Nürnberg
Abschuss

Nach Jagd am Wöhrder See: Tierschützer erstatten Anzeige - haben die Gänse lange gelitten?

Nach dem Abschuss von acht Gänsen am Wöhrder See ist der Aufschrei in Nürnberg groß. Tierschützer wettern gegen die Stadt. Wie am Freitag bekannt wurde, ermittelt die Polizei wegen mehrerer möglicher Vergehen. Unter anderem geht es um den Verstoß gegen das Tierschutzgesetz.
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Die Gänsejagd am Wöhrder See in Nürnberg zieht weitere Kreise. Die Polizei ermittelt wegen mehrerer Anzeigen.  Foto: Tierheim Nürnberg
Die Gänsejagd am Wöhrder See in Nürnberg zieht weitere Kreise. Die Polizei ermittelt wegen mehrerer Anzeigen. Foto: Tierheim Nürnberg

Der Abschuss von Gänsen am Wöhrder See in Nürnberg bleibt nicht ohne Folgen. Den allermeisten Zorn bekommt der zuständige Zweite Bürgermeister Christian Vogel (SPD) zu spüren, weil er die Gänse zum Abschuss freigegeben hat. Im Internet wird der Stellvertreter von Oberbürgermeister Ulrich Maly (SPD) teilweise scharf angegriffen und persönlich beleidigt.

Zweiter Bürgermeister Vogel verteidigt die Aktion: "Jagd auf Gänse ein ganz normaler Vorgang"

"Die Jagd auf Gänse ist ein ganz normaler Vorgang", verteidigt Vogel in dieser Woche auf Anfrage die bleihaltige Aktion. Er könne bei der Gänsejagd keinen Unterschied zur Jagd auf Wildschweine, Rehe oder Hasen feststellen. "Damit müssen wir vernünftig umgehen", forderte Vogel, der nach der Abschussaktion sogar Morddrohungen erhalten habe. "Ich erwarte in keinem Fall, dass alle mit dem Vorgehen einverstanden sind. Ich erwarte aber sehr wohl, dass man sich mit dem Sachverhalt vernünftig auseinandersetzt. Drohungen, Gewalt und Hass ist in diesem Zusammenhang sicherlich das falscheste Mittel", sagte Vogel hierzu.

Vorwurf an die Stadtjäger: Federvieh musste lange leiden

Selbstverständlich werden auch die Stadtjäger von den Kritikern der Abschussaktion aufs Korn genommen. Diese hätten das Federvieh teilweise nicht richtig getroffen und dadurch lange leiden lassen, lautet der Vorwurf.

Auf die Gänsejagd haben sich die Waidmänner bereits am vergangenen Wochenende begeben. In aller Herrgottsfrühe haben die Jäger die Schnattertiere ins Visier genommen. Die Stadt hatte die Gänsejagd mit Verweis auf die Verschmutzung der beliebten Stadtstrände kürzlich erlaubt. Bereits nach dieser Grundsatzentscheidung ist die Empörung groß gewesen.

Normalerweise veröffentlicht das Tierheim Nürnberg süße Fotos von Hunden und Katzen auf seiner Facebook-Seite. Nach der ersten Gänsejagd schaut die Seite der Tierfreunde deutlich anders aus. Auf Bildern werden die erlegten Gänse vom Wöhrder See gezeigt. Darauf sind die Tiere tot am Strand liegend zu sehen.

Dazu hat das Tierheim folgenden Erlebnisbericht wiedergegeben: Eine verzweifelte Frau habe sich beim Tierheim gemeldet. Seit sechs Uhr morgens würden die ersten Gänse eiskalt abgeknallt. Ein Tier sei nicht richtig getroffen worden und musste "über eine Stunde" um ihr Leben kämpfen. Die angeschossene Gans sei vermutlich verblutet.

Tierheim Nürnberg schreibt: "Monster Mensch" hat zugeschlagen

Und weiter schreibt das Nürnberger Tierheim: "Unser Notdienst konnte ihr [der Gans] leider auch nicht mehr helfen. Wir sind entsetzt, schockiert und fassungslos!" Das "Monster Mensch" habe laut Tierheim "mal wieder" zugeschlagen. Zusätzlich hat das Tierheim ein Video veröffentlicht, dass offensichtlich die verzweifelte Frau von den toten Gänsen am Wöhrder See gefilmt hat.

Auch Bürgermeister Vogel scheint das Gänseleid am Stadtstrand nicht unberührt zu lassen. Wenn ein Tier bei der Jagd nur verletzt wurde, dann aber möglicherweise übersehen wurde, wäre dies ein Fehler, der nicht in Ordnung sei. Hier stehe laut Vogel allerdings Aussage gegen Aussage. "Wenn es aber wirklich so war, kann ich mich nur dafür im Namen des Jagdpächters und der Jäger entschuldigen", betonte Vogel.

Bakterien im Gänsekot können zu Magen-Darm-Erkrankungen führen

In der aufgeheizten Debatte dürfe man nicht vergessen, dass die Untersuchung des Gänsekotes ergeben hätte, dass die darin enthaltenen Bakterien zu Magen-Darmerkrankungen bei Besuchern des Wöhrder Sees führen können.

Die Jäger selbst sehen sich zu Unrecht am Pranger. "Man kann es keinem mehr recht machen. Die einen wollen einen sauberen Strand, die anderen wollen kein Tier töten", sagt Margit Reiß, Zweite Vorsitzende des Nürnberger Jagdschutz und Jägerverbandes. Die Stadt sei in der Zwickmühle, ist sich Reiß, die persönlich nicht an der Jagd teilgenommen hat, sicher. Die Jäger könnten nur versuchen, Aufklärungsarbeit zu leisten. Besonders in den Städten würde die Bevölkerung immer mehr die Augen vor der Realität verschließen.

Auf diese versucht auch Bürgermeister Christian Vogel trotz aller Aufregung hinzuweisen. Die Bejagung der Gänse, die am Wochenende in Nürnberg durch die Jäger stattgefunden habe, sei lediglich ein "einzelner Spiegelstrich" in dem Gesamtkonzept. Die Fütterung der Gänse durch vermeintlich tierliebe Besucher sei die eigentliche Hauptursache für die hohe Zahl der umstrittenen Schnattertiere am Wöhrder See.

Wie die Deutsche Presse-Agentur (dpa) am Freitag (24. August) berichtet, ermittelt die Polizei nun wegen möglicher Verstöße gegen das Tierschutzgesetz, wegen Sachbeschädigung und Beleidigung. Drei Bürger hätten Anzeige erstattet, weil eine Gans angeschossen worden sei und lange gelitten habe, sagte ein Polizeisprecher am Freitag, 24. August 2018. Zuerst hatte der Bayerische Rundfunk über die Ermittlungen berichtet.

Unbekannte hängen Plakate mit Beleidigungen auf

Zudem hängten Unbekannte in der Nacht zum Mittwoch am See Plakate mit Beleidigungen gegen Verantwortliche der Stadt auf. Auch Mülleimer und Sitzbänke seien mit der Aufforderung beschmiert worden, die Gänse leben zu lassen, sagte der Sprecher. Hier ermittle nun das Fachkommissariat Staatsschutz. Es bittet Zeugen, die entsprechende Beobachtungen gemacht haben, sich mit dem Kriminaldauerdienst Mittelfranken unter der Telefonnummer 09 11 2112 - 3333 in Verbindung zu setzen.

Acht Gänse mit städtischer Erlaubnis erlegt

Jäger hatten die Gänse am Samstag mit Erlaubnis der Stadt erlegt, weil die Tiere den Badestrand und eine Bucht mit Kot verschmutzen. Die Grau- und Kanadagänse sollen von dort verscheucht werden. Vorerst sollen aber keine Tiere mehr getötet werden.

Der Zweite Bürgermeister Christian Vogel (SPD) bekam nach der Jagd Morddrohungen. Er will deswegen laut einer Sprecherin ebenfalls Anzeige erstatten. Eine Petition im Internet hat mehr als 20.000 Unterstützer (Stand: 24. August).

Von Nikolas Pelke mit Material von dpa



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