Nürnberg

Bob Dylan bezaubert seine Fans in Nürnberg

Ein magischer Abend in Nürnberg: Bob Dylan reißt 4500 Besucher von den Sitzen. Es gab Handyverbot und ganz viel Dylan.
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Für eine Dylan-Karte sang  sich Fränkie    vor dem Konzert die Seele aus  dem Leib. Nikolas  Pelke
Für eine Dylan-Karte sang sich Fränkie vor dem Konzert die Seele aus dem Leib. Nikolas Pelke
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Frankie schlägt in die Saiten und bläst in seine Mundharmonika. "Ich brauche noch ein Ticket", sagt er, während im Hintergrund bereits die rund 4500 Besucher an diesem Sonntagabend zum Konzert des bald 77-jährigen Bob Dylan in die Nürnberger Frankenhalle strömen.

Auch Agnes sucht noch auf den letzten Drücker eine Karte. "Dylan ist ein Weltstar. Den will ich sehen. Vielleicht habe ich Glück an der Abendkasse", sagt Agnes und geht an den Menschen mit den "Karten"-Schildern in den Händen vorbei, die die Verzweiflung von leidenschaftlichen Fans ausnutzen und Last-Minute-Tickets zu Mondpreisen anbieten wollen.
Derweil packt Frankie seine Gitarre in den Koffer. "Mir hat tatsächlich jemand eine Karte geschenkt", sagt Frankie und eilt mit Hut und Koffer zum Eingang.


Die dunkle Seite der Straße

Pünktlich um 20 Uhr betritt Bob Dylan die minimalistisch eingerichtete Bühne. Sieben Scheinwerfer baumeln wie lustige Riesenhaartrockner von der Decke und beleuchten den schwarzen Flügel, hinter dem Dylan mit "Things have changed" die erste Nummer anstimmt.

Während der Meister mit "Don't think twice, it's alright" schon den nächsten Song singt, werden Opfer der im Foyer zeitraubend langen Bierschlange im Taschenlampenlicht der Platzanweiser zu ihrem Sitzplatz geführt. Dann singt Dylan im Licht der Lampen mit warmer Stimme davon, dass er sich auf der dunklen Seite der Straße befindet, und dass es deshalb nichts bringt, wenn sein Baby das Licht anknipst. Ein paar Nachzügler geben mit lauten "Ah!"- und "Uh!"- Rufen zu erkennen, dass sie den legendären Song aus der Feder des Musikpoeten nun endlich auch erkannt haben.

Andere tuscheln noch darüber, welches Schuhwerk der Meister zum Betätigen der Pedale seines Pianos verwendet. Aus der Ferne ist das wirklich kaum zu erkennen. Gut, wer wie Ekkard aus Schwabach an den Feldstecher gedacht hat. Dann wäre das mit den Cowboystiefeln also auch geklärt.


Präzise wie ein Uhrwerk

Den großartigen Auftritt können diese Nebenkriegsschauplätze allesamt nicht erschüttern. Dafür ist die Band, dafür ist Dylan einfach viel zu gut. Die hervorragenden Musiker behandeln die Rocknummern so liebevoll wie klassische Partituren.

Bestes Beispiel ist der Trommler, der präzise wie ein eidgenössisches Uhrwerk den Takt vorgibt. Dazu singt Dylan so sanft, wie sich Fahrtwind am Mittelmeer anfühlt. Wie Glühwürmchen erleuchten plötzlich kleine Funzeln die Bühne, als Dylan eine zarte Version von "Simple Twist of Fate" zum Besten gibt. Spätestens jetzt wünschen sich viele, sie würden in einer Freiluftarena ohne Hallendach über dem Kopf an diesem Sommerabend mit Dylan auf der Bühne sitzen.
Dann steht Dylan vom Flügel auf greift sich das Mikrofon wie ein Argentinier seine Braut zum Tango. Von seinem Album "Fallen Angels" singt Dylan den Sinatra-Klassiker "Melancholy Moon".

Bevor er den Jazz-Standard "Come Rain or Come Shine" aus dem "American Songbook" mit seinem herzergreifenden Reibeisen-Timbre anstimmen kann, tauscht der Mann mit Hut seinen Fender gegen einen Kontrabass ein. Diesem streichelt er so geschmeidig mit dem Bogen die Saiten, dass ein mutiger Besucher nach der Nummer ein Liebesbekenntnis in die Stille hinausposaunt: "Ich liebe Dich, Bob!", ruft der Mann. Und keiner lacht darüber im Publikum. Dylan aber gibt diese Liebe auf seine Weise zurück. Er betreibt keinen Smalltalk. Dylan biedert sich nicht an.


Keine Gesten, nur Musik

Nach einer Stunde geben die Besucher auf ihren Sitzen dem kollektiven Bewegungsdrang nach.
Wie in den bei Dylan-Fans sicherlich verpönten Schlagershows wird bei "Desolation Row" im Viervierteltakt geklatscht. Das Hallenpersonal hat derweil alle Hände voll zu tun, das wohltuende Handyverbot durchzusetzen. Dylan gestattet keinen Fototerror. Da stehen viele kleine aber feine Blues-Verstärker verstreut herum. Da zeichnen die Scheinwerfer unter der Decke die Silhouette eines Zirkuszeltes nach. Da stehen Männer in schwarzen Anzügen, die Musik und keine Gesten sprechen lassen.

Da gibt es einen ganz großartigen Dylan, der mit seinen Songs die nüchterne Frankenhalle in Poesie ertränken kann. Da gibt es natürlich auch die Leute im Publikum, die mit ihrem Dylan älter geworden sind. Sogar Gehhilfen parken vor den Eingängen.
Nach 100 Minuten kehrt Dylan der Bühne den Rücken. Das Licht ist aus. Die Besucher gehen nach Hause. Frankie packt seine Gitarre aus. Die Musik Dylans weht durch die Nacht.

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