Nürnberg
Gerichtsprozess

Prozess um S-Bahn-Schubser: Angeklagte zahlen Opferfamilien fünfstelligen Betrag

Am Mittwoch wird die Verhandlung gegen die mutmaßlichen Nürnberger S-Bahn-Schubser fortgesetzt. Wie heute bekannt wurde, hatten die beiden Angeklagten eine fünfstellige Summe an die Opferfamilien gezahlt. Alle Informationen dazu im Prozess-Ticker von inFranken.de.
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Beim Prozess um die tödliche Schubs-Attacke am Nürnberger S-Bahnhof Frankenstadion zeigen die Angeklagten Reue. Den Familien der Opfer zahlten sie insgesamt eine fünfstellige Summe. Symbolfoto: Daniel Karmann/dpa
Beim Prozess um die tödliche Schubs-Attacke am Nürnberger S-Bahnhof Frankenstadion zeigen die Angeklagten Reue. Den Familien der Opfer zahlten sie insgesamt eine fünfstellige Summe. Symbolfoto: Daniel Karmann/dpa

Prozess um S-Bahn-Schubser in Nürnberg: Angeklagte zahlen 20.250 Euro an Familien der getöteten Jugendlichen

Die Hauptverhandlung gegen die beiden mutmaßlichen Nürnberger S-Bahn-Schubser wird am Mittwoch (11.12.2019) fortgesetzt. Die Angeklagten zeigen Reue: Am heutigen Tag werden ihre Entschuldigungsbriefe an die Opferfamilien verlesen, die bei der Attacke am S-Bahnhof Frankenstadion ihre Kinder verloren haben, erklärt Gerichtssprecher Friedrich Weitner.

Zusätzlich werden Unterlagen verlesen, aus denen hervorgeht, dass die Angeklagten 10.000 Euro beziehungsweise 10.250 Euro an die Opferfamilien gezahlt haben.

Die Hauptverhandlung wird am Montag, 16.12.2019, fortgesetzt. Dann sollen die Plädoyers gehalten werden. Das Urteil wird voraussichtlich am Mittwoch, 18. Dezember 2019, verkündet werden.

Verurteilung wegen Totschlags möglich

Im Vorfeld des Prozesses zur tödlichen Attacke in Nürnberg war die Staatsanwaltschaft heftig für ihre Anklage kritisiert. Zwei Jugendliche starben, nachdem sie am S-Bahnstation Frankenstadion auf die Gleise geschubst worden waren. Die beiden mutmaßlichen Täter wurden allerdings nur wegen "Körperverletzung mit Todesfolge" angeklagt.

Am Ende des Verhandlungstags am Freitag gibt die Kammer nun einen bedeutsamen Hinweis, sagt Gerichtssprecher Weitner am Montag (2.12.2019). Damit komme nun auch eine "Verurteilung wegen Totschlags in Betracht".

Beide Angeklagten bestreiten einen Tötungsvorsatz. Genau diesen unterstellen ihnen aber die Nebenkläger. Laut Weitner erklärten sie am vierten Prozesstag erneut, dass aus ihrer Sicht eine Verurteilung wegen Totschlags angemessener sei. Sie hatten bereits häufiger erklärt, dass es ihnen dabei um die Signalwirkung des Urteilsspruchs gehe, nicht um die Strafhöhe. Die ist im Jugendstrafrecht längstens zehn Jahre Haft.

Vierter Prozesstag: Weiterer Angeklagter gesteht seine Schuld ein

Am vierten Verhandlungstag habe auch der Angeklagte Mehmet K. den Tatvorwurf "Körperverletzung mit Todesfolge" zugegeben, sagte Sprecher Weitner. Er ist als Zuschauer bei der nicht-öffentlichen Verhandlung zugelassen. Während sich der Angeklagte Kirian D. bereits am ersten Prozesstag persönlich bei den Opferfamilien entschuldigt und den Tatvorwurf eingeräumt hatte, war K.s Erklärung am Mittwoch (20. November 2019) dessen erstes Schuldeingeständnis.

Vier weitere Zeuginnen und Zeugen seien gehört worden, sagte Weitner. Die Befragung sei "recht zäh" verlaufen, konnten sich doch viele Zeugen zehn Monate nach der Tatnacht nicht mehr so gut erinnern.

Am Nachmittag des 29. November wird noch einmal ein Polizeibeamter gehört werden, unter anderem zur Kameraperspektive und zu früheren Zeugenbefragungen.

Zusammenfassung des dritten Prozesstages: Gericht setzt weitere Verhandlungstermine an

Eigentlich sollte am kommenden Mittwoch das Urteil fallen in dem Prozess gegen die beiden S-Bahn-Schubser von Nürnberg. Doch weil am dritten Prozesstag zwei Zeugen nicht erschienen sind und das Gericht weitere Zeugen laden möchte, wird ein weiterer Verhandlungstermin nötig.

Fünf Jugendliche, die sich in der Nacht auf den 26. Januar 2019 am Bahnsteig aufgehalten hatten, wurden am Montag als Zeugen vernommen, wie der Gerichtssprecher Friedrich Weitner mitteilte.

Als letzte habe die Ermittlungsbeamtin der Kriminalpolizei ausgesagt, die in der Tatnacht Rufbereitschaft hatte. Sie habe noch in der Nacht erste Zeugen auf der Dienststelle befragt.

Insgesamt habe die Polizei im Laufe der Ermittlungen etwa 185 Zeuginnen und Zeugen vernommen, die meisten von ihnen Jugendliche zwischen 16 und 21 Jahren. Auch am dritten Prozesstag seien den Prozessbeteiligten wieder und wieder Videosequenzen aus der Überwachungskamera vorgespielt worden. Die Angehörigen der Opfer seien die ganze Zeit dabeigeblieben - nur eine Mutter sei auch an diesem Tag immer vor die Tür gegangen.

Auf Anregung der Nebenkläger werde ein weiterer Jugendlicher als Zeuge geladen und Wunsch der Verteidiger ein weiterer Polizeibeamter, sagte Weitner. Dieser solle Auskunft darüber geben, wie hoch und in welchem Winkel zum Bahnsteig die Überwachungskamera am S-Bahnhof Frankenstadion hängt. Dieses Detail soll helfen, die Kameraperspektive zu klären und damit Fragen wie diese: Sahen die schubsenden Jugendlichen am Gleis die Lichter des Zuges schon oder konnte das nur die Kamera mit ihrer Vogelperspektive?

Am Mittwoch (20. November 2019) wird die Verhandlung fortgesetzt. Wann ein Urteil zu erwarten ist, steht noch nicht fest. Die beiden 18-jährigen Angeklagten aus Zirndorf erwartet jeweils höchstens zehn Jahre Haft dafür, dass sie den Tod zweier 16-jähriger Jungen aus Heroldsberg (Landkreis Erlangen-Höchstadt) verantworten. Sie sollen eines der beiden Opfer von hinten so geschubst haben, dass er bei seinem Sturz ins Gleisbett zwei weitere Jugendliche mitriss. Überlebt hat den Sturz auf die Gleise nur einer der dreien, ein Bekannter der Angeklagten.

Zusammenfassung des zweiten Prozesstages: Freunde und Mütter der Getöteten kommen zu Wort

Am Freitag, dem zweiten Prozesstag, war mit Spannung die Zeugenaussage des Jungen erwartet worden, der den Sturz ins Gleisbett überlebt hat. Er machte allerdings von seinem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch.

Auch sonst gelangten am zweiten Tag nur wenige Details aus der nicht-öffentlichen Verhandlungstag nach außen. Als weitere Zeugen wurden Jugendliche aus der Heroldsberger Clique gehört, dem Heimatort der getöteten Jungen. Benjamin Schmitt, Nebenkläger-Anwalt der Opferfamilie Ballmann, beschrieb den zweiten Prozesstag als "sehr emotional". Der Richter habe auch die Mütter der getöteten Jungen gefragt, wie es ihnen gehe. Zum Inhalt der Aussagen machte er keine Angaben.

Zusammenfassung erster Prozesstag: Mutter kann Video nicht ertragen

Zum Prozessauftakt um das tödliche S-Bahn-Drama in Nürnberg entschuldigten sich die Verteidiger der beiden Angeklagten bei den Familien der beiden getöteten 16-Jährigen. Als das furchtbare Video der Überwachungskameras gezeigt wurde, verließ die Mutter eines Opfers den Saal. Und auch der Lokführer schildert die dramatischen Sekunden.

Unter großem Medieninteresse ist am Donnerstag der Prozess um die S-Bahn-Schubserei am Nürnberger S-Bahnhof Frankenstadion mit zwei Toten am Landgericht Nürnberg-Fürth gestartet. Allerdings müssen die Kameras während der Verhandlung draußen bleiben, da die beiden 18-jährigen Angeklagten zum Tatzeitpunkt im Januar 2019 noch minderjährig waren und Jugendsachen nie öffentlich sind. Die beiden Schüler aus Zirndorf wurden direkt nach der Tat festgenommen und sitzen seitdem in Untersuchungshaft. Die Anklage: Körperverletzung mit Todesfolge.

Anberaumt sind vier Verhandlungstage, an denen 17 Zeugen gehört werden sollen. Das Urteil soll am kommenden Mittwoch fallen.

Streit am S-Bahnhof Frankenstadion: Drei Jugendliche ins Gleisbett gestoßen

Für Luca Ballmann und Frederik Wilke aus Heroldsberg (Landkreis Erlangen-Höchstadt) endete ein Diskobesuch tödlich. Mit ihren Freunden wollten sie wie viele andere Teenager auch nach einer U-18-Party kurz nach Mitternacht am 26. Januar 2019 mit der S-Bahn nach Hause fahren.

Am Bahngleis kam es zu einem Streit zwischen mehreren Jugendlichen, wie es in der Anklageschrift heißt. Nach einer Rangelei stießen die beiden angeklagten Schüler aus Zirndorf einen 16-Jährigen von hinten in die Gleise. Wegen des dichten Gedränges stürzten zwei weitere 16-Jährige mit nach unten. Während sich ein Jugendlicher rechtzeitig zur Seite rollen konnte, wurden Frederik und Luca von einem herannahenden Zug erfasst. Sie hatten keine Chance, wie die Anklageschrift deutlich macht: Sie erlitten "massivste Verletzungen", Körperteile seien vollständig zertrümmert worden.

Eine Polizeibeamtin schilderte am ersten Prozesstag, wie sie Kleidungsstücke und Leichenteile im Gleisbett aufgesammelt habe. Dem Rechtsmediziner zufolge seien die Jugendlichen sofort tot gewesen.

"Körperverletzung mit Todesfolge": Eltern kritisieren Staatsanwaltschaft

Die Kriminalpolizei hatte zunächst unter dem Vorwurf des Totschlags ermittelt und mehr als hundert Zeugen vernommen. Die Staatsanwaltschaft rückte jedoch davon ab. Die Eltern der Opfer halten die rechtliche Einordnung als Körperverletzung mit Todesfolge für eine Verharmlosung der Tat. Es gebe "zahlreiche Anhaltspunkte, die den Verdacht nahelegen, dass hier der Tod billigend in Kauf genommen ist" sagt Benjamin Schmitt, Anwalt der Opferfamilie Ballmann.

Seinen Mandanten gehe es nicht um eine möglichst hohe Strafe, sondern um eine "angemessene rechtliche Würdigung der Tat". Diese Kritik äußerten die beiden Vater der getöteten Jungen auch im September in der Fernsehsendung "SternTV". Bei RTL berichteten sie über das Leid ihrer Familien.

Der Migrationshintergrund der Angeklagten spiele für sie keine Rolle. Auch in den sozialen Medien wird die Anklage heftig kritisiert.

Sprecher betont "Erziehungsgedanken" beim Prozess

Ein Gerichtssprecher erklärte vor Verhandlungsbeginn, dass die Strafkammer während des Prozesses einen sogenannten richterlichen Hinweis geben könne, um die Anklage zu ändern. An der Länge der Strafe würde das nicht unbedingt etwas ändern, denn zehn Jahre sind unabhängig vom Schuldspruch die längste Strafe für Jugendliche. "Im Jugendstrafrecht steht der Erziehungsgedanke im Vordergrund", betonte der Sprecher.

S-Bahn-Schubser entschuldigen sich bei Opferfamilien

Der Prozess begann dann mit einer ungewöhnlich menschlichen Geste des leitenden Richters, wie der Justizpressesprecher später mitteilte. Die Richter hätten den Opferfamilien ihre aufrichtige Anteilnahme ausgesprochen, alle Anwesenden hätten sich angeschlossen.

Zunächst lasen die Verteidiger Erklärungen und Entschuldigungen der beiden angeklagten 18-jährigen Männer aus Zirndorf vor und bestritten eine Tötungsabsicht. Er möchte sich aufrichtig entschuldigen für das Leid, ließ der eine Angeklagte seinen Anwalt mitteilen. Er habe durchaus damit gerechnet, dass sein Kontrahent auf die Gleise fallen und sich verletzen könnte. An einen Zug habe er jedoch nicht gedacht. Kaum seien die Jugendlichen im Gleis gewesen, sei auch schon ein Zug gekommen und der Angeklagte sei entsetzt weggelaufen. Nach den Äußerungen seines Verteidigers stand der junge Mann auf, um sich selbst zu äußern. Er bekenne sich zur Tat und wisse, er könne nichts wieder gutmachen.

Auch der zweite Angeklagte entschuldigte sich über seinen Verteidiger bei den Opferfamilien. Er räumte ebenfalls ein, dass er geschubst habe, jedoch nicht mit einem heranfahrenden Zug gerechnet habe. Erst hinterher sei erst ihm klar geworden, wie gefährlich das Gerangel am Bahnsteigrand gewesen sei. Er mache sich seitdem Vorwürfe.

Als das Videomaterial aus einer Überwachungskamera im Gerichtssaal an die Wand geworfen wird, geht die Mutter eines Opfers nach draußen. Anders als ihr Mann, der die Aufnahmen schon mehrere hundert Male angeschaut hatte, wollte sie sich das nie antun. Nach der Tat im Januar waren Videoaufnahmen an Schulen im Umlauf gewesen. Nürnbergs dritter Bürgermeister warnte damals vor "grausamen Szenen". Im Gerichtssaal wurden die Videos mit Pausen mehrfach angeschaut. Ein weiteres Video zeigte einen der Angeklagten beim Verlassen der Diskothek. Bereits dort sei er in eine andere Auseinandersetzung verwickelt gewesen, berichtet ein Opferanwalt, "eine aggressive Grundstimmung" sei sichtbar gewesen.

Lok-Führer schildert dramatische Sekunden

Am Nachmittag des ersten Prozesstags kamen Polizeibeamte, ein Bahnbeamter und der Lokführer zu Wort. Obwohl auf der Strecke 120 Stundenkilometer erlaubt gewesen seien, sei der Zug nur mit 88 Stundenkilometern unterwegs gewesen. Weil er im Fahrplan lag, sei er bewusst langsamer als erlaubt gefahren, berichtete der Lokführer. Er habe viele Menschen am Bahnsteig gesehen und ein Pfeifsignal abgegeben.

Weder Lautsprecherdurchsagen noch die Anzeigetafeln warnen am S-Bahnhof Frankenstadion vor durchfahrenden Zügen. Der Bahnbeamte erklärt, dass es für Fußballspiele und andere Großveranstaltungen extra Sicherheitsvorkehrungen gebe, nicht jedoch, wenn die Disko schließe. In dieser Nacht warnten nur gelbe Dreiecksschilder.

Ein Polizeibeamter berichtete von seinen Untersuchungen zu der Frage, ob man herannahende Züge hören könne. Dies hänge von der Art des Zuges und der eigenen Position ab, nicht immer seien sie rechtzeitig zu hören. Auch der Lokführer erwähne, dass er ein leises S-Bahn-Modell gefahren sei. Plötzlich seien drei bis vier Personen vom Bahnsteig gefallen und er habe sofort die Notbremsung eingeleitet. Er sei "fix und fertig" gewesen.

In Deutschland passiert es immer wieder, dass Menschen vor die Gleise gestoßen werden. Besonders großes Aufsehen erregte der Tod eines achtjährigen Jungen in Frankfurt/Main, den ein Mann im Juli dieses Jahres vor einen ICE gestoßen hatte. Danach waren Forderungen nach Schranken an Bahngleisen laut geworden. Auch das Nürnberger S-Bahn-Drama gibt Anlass über verstärkte Sicherheitsvorkehrungen an Bahngleisen nachzudenken. Wie ein Bahnsprecher mitteilte, gebe es bisher Durchsagen nur, wenn ein Zug mit mindestens 160 Stundenkilometern durch einen Bahnhof rast.

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