Kita-Gebühren für die Hälfte aller Nürnberger bezahlen müsse. Außerdem müssten rund 55.000 Inhaber des "Nürnberg-Passes" nur reduzierte Preise für öffentliche Einrichtungen bezahlen. Dass die Stadt zuletzt teilweise kräftig an der Gebührenschraube beispielsweise für Bibliotheken oder Schwimmbäder gedreht hat, ist für Maly kein Widerspruch. Ihm gehe es darum, keine "Gerechtigkeitslücken" entstehen zu lassen. Das heiße nicht, dass er versprechen könne, dass in Nürnberg als Konsequenz aus der Armutsquote ab sofort keine Gebühren mehr erhöht werden.

Trotz der alarmierenden Zahlen sieht Oberbürgermeister Ulrich Maly offensichtlich keinen schnellen Handlungsdruck. "Wir machen einem Schritt nach dem anderen", betonte Maly und kündigte an, dass in der Stadt mit der bundesweit zweithöchsten Armutsgefährdung (nach Dortmund) ein Armutskongress stattfinden soll. Das Thema sei vielfältig und kompliziert. Und für den Rathauschef politisch wohl auch brandgefährlich.

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