Nürnberg
Geschäftsmodell

Die Messemacher von Nürnberg

Sich zu treffen, Produkte zu präsentieren und zu entdecken, hat auch in Zeiten der Digitalisierung nicht nachgelassen. Die Nürnberg-Messe steht für den Erfolg dieses Geschäftsmodells. Eine Schuldenlast ist dabei einkalkuliert.
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Blick auf das Nürnberger Messegelände und die künftige Halle 3 C (vorne): Der Bau dieses von der 2016 verstorbenen Architektin Zaha Hadid geplanten neuen Schmuckstücks steckt in den letzten Zügen. Anfang November soll die Halle schon genutzt werden.  Foto: Heiko Stahl/Nürnberg-Messe
Blick auf das Nürnberger Messegelände und die künftige Halle 3 C (vorne): Der Bau dieses von der 2016 verstorbenen Architektin Zaha Hadid geplanten neuen Schmuckstücks steckt in den letzten Zügen. Anfang November soll die Halle schon genutzt werden. Foto: Heiko Stahl/Nürnberg-Messe
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Peter Ottmann hätte nichts dagegen, wenn es so weiterginge. Seit 2011 steht der 51-Jährige als Geschäftsführer an der Spitze der Nürnberg-Messe - einer Gesellschaft, die in Nürnberg und im Ausland Messen und Kongresse organisiert. "Man kann von sieben fetten Jahren reden", sagt er. "Und ich hoffe, eine Bibel-Analogie tritt nicht ein."

Danach sieht es aktuell erst einmal nicht aus. Die Branche befindet sich im neunten Jahr eines Wirtschaftsbooms. Die vergangenen Jahre waren für alle Gesellschaften "goldene Messejahre", wie es Ottmann formuliert. Anders als in der Fußballbundesliga spielen die Nürnberger gemessen an der Größe der Stadt dabei seit Jahren relativ weit vorne mit. Die Nürnberg-Messe gehört zu den großen Sieben in Deutschland. "Danach kommt lange nichts, dann Stuttgart", sagt der Messe-Chef.

Platz sieben in Deutschland, Platz zwölf international. Die Position der Nürnberger im Umsatzranking zeigt vor allem eines: Das Messegeschäft hat einen deutschen Schwerpunkt. Unter den Top-Ten weltweit sind vier deutsche Messegesellschaften. "Irgendwann wollen wir in Deutschland die Nummer fünf sein, so wie wir international Rang zehn erreichen wollen", nennt Ottmann zwei Ziele. Letzteres werde man schneller erreichen. Zwei britische Konzerne dominieren das weltweite Geschäft. Dann kommen die Kollegen in Frankfurt."Die waren die ersten aus Deutschland, die mit Macht ins Ausland gegangen sind", sagt Ottmann. "Frankfurt macht im Ausland so viel Umsatz wie der deutsche Rest. Die sind wie der FC Bayern im Fußball."

München auf Platz drei

Die Heimat des Fußballrekordmeisters verfügt auch über ein Messezentrum. Die Messe München liegt bundesweit auf Platz drei, hinter Düsseldorf. Dahinter befindet sich ein Vierer-Club mit Umsätzen, die nah beieinander liegen: Hannover, mit 460 000 Quadratmetern bundesweit Hallenflächenspitzenreiter, Berlin, Köln und Nürnberg.

Die Größe eines Messegeländes ist laut Ottmann kein Erfolgskriterium. Es komme auf die verkaufte Fläche an. Die bringe den Großteil des Umsatzes. Jeder Quadratmeter des Messegeländes in Nürnberg werde im Moment im Jahr 14 Mal verkauft. Der Durchschnitt in Deutschland liegt bei 9,5.

Der jüngste Erfolg der Nürnberger mit regelmäßigen Umsatzrekorden hat aber noch eine andere Grundlage. War die Gesellschaft vor 20 Jahren im Ausland noch gar nicht präsent, so hat sie jetzt mit Tochtergesellschaften in China, Nordamerika, Brasilien, Italien und Indien eine internationale Ausprägung.

Hinzu kommen neu entwickelte Formate. 17 hat die Messegesellschaft im vergangenen Jahr auf den Markt gebracht. Vier oder fünf würden sich etablieren, so Ottmanns Rechnung.

Die Rechnung ging zuletzt auch unter dem Strich auf. "Vor 2009 hatten wir immer eine schwarze Null oder Verlustjahre. Der Verlust wird inzwischen in den ungeraden Jahren (Anm. d. Redaktion: Da viele Messen einen Zweijahresrhythmus haben, gibt es hier traditionell weniger Geschäft) kleiner, und in den geraden Jahren ist der Gewinn gestiegen." Das Gewinnpolster werde wieder in die Immobilien investiert. Etwa aktuell in den fast abgeschlossenen Neubau der neuen Halle 3 C.

So ein Immobilienareal wie im Südosten Nürnbergs ist nicht günstig in Anschaffung und Unterhalt. Im Planungszeitraum 2017 bis 2026 fließen laut Ottmann 400 bis 500 Millionen Euro in Neubauten und 200 Millionen Euro in den Bestand.

Umwegrendite und Schulden

Zuletzt verbuchte die Messegesellschaft - das Gewinnjahr 2016 und das Verlustjahr 2017 zusammengerechnet - einen Gewinn von acht Millionen Euro. Das reicht für solche Investitionen ins Messegelände natürlich nicht. Solche Ausgaben über den laufenden Betrieb hinaus kann keine Messegesellschaft finanzieren. Deshalb nehmen aktuell bei der Nürnberger Gesellschaft wieder die Schulden zu. "Der Schuldenstand lag 2016 bei 144,5 Millionen Euro, jetzt steigt es wieder Richtung 200 Millionen Euro", berichtet Ottmann.

Deshalb haben die großen Messegesellschaften in Deutschland finanzkräftige Gesellschafter hinter sich, in der Regel die jeweiligen Städte und Bundesländer. Diese verfolgen langfristige Ziele: keine schnellen Gewinne, sondern Förderung des Mittelstandes und Exportschub für die Wirtschaft. In der Messebranche wird dafür oft das Wort Umwegrendite verwendet: Von der Messe profitieren indirekt Hotellerie, Gastgewerbe und andere Dienstleister. "40 Prozent der Hotelübernachtungen in Nürnberg gehen auf unser Konto", sagt Ottmann. Bundesweit hätten die Veranstaltungen der Nürnberg-Messe jährlich Kaufkrafteffekte von 1,65 Milliarden Euro zur Folge. Die Digitalisierung befeuere dieses Geschäftsmodell. Denn sie "will besprochen werden". Mit Messen wie der "it-sa" oder dem diesjährigen Digitalgipfel im Dezember bietet Nürnberg eine analoge Plattform für Treffen und Informationsaustausch. "Menschen brauchen Lagerfeuer. Und Messen sind die Lagerfeuer der Neuzeit", sagt Ottmann.



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