Nürnberg
Spielwarenindustrie

Mr. Rennbahn will weg aus China

Einst war der Nürnberger Kurt Hesse Chef der Firma Carrera, heute verkauft er unter dem Namen Cartronic Rennbahnen. Die ließ der erfahrene Unternehmer bisher in China fertigen. Das soll sich bald ändern.
Artikel drucken Artikel einbetten
Kurt Hesse in seinem Ausstellungsraum in Nürnberg: Als er 1985 die Firma Carrera übernahm, hatte er noch keine Ahnung von Spielwaren. Heute verkauft der 70-Jährige immer noch Autorennbahnen. Foto: Matthias Litzlfelder
Kurt Hesse in seinem Ausstellungsraum in Nürnberg: Als er 1985 die Firma Carrera übernahm, hatte er noch keine Ahnung von Spielwaren. Heute verkauft der 70-Jährige immer noch Autorennbahnen. Foto: Matthias Litzlfelder
+3 Bilder
"Made in China" ist in der Spielwarenbranche seit langem ein gängiger Weg. "Alle Autorennbahnen weltweit kommen heute aus China", sagt Kurt Hesse. Der Nürnberger kennt diese "kleine internationale Welt", wie er die Branche nennt, seit Jahrzehnten. Genauer gesagt seit 1985.

Hesse war damals 41 Jahre alt und bereits erfolgreicher Unternehmer, als ihm das Angebot unterbreitet wurde, die Firma Carrera in Fürth zu übernehmen. Die erste Reaktion des Nürnbergers: "Nach Fürth gehe ich nicht. Und was will ich mit einer Spielwarenfabrik?" Carrera, Hersteller von Autorennbahnen, stand damals kurz vor dem Konkurs. Das Unternehmen war laut Hesse "in einem desolaten Zustand, im Gegensatz zum mehr als 15 000 Quadratmeter großen Fabrikgebäude". Autorennbahnen hatten Mitte der 1980er Jahre in den Kinderzimmern an Interesse eingebüßt, die Carrera-Umsätze waren eingebrochen. Laut Hesse hatte die Firma damals 40 Millionen Euro Schulden, bestand noch aus 113 Mitarbeitern von ehemals 650.

Platz im Carrera-Gebäude

Hesse kaufte den angeschlagenen Spielwarenhersteller. Denn er brauchte Platz. 1970 hatte er sich selbstständig gemacht und ein Ingenieurbüro gegründet. Kurze Zeit später noch eine Zeitarbeitsfirma. Damals etwas Ungewöhnliches. Hesses Mitarbeiter - zu Spitzenzeiten sollen es rund 380 Personen gewesen sein - betrieben Maschinen- und Anlagenbau, entwickelten und konstruierten für renommierte Firmen. "Wir waren bei Siemens über Jahre die Nummer eins", sagt Hesse. Auch für Autozulieferer wie Bosch oder Brose wurde Hesses Ingenieurbüro tätig.

"Ich wollte in meinem Berufsleben nie längere Zeit die gleiche Tätigkeit ausführen", erzählt er. Fortan kam also wieder etwas Neues hinzu. Einerseits hatte er durch die Carrera-Übernahme nun Platz, um die vielen Aufträge für sein Ingenieurbüro bearbeiten zu lassen. Andererseits tauchte der Unternehmer ein in die Welt der Spielwaren.

Selbstmord des Firmengründers

Doch sein Einstand war dramatisch. "Ich bin ihr neuer Chef", sagte er auf der ersten Carrera-Betriebsversammlung, zwei Tage nachdem er die Fürther Fabrik aus dem Konkurs heraus gekauft hatte. "Ihr alter Chef hat sich letzte Nacht umgebracht. Entscheiden Sie, ob Sie mit mir weitermachen wollen." Der bisherige Eigentümer, Hermann Neuhierl, hatte - vor den Trümmern seines Lebenswerks - wenige Tage vor Eröffnung der Nürnberger Spielwarenmesse Selbstmord begangen.

Aus diesem Schock für alle Beteiligten heraus begann Hesse, die Fabrik umzubauen. Die Mitarbeiter wurden übernommen, neue Patente entwickelt, neue Technik eingeführt. "Ich habe Carrera mit meinem Ingenieurbüro ernährt", sagt der 70-Jährige heute.

Mit Hesse an der Spitze schien es wieder aufwärts zu gehen bei Carrera. Doch dann geriet der Nürnberger in einen Konflikt mit der Steuerfahndung, saß zwischenzeitlich sogar wegen Fluchtgefahr im Gefängnis. "Alles lief tumultartig während dieser Zeit", erzählt er. Hesse erzählt gern und ausführlich, redet dabei offen. Die Hausbank habe das Unternehmen an die Börse bringen wollen, dagegen habe er sich gewehrt.

Rückkehr mit Namen Cartronic

1997 war dann Schluss. Nach Querelen mit den Banken zog sich Hesse als Geschäftsführer und Alleingesellschafter von Carrera zurück. Da war er 53 Jahre alt. Jeder dachte, Hesse kehrt der Spielwarenbranche den Rücken. Doch zwei Jahre später kam der Nürnberger mit neuem Patent und neuem Namen zurück ins Geschäft. Heute verkauft er unter dem Namen Cartronic mit seiner Firma Autec die gleichen Produkte: Autorennbahnen. Hinzu kommen ferngesteuerte Autos, Schiffe oder Hubschrauber. Alles sogenannte "Boys Toys", wie Hesse sagt, für Jungen ab drei Jahren.

Über Umsatzzahlen redet er nicht. Aber über die Produktionsmethoden. Hesse lässt seine Spielwaren in China fertigen. "Ich agiere dort mit meinen eigenen Werkzeugen", sagt er. Aber wohl nicht mehr lange. "In Zukunft werden meine Bahnen wieder in Europa produziert." Wo das sein wird, will er noch nicht verraten. "Wir führen Gespräche." Im Moment kämen sowohl Deutschland als auch Osteuropa in Betracht. "Wir sind schon zur Hälfte fertig mit den Umzugsplanungen. Dieses Jahr werden wir noch Werkzeuge aus China abziehen."

Laut Hesse sind die Chinesen zwar "Weltmeister im Improvisieren". Eine Autorennbahn sei aber ein relativ kompliziertes Produkt, und die Qualität stimme vielfach nicht. Diese Probleme kennt Hesse schon von seiner Zeit bei Carrera. Ende 1995 war er mit einem Teil der Carrera-Produktion nach China gegangen. Bald kamen die ersten Probleme mit dem chinesischen Partner und den rund 200 Mitarbeitern vor Ort: "Der Chinese hat nicht geliefert." Auch im Weiteren ließen die Probleme nicht nach. Es kam zu Umsatzeinbrüchen infolge verspäteter Produktion.

Erfolgreich im Lizenzstreit

Durch den Rückzug nach Europa verspricht sich Hesse jetzt Vorteile bei Zoll und Wegstrecke. "Der Handel kann nun später bei uns bestellen."

Immer wieder hat der 70-Jährige erfolgreich vor Gericht um Markenrechte und Lizenzen für seine Spielzeugautos gestritten. Autohersteller wie Opel oder VW hatten ihn verklagt. Doch Hesse ist zäh. Seine Devise: "Sie müssen bei dem, was Sie wollen, Nachhaltigkeit beweisen."


was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren