Nürnberg
Fernsehkritik

Franken-Tatort: Krimi-Himmel war's noch nicht

Der erste "fränkische" Tatort mit Nürnberg als Kulisse konnte die hoch gesteckten Erwartungen nicht alle erfüllen. Zu unplausibel und melodramatisch war die Handlung. Das Ermittler-Team dagegen hat Potenzial.
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Hauptkommisarin Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel) beobachtet mit dem Leiter der Spurensicherung (Matthias Egersdörfer) die Arbeit der Spurensicherung am Fahrzeug des Opfers. Foto: BR/Olaf Tiedje
Hauptkommisarin Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel) beobachtet mit dem Leiter der Spurensicherung (Matthias Egersdörfer) die Arbeit der Spurensicherung am Fahrzeug des Opfers. Foto: BR/Olaf Tiedje
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Man könnte meinen im Angesicht des Medien-Hypes, es ginge um die Lösung der Euro-Krise. Mindestens. Just zur Osterzeit heißt es: Tatort, erlöse uns. Und bitt' für uns in München. Auf dass all die gefühlten Demütigungen der vergangenen 200 Jahre gerächt oder wenigstens kompensiert werden. Entführte Kunstschätze, vorenthaltene Fördergelder, eine Randexistenz im Bayerischen Rundfunk und Fernsehen - das alles soll vorbei sein, wenn jetzt endlich, endlich der Franken-Tatort anläuft.

Luft nach oben
Wenn man über den vom BR mit PR-Aufwand ohnegleichen lancierten Tatort mit dem sinnfreien Titel "Der Himmel ist ein Platz auf Erden" Kritisches schreibt, tut sich also ein Abgrund von Landesverrat auf. Dennoch, die Redlichkeit gebietet es: Dieser gestern ausgestrahlte erste Franken-Tatort, dem Nürnberg die Kulisse lieferte, war nicht gut. Oder sagen wir milder: Es ist noch reichlich Luft nach oben vorhanden.





Das liegt vor allem am Drehbuch von Regisseur Max Färberböck und seiner Koautorin Catharina Schuchmann: Die beiden können sich nicht entscheiden. Wie bei vielen nicht nur filmischen Debüts versuchen sie, zuviel hineinzupacken. Was soll es denn nun werden? Eine gewöhnliche Whodunnit-Geschichte? Eine Krimikomödie? Ein Melodram?

Das Milieu: Villen, in denen gelangweilte Hausfrauen residieren, während ihre Männer als Richter oder Professor viel Geld verdienen und sich zum Ausgleich Hahnenkämpfe liefern ("im Tennis besiegt, in der Liebe nicht", findet Hauptkommissar Voss, ein laut Einschätzung des Vorgesetzten "sehr feinnerviger Ermittler" psychologisch einfühlsam heraus), erinnert an alte Derrick-Folgen. Wieder einmal erfahren wir, wie verkommen die da oben doch sind.

Einige Spuren legen die Autoren, die dann in der Sackgasse enden: Der ermordete Professor Ranstedt arbeitete für die US-Rüstungsindustrie und hatte nebenbei etwas mit seiner Mitarbeiterin, oder erschoss die betrogene Ehefrau (sehr schön Jenny Schily) den in Erlangen wirkenden Wissenschaftler beim Schäferstündchen? War's der eifersüchtige Gatte? Dass dann die Frau des Richters, unausgelastet mit der Professor-Affäre, auch noch den Babysitter verführt: Ich bitte Sie!

Moderne Märchen
Natürlich muss man immer im Hinterkopf behalten, dass der "Tatort" keine Realität abbildet. Es werden Geschichten erzählt, moderne Märchen, wenn man so will. An denen jedoch ein reichliches Quantum Plausibilität haften sollte. Das fängt bereits bei der Frauenquote in der Polizei an, die aus dramaturgischen Gründen im Film übererfüllt ist. Womit wir beim Ermittlerteam wären. Felix Voss (Fabian Hinrichs) kommt aus dem kühlen Norden in die Noris und ist ein ganz Einfühlsamer. Seine Kollegin Paula Ringelhahn stammt aus der "Wilhelm-Pieck-Stadt Guben". Darstellerin Dagmar Manzel hatte sympathischerweise gestreut, dass sie "keine Krankheit, keine Macke, kein Kind im Heim, keine Mutter, die an Krebs stirbt" in ihrer Rolle sehen möge. So ganz hat's dann aber doch nicht geklappt: Sie leidet unter einer neurotischen Schießhemmung. Was sie für den Beruf natürlich prädestiniert. Der cholerische Polizeipräsident Dr. Kaiser - das ist Klamotte.

Wanda Goldwasser (Eli Wasserscheid) bleibt in diesem ersten Fall noch blass, anders als ihr Kollege Sebastian Fleischer (Andreas Leopold Schadt), ein knuffiger Zuspät-Hippie, man muss es leider sagen: der Franke wieder mal als vielleicht liebenswerter, aber doch Tölpel. Matthias Egersdörfer als Leiter der Spurensicherung Michael Schatz ist eben Egersdörfer, ein Urvieh mit breitestem Dialekt - Aufatmen ist hier angesagt. Doch, im Großen und Ganzen haben sie's hingekriegt mit dem Fränkischen. Dass Voss und Ringelhahn Hochdeutsch sprechen: dem Himmel oder den Autoren oder wem auch immer sei Dank. Der zerzauste Fleischer schafft's am besten, Goldwasser müht sich, eine namenlose Polizistin ist gewiss keine gebürtige Fränkin. Die Stadt Nürnberg scheint auf als Industrieruine ("Quelle, Adler, AEG") und in langen nächtlichen Fahrten dämonisierte Metropole.

Kaum Franken-Klischees
Vor allem am Ende dieses ersten fränkischen Tatorts siegt dann doch, vermittelt auch durch die chansonartige Musik, das Melodramatische. Große Gefühle, wie sie das Sonntagabend-Publikum vermutlich haben will.

Sehen wir's einmal ex negativo: Die Kommissare sind keine Psychowracks. Franken-Klischees tauchen kaum auf, hysterisches Geschrei, Seziertisch-Ekel und Serienmörder auch nicht. Bernd Regenauer, einmal ganz böse, hat einen kurzen, aber gelungenen Auftritt. Hauptdarsteller Fabian Hinrichs, der seine neue Prominenz nutzte, "weniger Volksmusik, Kochsendungen, Quiz und Sport, dafür mehr Autorenfilme" zu fordern, sei dafür gepriesen. Es wird mit dem Franken-Tatort so sein wie mit dem Club: Bei aller Mittelmäßigkeit hofft eine treue Anhängerschaft immerdar.

Der Frankentatort im Live-Blog auf inFranken.de
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