Nürnberg
Tiere

Begleiter auf vier Pfoten: Therapiehunde begleiten auch auf dem letzten Weg

Therapiehunde können Menschen in unterschiedlichen Situationen helfen. Auch im Hospiz gibt es welche, die Menschen auf ihrem letzten Weg begleiten.
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Foto: Fredrik von Erichsen/dpa
Foto: Fredrik von Erichsen/dpa

Balu macht eigentlich keinen Unterschied zwischen Hunden, Kindern und größeren Menschen. Wer dem Maltesermischling zu nahe kommt, wird angeknurrt. "Männer mag er am wenigsten", sagt Besitzerin Yvonne Schlüter. Aber es gibt eine Ausnahme: Gegenüber Sterbenden verhält er sich ganz anders.

Balu war noch ein Welpe und konnte nicht allein bleiben, als ihn Schlüter erstmals ins Hospiz mitnahm. Die 68-Jährige arbeitet als ehrenamtliche Sterbebegleiterin in Nürnberg. In Gegenwart ihres Patienten erkannte sie Balu kaum wieder: "Er wurde ganz ruhig, ließ sich streicheln und war sehr interessiert." Vier Sterbebegleitungen hat Balu, heute knapp ein Jahr alt, mittlerweile schon hinter sich. Eine Ausbildung hat er nicht. Könnte er ein Naturtalent sein?

Therapiehunde: Ausbildung nach erster Begegnung

Tierpsychologin und Buchautorin Stephanie Lang von Langen bildet seit mehr als zehn Jahren Therapiehunde aus. Eingesetzt werden sie unter anderem in Hospizen. Wen sie in ihrem "Wunjo"-Schulprojekt in Gaißach (Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen) - benannt nach einer Rune, die laut altnordischem Glauben Freude und Glückseligkeit bringen soll - ausbildet, entscheidet sie nach einem Treffen mit Hund und Halter.

"Das Temperament ist nicht so wichtig", sagt Lang von Langen über Balus Knurren. "Knurren ist eine normale Kommunikationsform des Hundes, die bedeutet, dass er mehr Abstand will." Wichtiger sei, dass die Hunde aufgeschlossen und gesund sind. Dass Balu bei Hospizpatienten ganz zahm wird, wundert sie gar nicht: "Hunde haben eben feine Antennen für Menschen."

 

Der Erfolg von Therapiehunden beruhe jedoch auf Gegenseitigkeit: Japanische Forscher haben herausgefunden, dass bei Blickkontakt zwischen Mensch und Hund beide das sogenannte Kuschelhormon Oxytocin ausschütten. Sie verglichen die Beziehung deshalb mit der zwischen Mutter und Kind. Auch das Immun- und das Herz-Kreislauf-System würden von Hunden positiv beeinflusst, sagt Lang von Langen: "Ganz einfach, weil man mit ihnen Gassi gehen muss."

Hunde und Halter, die sie ins "Wunjo"-Projekt aufnimmt, begleiten nach abgeschlossener Ausbildung nicht nur Sterbende - sie gehen auch in Senioren- und Behinderteneinrichtungen, Schulen, Kindergärten sowie Rehazentren. "Unzählige Hunde arbeiten beispielsweise in Praxen von Physio- und Ergotherapeuten mit", sagt Lang von Langen. Müsse ein Mensch etwa wieder gehen lernen, sei seine Motivation höher, wenn er es für einen Hund statt für einen Therapeuten tun muss.

 

Begleithunde: Unterschied zu Assistenzhunden

Nicht verwechseln dürfe man Therapiehunde mit Assistenzhunden oder Anfallswarnhunden. Letztere erkennen etwa einen epileptischen Anfall noch vor dem Beginn. "In der Therapie sind Hunde schlicht Begleiter, etwa von therapeutischen Prozessen, aber auch in den Tod", sagt Lang von Langen. Bekannt sei auch, dass Hunde dazu beitragen, das Gedächtnis von Menschen zu aktivieren und zu erhalten. Zahlreiche Forscher hätten Hunde in Seniorenheimen und Demenzgruppen beobachtet.

Seniorengruppen seien meist keine Gruppen im gesellschaftlichen Sinn, sondern mehrere Einzelpersonen, da alte Menschen oft in ihrer eigenen Welt lebten, sagt Lang von Langen. "Bringt man einen Hund in solche Situationen, steigt die Kommunikation unter den Menschen."

Einsatzgebiet von Therapiehunden: Neben Hospitz auch Demenz

Mittlerweile beschränkt sich auch Balus Einsatzgebiet nicht mehr nur aufs Hospiz. Regelmäßig führt ihn seine Besitzerin etwa zu Christine Hirschmann, die sich trotz diagnostizierter Demenz an manches noch gut erinnern kann: "Ich hatte früher mal einen Schäferhund."

Die 84-Jährige lernte Balu kennen, als Schlüter Sterbebegleterin ihres Mannes war. Bei schönem Wetter sind Balus Besuche auch Anlass, das Wohnheim zu verlassen und durch einen Park zu spazieren. Nicht ohne Pause auf einer Bank: Balu klettert auf den Schoß der Seniorin, schmust mit ihr; und Hirschmann füttert ihn mit Leckerlis. Sie redet nicht viel - aber ihr Lachen zeigt, wie sehr sie den Moment genießt.

Lange dauern die tierischen Besuche jedoch nie. "Balu ist nach Begegnungen mit Patienten immer ziemlich erschöpft", berichtet Schlüter. Zu Hause angekommen, schlafe er meist sofort ein und wache erst nach Stunden wieder auf. Professionell ausbilden lassen will sie Balu nicht - es sollen auch nicht zu viele Patientenbesuche werden.

 

Aufgefallen ist der empathische Vierbeiner zuletzt der HundeHelfenHeilen-Stiftung in München: Sie hat Balus Besitzerin eine finanzielle Unterstützung zukommen lassen. Auch mit Lang von Langen arbeitet die Stifung seit Jahren zusammen. Für viele Halter hat die Organisation die kostenpflichtige "Wunjo"-Ausbildung bezahlt.

"Die Gesellschaft ist mittlerweile sehr auf sich selbst bezogen", beklagt Helmut Lindner vom Vorstand der Stiftung, "so dass Einsame, Kranke und Menschen mit Beeinträchtigungen oft allein gelassen werden." Die Stiftung wolle sich gegen diesen Trend stellen. Sie baue auf die Helfer auf vier Pfoten, denen Lindner eine ganz spezielle Fähigkeit zuschreibt: "Hunde öffnen die Herzen von Menschen."

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