Nürnberg

Kein "Nazi-Disneyland" in Nürnberg

Sollte man die Bauten des Nationalsozialismus in Nürnberg verfallen lassen oder renovieren? Ein Interview mit Alexander Schmidt vom Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände
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Umstrittene NS-Bauten: Das Reichsparteitagsgelände in NürnbergFoto: Nikolas Pelke
Umstrittene NS-Bauten: Das Reichsparteitagsgelände in NürnbergFoto: Nikolas Pelke
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Dr. Alexander Schmidt ist Mitarbeiter am Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände. Der 50-jährige Historiker hat sich intensiv mit dem NS-Bauten in Nürnberg beschäftigt. Zuletzt hat er insbesondere die Baugeschichte der Kongresshalle erforscht. Kürzlich erschien dazu sein Buch "Die Kongresshalle Nürnberg". Im Interview positioniert sich Schmidt in der aktuellen Debatte, die Norbert Frei in der Zeitung "Die Zeit" angestoßen hat, ob man die NS-Bauten verfallen oder für teures Geld retten soll. Der Sohn der ehemaligen Bundesministerin Renate Schmidt (SPD) begrüßt eine große, öffentliche Diskussion über eine zeitgemäße Erinnerungskultur. Nur ein "Nazi-Disneyland" lehnt er kategorisch ab.

infranken.de: Retten oder nicht? Was halten Sie von dem Vorschlag, die Zeppelintribüne verfallen zu lassen und nicht für geschätzte 70 Millionen zu sanieren?
Schmidt: Ich finde diesen Gegensatz - alles oder nichts - etwas fantasielos. Man muss sich immer fragen, welche historischen Baudokumente sind so wichtig, dass man sie tatsächlich erhalten will. Es ist aber sicher gut und richtig, dass Norbert Frei darauf hingewiesen hat, dass man nicht jeden NS-Bau tatsächlich erhalten muss. Da kann auch was weg. Das ist keine Frage.

Trifft das auch auf die Zeppelintribüne zu. Sogar Hermann Glaser kann der Idee ja etwas abgewinnen, die Steintribüne langsam verrotten zu lassen?
Ich würde sowohl Hermann Glaser als auch Norbert Frei widersprechen wollen. Ich muss aus eigener Erfahrung sagen, dass viele Besucher es nicht verstehen würden, wenn wir die Tribüne dem Verfall preisgeben würden. Meine Erfahrung ist, dass gerade den Nachgeborenen die baulichen NS-Zeugnisse wichtig sind. Mir scheint, dass die aktuelle Debatte eine generationsspezifische ist. Die Älteren sagen, wir brauchen diesen Nazi-Schrott nicht mehr. Aber die Jüngeren brauchen diesen Anschauungsunterricht. Sonst können sie sich das Funktionieren der Propaganda bei den Parteitagen einfach nicht vorstellen. Dazu gehört die Zeppelintribüne mit dem Zeppelinfeld. Was nicht heißen muss, dass man jeden Stein der Gesamtanlage wirklich restaurieren muss.

In Nürnberg gibt es nicht nur die Zeppelintribüne. Wie ist es um die Bausubstanz der viel größeren Kongresshalle bestellt?
Der legendäre Nürnberger Baureferent der Nachkriegszeit, Heinz Schmeißner, hat die Kongresshalle als "den Felsklotz am Dutzendteich" bezeichnet. Wir sprechen hier von Granit und dicken Ziegelmauern. Zudem hat die Stadt in den 50er Jahre 880 000 D-Mark investiert, um aus dem unfertigen Bautorso ein nutzbares Gebäude zu machen.

Die 50er Jahre sind schon eine Zeit lang her: Befürchten Sie nicht, dass man demnächst auch die Kongresshalle umfangreich sanieren muss, um das riesige Bauwerk dauerhaft zu erhalten?
Für ein Gebäude ist ein Bauunterhalt immer notwendig. Der große Unterschied zum Zeppelinfeld ist, dass wir die Kongresshalle heute noch nutzen. Neben dem Doku-Zentrum haben die Nürnberger Symphoniker hier ihr Zuhause. Außerdem ist die Kongresshalle ein großes Lagerhaus. Es lohnt sich also, in diese Halle weiterhin Geld zu investieren.

Sie kennen die Kongresshalle wie wenige Historiker. Was ist das Besondere an diesem hufeisenförmigen Bau, dass an berühmte Kolosseum erinnert?
Es ist einer der größten Bauklötze aus der Nazi-Zeit, die heute in Deutschland noch stehen. Er dokumentiert einerseits diese beginnende Gigantomanie des nationalsozialistischen Bauens. Ein Blick auf die imposante Fassade genügt. Geht man aber in den Innenhof, dokumentiert das gleiche Gebäude das Scheitern des Nationalsozialismus. Das ist ein ganz wichtiger Effekt. Der Unterschied zwischen der angekündigten Großmannssucht in Baufragen und gleichzeitig das absolute Scheitern dieser Versprechungen. Und noch ein Punkt: Das Gebäude gehört zu Nürnberg. Nebenan ist das Volksfest mit dem Riesenrad. Das Kolosseum sieht nicht nur beeindruckend aus, wenn man mit dem Riesenrad fährt. Das ist ein Riesending. Es sollte ja eine der größten Hallen der Welt werden. Gleichzeitig war diese Halle aber auch eine gigantische Naturzerstörung. Hier wuchsen früher 850 Bäume, die man allein für die Kongresshalle gefällt hat. Auch eine Insel im Dutzendteich wurde abgetragen, damit man die Halle besser sehen kann. Es gab auch einen kleinen Leuchtturm, wo man mit dem Aufzug hinauffahren konnte. So eindrucksvoll der Bau auch ist, man hat dafür ein wichtiges Stück Natur in Nürnberg zerstört. Diesen riesigen Klotz bekommt man so schnell nicht mehr weg.

Was ist mit dem Umkehrschluss: Muss man in den Erhalt des NS-Bauten in Nürnberg vielleicht noch viel mehr Geld hinein stecken, eine Art "Nazi-Disneyland" daraus machen, um zukünftigen Generationen die Dimensionen der Reichsparteitage und der NS-Propaganda noch anschaulicher zu machen.
Auf gar keinen Fall! Die Gebäude erzählen nicht nur die Geschichte der Nazizeit. Sondern sie erzählen auch, welche Haltungen wir zu unserer Geschichte haben und hatten. Ich lehne es absolut ab, dass wir Nazis nachspielen. Zu zeigen, jetzt erlebst du wie es wirklich war. Man kann vielleicht in die Rolle eine Ritters schlüpfen, aber ich kann niemand zumuten, in die Rolle eines Nazis zu schlüpfen. Wir brauchen keine gut erhaltenen Gebäude. Wir brauchen nur substanziell Sichtbares.

Welches Fazit ziehen Sie aus der aktuellen Diskussion um die "Einstürzenden NS-Bauten"?
Positiv finde ich an der Diskussion, dass wir uns ernsthaft überlegen, welche Orte sind wichtig zum Erinnern, und was ist nur noch zum Ritual erstarrte Erinnerungskultur. Ich bestehe darauf, dass Nürnberg in Deutschland zu den wichtigen Orten des Nationalsozialismus gehört. Das Doku-Zentrum hat Erfolg, weil es kein touristisches Highlight sein will, sondern weil es eine aufklärerisch-kritische Haltung zum Nationalsozialismus hat.

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