Nürnberg

Auftragskiller für Schwester angeheuert - Mann (24) wird trotzdem freigesprochen

Obwohl er am Nürnberger Hauptbahnhof einen Auftragskiller für seine Schwester anheuern wollte, ist ein 24-jähriger Iraker vor dem Landgericht Nürnberg-Fürth freigesprochen worden. Die Begründung: Es seien weder Zahlungsmodalitäten geklärt gewesen, noch Namen oder Kontaktdaten ausgetauscht worden.
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Nach einem Auftragsmord am Nürnberger Hauptbahnhof wurde am Donnerstag das Urteil gesprochen. Symbolfoto: Daniel Karmann/dpa
Nach einem Auftragsmord am Nürnberger Hauptbahnhof wurde am Donnerstag das Urteil gesprochen. Symbolfoto: Daniel Karmann/dpa

Update, 23. Januar 2020: Freispruch trotz Suche nach Auftragskiller für Schwester

Am Donnerstag (23.01.2020) fiel das Urteil im Prozess um einen Auftragsmord in Nürnberg. Der Angeklagte, der am Hauptbahnhof nach einem Auftragskiller für seine Schwester, Dilara*, gesucht hatte, wurde freigesprochen. Der Vorsitzende Richter sagte in seinem Urteil, dass die belastende Zeugenaussage des vermeintlichen Auftragsmörders nicht geeignet sei, einen Schuldspruch herbeizuführen.

Zwar habe der 24-jährige Iraker tatsächlich einen Mann damit beauftragt, seine 16-jährige Schwester zu töten, die sich standhaft weigerte, eine Zwangsehe einzugehen. Jedoch seien weder Zahlungsmodalitäten geklärt gewesen, noch Namen oder Kontaktdaten ausgetauscht worden.

Als erwiesen sah das Gericht dagegen an, dass der Angeklagte Dilara* mit der flachen Hand geschlagen hatte. Dafür erhielt der Angeklagte eine Haftstrafe von acht Monaten wegen Körperverletzung, die zur Bewährung ausgesetzt wurde.

Wie aus Krimi-Drehbuch: 1500 Euro für Mord an Schwester

Was der vermeintliche Killer als Zeuge am zweiten Prozesstag (20. Januar 2020) ausgesagt hatte, klang nach einem Krimi-Drehbuch. 1500 Euro wollte der 24-jährige Angeklagte zahlen - für den Mord an der eigenen Schwester "mit sechs oder sieben Messerstichen".

Dilara* wird verlobt - junger Mann schubst und würgt sie

Wie es die Tradition so will, wurde Dilara* am 16. März 2019 auf Wunsch ihrer Eltern verlobt. Die kurdische Familie war 2014 aus dem Irak geflohen, ihre archaischen Werte hatte sie mitgebracht. Die Verlobung mit dem 23-jährigen Mann, den das Mädchen zuvor nicht kannte, geschah noch freiwillig. Doch schon wenige Tage später sagte die Schülerin, dass sie den Mann nicht heiraten wolle.

Der Bräutigam in spe verhielt sich auch nicht sonderlich charmant: Ihm wurde im Dezember unter anderem wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung der Prozess gemacht. Nachweisen konnte ihm das Gericht nur, dass er Dilara* geschubst und gewürgt hatte. Verurteilt wurde er dann wegen Körperverletzung zu einer Geldstrafe in Höhe von 120 Tagessätzen.

Dilara* sagt gegen eigene Familie aus

"Wenn sie sich was in Kopf setzt, macht sie das auch", hatte eine 14-jährige Freundin von Dilara* am ersten Verhandlungstag am vergangenen Donnerstag ausgesagt. Sie erzählte, dass sie in einen anderen jungen Mann verliebt war. Auch das Mädchen selbst packte gegen ihre Familie aus - Zuschauer mussten allerdings draußen bleiben.

Anklage: Familie sperrt Dilara* ein und schlägt zu

Weil Dilara* sich also weigerte den Cousin zu heiraten, sperrten sie ihre Eltern laut Anklageschrift immer wieder in die Wohnung ein. Der Vater und der ältere Bruder sollen sie geschlagen und bedroht haben, um ihren Willen zu brechen. Doch Dilara* blieb auch mit blutender Nase und blauem Auge standhaft.

Bruder spricht 37-Jährigen vor Nürnberger Hauptbahnhof an

Und so soll der ältere Bruder laut Anklageschrift beschlossen haben, dass seine widerspenstige Schwester sterben müsse. An einem Abend im Juni 2019 soll er vor dem Nürnberger Hauptbahnhof einen 37-jährigen Mann angesprochen und ihn gefragt haben, was er für einen Auftragsmord verlangen würde. Von dieser Begegnung berichtete der Mann als Zeuge in der Verhandlung am Montag sichtlich erregt. "In was für einem Film bin ich hier?", habe er sich gefragt und dann beschlossen: "Ich spiel mit."

Auftragsmord für 1.500 Euro? 37-Jähriger geht zur Polizei

Er sagte, dass er 50.000 Euro nehme und dass er ohnehin demnächst in Haft müsse. Der Bruder habe nur 1000 Euro geboten und schließlich habe man sich auf 1500 Euro geeinigt. Zehn Tage später wollten sie sich erneut treffen, der Angeklagte tauchte aber schon acht Tage später wieder am Hauptbahnhof auf. Der Zeuge hielt sich nach eigenen Angaben oft dort auf, da er keine Arbeit habe und sich langweile. Er lebt seit 30 Jahren in Deutschland, allerdings ist er nur geduldet. Während er noch im Gespräch mit Polizisten war, habe ihn der Angeklagte auf Arabisch angesprochen. Er habe ihm ein Foto einer jungen Frau gezeigt und gesagt, der Zeuge solle das Mädchen erstechen. Es müsse schnell gehen und er wolle sie tot sehen. Anstatt den Auftrag auszuführen, ging der vermeintliche Auftragskiller jedoch zur Polizei.

Mädchen flieht mehrfach aus Wohnung der Eltern - Vater soll ihr mit dem Tod gedroht haben

Dilara* war derweil mehrfach aus der Wohnung ihrer Eltern geflohen - zu einer Freundin und in eine Jugendschutzeinrichtung. Ihre Mutter lockte sie zurück mit dem Versprechen, dass sie den Verlobten nun doch nicht heiraten müsse und auch nicht mehr geschlagen werde. Kaum zuhause angekommen, soll sie ihr Vater laut Anklageschrift an den Haaren in ihr Zimmer geschleift und mit einem Gürtel verprügelt haben. Der Vater soll seiner Tochter auch gedroht haben, dass er sie umbringen werde, wenn sie ihren Widerstand gegen die Hochzeit nicht aufgebe. Bei einem Ausflug am nächsten Tag rannte Dilara* ein letztes Mal davon. Seit Juni 2019 lebt sie nun an einem geheimen Ort.

Im Verfahren gegen die Eltern des Mädchens wegen versuchter Zwangsheirat wird am Freitag (24. Januar 2020) ein Urteil erwartet.

* Der Name des Opfers wurde von der Redaktion geändert.

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