Nürnberg
Überraschung

Jubel in Nürnberg: Hochhaus-Bewohner dürfen Vonovia abwählen

Eine überraschende Wende zeichnet sich aktuell in Nürnberg im Fall Neuselsbrunn ab. Die Bewohner der Hochhaussiedlung, die sich gegen die umstrittene Fassadensanierung wehren, haben vorläufig Recht vor dem Amtsgericht Nürnberg bekommen.
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"Neuselsbrunn gehört den Bewohnern und Wohnungseigentümern nicht der Vonovia", sagt Gerhard Berr. Foto: Nikolas Pelke
"Neuselsbrunn gehört den Bewohnern und Wohnungseigentümern nicht der Vonovia", sagt Gerhard Berr. Foto: Nikolas Pelke

Jubelstimmung in Neuselsbrunn: Vor dem Amtsgericht Nürnberg glauben die Bewohner der Hochhaus-Siedlung einen wichtigen Sieg gegen die umstrittene Hausverwaltung "Vonovia Immobilien Treuhand" (VIT) errungen zu haben. Am Dienstag hat das Amtsgericht entschieden, dass die Anwohner eine außerordentliche Eigentümerversammlung einberufen dürfen, um die "Vonovia" abzuwählen und eine neue Hausverwaltung zu bestimmen. Damit bestätigt das Gericht laut den Anwohnern, dass Vonovia zuletzt nicht mehr rechtmäßig als Verwalterin von Neuselsbrunn amtiert habe.

Bewohner: "Klar gewesen, dass wir gegen Vonovia gewinnen"

"Mir fällt ein Stein vom Herzen", sagt ein glücklicher Gehard Berr, die die Klage stellvertretend für seine Nachbarn vor dem Nürnberger Amtsgericht durchgefochten hat, am Mittwoch auf Anfrage von inFranken.de. "Mir war von Beginn an klar gewesen, dass wir gegen die Vonovia gewinnen", freut sich Gerhard Berr. Die ungeliebte Hausverwaltung habe die Aktion zum Rückbau der angeblich brandgefährlichen Hochhausfassaden nicht nur ohne rechtmäßigen Auftrag der Eigentümer veranlasst. Obendrein habe die Vonovia im Vorfeld der kostspieligen Hauruckaktion nicht nach Alternativen für den Abriss der Dämmung an den Hochhausfassaden gesucht. "Der Rückbau der Fassaden war völliger Quatsch", ist sich Berr sicher.

Die Nürnberger Presselandschaft habe laut Berr in dem Fassaden-Streit dummerweise immer der Stadt geglaubt. Die Nürnberger Verwaltung haben wiederum ihrerseits fälschlicherweise einen einfachen Prüfbericht mit einem aufwendigen Gutachten zur Brandgefahr der Fassade verwechselt. Damit sei die Stadt der Vonovia quasi auf den Leim gegangen. Der von der Vonovia vorgelegte Prüfbericht habe allerdings lediglich festgestellt, dass die Hausfassade unter Laborbedingungen brennbar sei. Nun habe das Amtsgericht praktisch die Wahrheit ans Licht gebracht. Der Erfolg vor dem Amtsgericht scheint den Neuselsbrunnern um Gerhard Berr nun Recht zu geben.

Bewohner wollen jetzt rasch handeln

Nun wollen die Bewohner eine außerordentliche Eigentümerversammlung einberufen. Bereits am 12. Februar soll bei der Versammlung in der Meistersingerhalle eine neue Hausverwaltung gewählt werden. Laut den Bewohnern aus Neuselsbrunn liegen bereits Angebote für neue Hausverwalter vor. Vorbeugend soll auf der Versammlung auch die bisherige Vonovia-Hauverwaltung zur Sicherheit ganz offiziell von den Eigentümern abgewählt werden. Dies sei notwendig für den Fall, dass eine höhere Instanz die jetzt zu Gunsten der Neuselsbrunner ergangene Gerichtsentscheidung wieder aufheben würde. Ohne eine vorbeugende Abwahl der alten Hausverwaltung könnte ansonsten die Situation drohen, dass die nach dem kostspieligen Fassadenabriss im Hauruckverfahren ungeliebte Vonovia plötzlich wieder als Verwalterin der Hochhäuser auf juristischem Weg amtieren könne. Dies wollen die Bewohner der Hochhaussiedlung unbedingt vermeiden, um dem neu zu wählenden Verwalter trotz drohender Folgeprozesse Rechtssicherheit zu bieten.

Die notwendigen Gründe für eine Abwahl der bisherigen Vonovia-Hausverwaltung liegen laut den Bewohnern ausreichend vor. Vonovia habe beispielsweise die jährlichen Eigentümerversammlungen regelmäßig zu spät abgehalten. Im vergangenen Jahr 2018 habe die ungeliebte Hausverwaltung laut den Neuselsbrunnern überhaupt keine solche Versammlung abgehalten. Selbstverständlich seien auch die "ungenehmigten und unberechtigten Abbruchmaßnahmen" an den Hochhäusern ein wichtiger Grund für die vorgesehene Vonovia-Ablösung.

Kälte und Schimmel in Wohnungen

Neben diesen juristischen Winkelzügen dürfte es den Neuselsbrunnern freilich in erster Linie um die Zukunft ihrer Hochhaus-Wohnungen gehen. Derzeit müssen die Bewohner der Hochhaussiedlung mitten im Winter in unisolierten Räumen leben und gegen den Schimmel und die Kälte ankämpfen. Immerhin hat die Stadt versprochen, dass die zusätzlichen Heizungskosten von dem städtischen Energieversorger nicht in Rechnung gestellt werden. Nach der Abwahl der alten und der Berufung der neuen Hausverwaltung wollen sich die Neuselsbrunner sofort um die Anbringung einer neuen Fassade kümmern. Rund 15 Millionen Euro dürfte die neue Hausfassade laut Gerhard Berr mindestens kosten. "Die Kosten für die neue Fassade werden wir der Vonovia in Rechnung stellen", kündigt Gerhard Berr selbstbewusst an. Obendrein müsste die Vonovia alle finanziellen Rücklagen an die Eigentümer unverzüglich zurückzahlen. Schließlich seien die Gelder für den umstrittene Fassadenabbruch von der alten Hausverwaltung unberechtigt entnommen werden. Dadurch dürfte die Vonovia im Endeffekt auch auf den Kosten für den umstrittenen Abriss der angeblich brandgefährlichen Hausfassaden sitzen bleiben.

Von der Stadt Nürnberg verlangen Neuselsbrunner wie Gerhard Berr nach der Gerichtsentscheidung ebenfalls ein Umdenken. "Herr Maly könnte jetzt ein Einsehen beweisen, und uns zum Beispiel die Miete für die außerordentliche Eigentümerversammlung in der städtischen Meistersingerhalle zumindest teilweise erlassen", sagt Gerhard Berr in Richtung des amtierenden SPD-Oberbürgermeisters der Stadt Nürnberg.

Vonovia: "Nehmen Entscheidung des Amtsgerichts zur Kenntnis"

Derweil bleiben aktuelle Anfragen an die "Vonovia Immobilen Treuhand" bislang unbeantwortet. Zuletzt hatte der VIT-Geschäftsführer Stefan Ollig versucht, ausgewählte Journalisten über eine Nürnberger Kommunikationsagentur zu Hintergrundgesprächen zu bewegen. Am letzten Freitag beantwortete Stefan Ollig eine offizielle Presseanfrage von inFranken.de nach der Zukunft der Hochhaussiedlung in Neuselsbrunn noch schriftlich wie folgt: "Aktueller Stand ist, dass die Notmaßnahme fertig gestellt wurde und derzeit die Mängelbeseitigung der Schäden erfolgt, die nachweislich durch die Abbruchfirma verursacht wurden. Alle weiteren Maßnahmen - angefangen bei der Stellung der Gerüste, über die Beseitigung von Schimmel in den Gebäuden bis zur Installation einer neuen Fassade - stehen derzeit unter dem Vorbehalt der Finanzierung und können nur erfolgen, wenn die Eigentümergemeinschaft entsprechende Beschlüsse mehrheitlich fasst." Diese Aussage des Vonovia-Geschäftsführers Stefan Ollig dürfte sich nach der nun vorliegenden Entscheidung des Amtsgerichts, die wohl nichts weniger als eine 180-Grad-Wende im Falls Neuselsbrunn bedeutet, allerdings mehr als deutlich überholt haben. Genau um 11 Uhr äußert sich VIT-Geschäftsführer Stefan Ollig gegenüber diesem Medienhaus am Mittwoch überraschend doch noch schriftlich per Mail. "Wir nehmen die Entscheidung des Amtsgerichts Nürnberg zur Kenntnis und gehen davon aus, dass eine außerordentliche Eigentümerversammlung einberufen wird." In den Ohren der Neuselsbrunner wohl überraschend konziliant teilt Ollig darin weiter mit, dass die Vonovia Immobilien Treuhand "selbstverständlich jede dort getroffene Entscheidung der Eigentümer respektieren" wird.

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