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Nürnberg
Aufzucht

Nürnberger Delfinbaby: Ein gesundes Mädchen

16 Jahre lang war keine Aufzucht mehr gelungen, alle Jungtiere starben nach wenigen Tagen. Vor drei Wochen wurde dann im Tiergarten Nürnberg endlich ein Delfinbaby geboren. Es ist wohlauf, hat ein enormes Lernpensum und legt sich in die Kurven wie ein Motorradfahrer.
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Delfinmutter Sunny und ihr Kalb schwimmen immer dicht aneinander. Foto: Tiergarten/Alina Loth
Delfinmutter Sunny und ihr Kalb schwimmen immer dicht aneinander. Foto: Tiergarten/Alina Loth
Letzte Woche bekam Tiergartendirektor Dag Encke einen Anruf von den Delfintrainern: Das Kalb taumelt so komisch! Encke spurtete zum Delfinarium und fand eine eigenartige Situation vor: Das vor drei Wochen geborene Delfinbaby legte sich in die Kurven wie ein Motorradfahrer. Konnte das korrekt sein? "Wir telefonierten überall herum und bekamen bestätigt, dass das die Art ist, wie Delfine den Seitenwechsel lernen", sagt Encke und lacht. Er lacht gern, wenn er über das Kalb spricht: Immerhin ist 16 Jahre lang keine Aufzucht mehr gelungen, alle Jungtiere starben nach wenigen Tagen. Doch dieses Mal sieht es gut aus.

Gewicht verdoppelt

Weil Delfinmutter Sunny bei einer früheren Geburt keine Milch gab, waren Delfintrainer und Tierarzt vorbereitet: "Vom ersten Tag an haben wir geschaut, dass das Kalb Milch bekommt", sagt Encke.
"Außerdem haben wir es gleich bei den ersten Hautverletzungen antibiotisch abgesichert. Ich glaube, dieses Mal haben wir bis jetzt alles richtig gemacht." Sunny habe genug Milch und säuge ihr Kalb regelmäßig. Seit der Geburt am 31. Oktober habe es sein Gewicht verdoppelt und wiege nun bei einer Länge von 115 Zentimetern 22 Kilo.

Dass beim Stichwort antibiotisch die Alarmglocken der Tierschützer klingeln, ist Encke bewusst. Er sagt, er könne die Reaktion der Gegner einschätzen, sie sei berechenbar: "Die warten nur darauf, dass das Kalb stirbt. Und wenn es lebt, wird wieder von Qualzucht gesprochen." Dann sagt Encke das, was er bei Kritik an der Delfinhaltung immer sagt: "Das nervt, weil es von Null Verständnis für Tierhaltung spricht."

"Antibiotika gehören dazu"

Dazu gehöre aber die medizinische Behandlung. Obwohl das Kalb in fast keimfreiem Salzwasser schwimme, seien selbst oberflächliche Hautverletzungen mögliche Infektionsherde. Deshalb werde es seit der ersten Schramme antibiotisch versorgt, erklärt Encke. Junge Delphine hätten in den ersten Lebenswochen ein schwaches Immunsystem, das seine Funktion nur langsam entwickelt: Erst nach drei Monaten sei es ausgereift. Daher sei bei Kälbern besondere Vorsicht geboten und könnten selbst oberflächliche Hautverletzungen mögliche Infektionsherde sein. Im Moment sieht es laut Encke aber gut aus: "Das Kalb immunisiert sich Stück für Stück und nimmt die ganze Zeit zu. Wir können mit jeder Woche ruhiger werden."

Ordentliche Erziehung

Dass das Junge überhaupt Schrammen bekommt, liegt übrigens an seinem umtriebigen Dasein. Es macht sich gern mal allein auf die Socken - es hat ja so viel zu lernen, die Kurvenlage zum Beispiel. Dann zeigt die Mutter Grenzen auf, holt das Kalb zurück und stupst es auch mal: "Sie erzieht ganz ordentlich", kommentiert Encke. Kleinere Kratzer blieben da nicht aus.

Für die Mitarbeiter des Delfinariums - und ihn selbst natürlich - sei es spannend, das Kalb zu beobachten, plaudert der Direktor aus dem Alltag. Es ist ja der erste Nachwuchs seit langer Zeit, da gibt es für alle viel zu lernen. Häufig rücken alle Mann an, wenn es neue Entwicklungen gibt. "Zum Beispiel wusste das Junge ganz am Anfang nicht, wo es bei der Mutter zu schwimmen hat. Wenn es aber eine bestimmte Stellung hat, wird es im Sog der Mutter mitgerissen und kann im Energiesparmodus schwimmen. Das weiß es nicht selbst, das bringt ihm die Mutter bei." Zum Lernen greife sich Sunny ihr Kind mit dem Schnabel und zieht es eng zu sich heran: "Damit es weiß, wohin es gehört."

Regelmäßige Blutproben

Die ersten zwei Wochen verbrachten Sunny und ihr Junges im Geburtsbecken im alten Anbau des alten Delfinariums, das nach dem Einbau eines Hebebodens die Untersuchungen erleichtert. Das Tier liegt auf einer Metallplattform, der Tierarzt steht kniehoch daneben und kann bequem loslegen. "Sunny war am Anfang total nervös", sagt Encke. "Sie musste erstmal kapieren, dass ihrem Baby da nichts passiert." Beim dritten Mal sei sie aber schon ganz ruhig gewesen. Mutter und Kalb liegen bei den Untersuchungen Kopf an Kopf eng nebeneinander, wenn dem Nachwuchs zum Beispiel Blutproben abgenommen werden. Das muss laut Encke alle paar Tage sein, um die Leukozyten zu testen. "Sie sind das Maß für einen Infektionsherd", erklärt Encke. "Ab 10.000 Leukozyten wird es kritisch und diesen Wert hatten wir eine Weile. Jetzt liegen wir bei 5600, haben aber gerade heute Morgen entschieden, dem Jungen weiter Antibiotikum zu geben." Ach, Entschuldigung, ihr, nicht ihm: Das Kalb entpuppte sich bei einer der zahlreichen Untersuchungen letzte Woche als Weibchen. "Das ist super für die Nachzucht", freut sich Encke. Einen Namen hat es noch nicht, den dürfen die Delfintrainer festlegen.

Neugierige Truppe

Bei der Geburt waren Sunny und ihr Baby von der neugierigen Gruppe in der Lagune lediglich durch einen Schieber getrennt. Die anderen Delfine hätten den Geburtsvorgang und seither das gesamte Geschehen im Geburtsbecken mit verfolgt, erklärt Encke. Seit einer Woche nutzen Mutter und Kind zeitweise auch das große Vorführbecken im alten Delphinarium. "Sie fühlen sich dort sichtlich wohl , das Kalb trinkt auch dort bereits bei der Mutter." Wenn das Junge stabil bleibt und sich so gut weiterentwickelt, könne es bald in die große Gruppe integriert werden. Aktuell sei das aber noch keine Option: "Dann kämen wir vielleicht an das Kalb nicht mehr heran", mutmaßt der Direktor.

Für den Tiergarten wird die bevorstehende "Vergesellschaftung" von Sunny und ihrem Mädchen mit den anderen laut Encke eine spannende Phase: Schon lange werde ein Zusammenhang zwischen dem fehlenden Wissen der Delfinmütter um die Aufzucht und den Tod der Delfinbabys in den vergangenen Jahren vermutet. Mit dem Bau der neuen Lagune erhoffe man sich neue Ansätze, was das soziale Lernen betrifft. "Wenn die Tiere, vor allem die weiblichen, erleben, wie Aufzucht funktioniert, können sie das für die Zukunft lernen und anwenden", erklärt Encke. Schon jetzt würden die Delfine miteinander interagieren und sich über ihre eigenen Töne verständigen.

Bis die Tiergartenbesucher den neuen Delfin in seiner Gruppe erleben dürfen, wird allerdings noch eine Weile vergehen: Erst muss das Mädchen stabil genug sein und die kritische Phase der Immunisierung überstanden haben. Wir werden berichten.


























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