Nürnberg
Altersarmut

Altersarmut: "Ich schäme mich dafür" - Wie zwei Fränkinnen sich über Wasser halten

Zwei Nürnberger Seniorinnen erzählen von ihrer ehrenamtlichen Arbeit - die Aufwandsentschädigung brauchen sie dringend.
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Birgit Staib von der Awo Nürnberg mit den Seniorinnen Natalia Spivakova und Elisabeth Müller* Foto: Ronald Rinklef
Birgit Staib von der Awo Nürnberg mit den Seniorinnen Natalia Spivakova und Elisabeth Müller* Foto: Ronald Rinklef

Das Berchtesgadener Land bringt Elisabeth Müller* den Tränen nahe. "Einfach in die Ferne schauen und entspannen." Vielleicht kann sie sich das in drei, vier Jahren noch einmal leisten. "Wenn ich dann noch gesund bin", sagt die Seniorin, und da muss sie nach einem Taschentuch suchen.

Elisabeth Müller ist eine adrette alte Dame, sie trägt ein pastellfarbenes Tuch, Schmuck. Sie sieht nicht arm aus. Aber sie lässt sich nur von hinten fotografieren und in Wirklichkeit heißt sie auch nicht Elisabeth Müller.

Der Behördenstress war ihr zu viel

Sie sitzt im Senioren-Service-Büro der Awo in der Nürnberger Gartenstadt und erzählt von den Briefkuverts, in denen sie sich Geld für Geburtstage, Physiotherapie und Kleidung zurücklegt. Etwas mehr als 500 Euro hat sie im Monat. Sie ist arm. Und sie schämt sich dafür. "Ich war 35 Jahre lang kaufmännische Angestellte", erzählt sie. Seit ihr Arbeitgeber vor zehn Jahren Insolvenz anmeldete, hat sie nicht mehr gearbeitet. Sie ist erst 63 und bekommt noch keine eigene Rente, nur die Witwenrente ihres früh verstorbenen Mannes. Staatliche Unterstützung erhält sie nicht. Anspruch hätte sie zwar, aber sie verzichtet darauf, weil sie es nicht verkraftet, wie sie sagt. "Das Arbeitsamt hat mich mit Stellenangeboten bombardiert. Immerzu wollen die irgendwas, ich habe das nervlich nicht verkraftet. Auch jetzt, wenn ich darüber spreche, steigt mein Blutdruck."

Ehrenamt bei der Awo

Weil sie ihren Vater zwei Jahre pflegte, merkte sie, dass sie anderen Menschen helfen kann. "Bei der Awo betreue ich zwei Damen, die an Demenz erkrankt sind." Sie spielt Rummy oder Mensch-ärgere-dich-nicht mit ihnen, versucht Kreuzworträtsel zu lösen, singt Kinderlieder. "Die sind auch bei Demenzkranken noch gut in Erinnerung", erklärt sie. "Es geht darum, dass die Menschen aktiv sind. Und das gibt den Angehörigen Zeit." Finanziert wird es über Entlastungsleistungen der Pflegeversicherung; es ist ein Ehrenamt, aber eine kleine Aufwandsentschädigung bekommt Müller.

Auch Natalia Spivakova* arbeitet ehrenamtlich bei der Nürnberger Awo, weil sie die 200 Euro im Monat braucht. "Ich habe noch Kraft zu arbeiten, ich möchte aktiv sein", erklärt die 65-Jährige. Sie kam 1998 als Kontingentflüchtling aus Russland und leitet eine russischsprachige Gruppe mit Überlebenden des Zweiten Weltkriegs. Für diese Generation ist das ein Lebensthema. "Aber wir sprechen auch über das, was heute in der Welt passiert, über aktuelle Probleme, wenn einer den Partner verloren hat." Spivakova war in Russland Psychologin, aber ihr Studium wurde hier nicht anerkannt. "Ich habe eine Zeit als Pflegerin gearbeitet." Aber die körperliche Arbeit war zu schwer für die Seniorin.

Das Ehrenamt macht sie gern. Und es ermöglicht ihr, den Enkeln 'mal was zu kaufen. "Das Geld ist immer knapp. Wenn einer Geburtstag hat, muss ich das früh planen, dann gehe ich zum Beispiel nicht ins Schwimmbad."

Tafel ist nur für Fitte

Marina Naydorf ist wie Birgit Staib Seniorenberaterin bei der Nürnberger Awo und hat die agile Russin begleitet. Naydorf weiß Bescheid über die speziellen Probleme der Kontingentflüchtlinge, die Schwierigkeiten haben, weil sie nur wenig Geld vom russischen Staat bekommen. Naydorf und Staib, die beiden Beraterinnen, kennen unzählige Schicksale von Senioren, die mit ihrem Geld nicht auskommen. Bei der Awo bekommen sie beispielsweise Hilfe bei Wohngeld- oder Grundsicherungsanträgen. Rentner tun sich mit diesen Dingen oft schwerer als jüngere. Auch Hilfsangebote wie die Tafeln sind für sie nur bedingt geeignet. "Da ist sehr viel los und man muss gut stehen können und mobil sein. Das ist nur was für fitte Senioren", sag Staib. Problematisch werde es oft, wenn die Leute nicht mehr so fit sind. "Gesundheitskosten steigen. Autofahren geht nicht mehr, Bahn und Taxi sind teuer."

Wenn Rentner arbeiten

Wer weniger als den Grundbedarf von etwa 800 Euro im Monat hat, bekommt die Differenz auf Antrag vom Sozialamt. Ende vergangenen Jahres bezogen 550 000 Rentner Grundsicherung im Alter, weil ihre Rente nicht reichte - im Schnitt lag sie bei dieser Gruppe bei 371 Euro. Elf Prozent der Menschen zwischen 65 und 74 Jahren waren 2016 erwerbstätig, damit hat sich der Wert innerhalb von zehn Jahren verdoppelt (neuere Zahlen hat das Statistische Bundesamt noch nicht). Wie viele davon aus Freude und wie viele aus Not arbeiten wird recht unterschiedlich eingeschätzt. Oft ist es eine Mischform.

Urlaub mit den Kindern

"Ich habe im Helferkreis über 30 Ehrenamtliche", sagt Staib. "Bei mindestens acht weiß ich, dass es ihnen auch darum geht, dass sie Geld dazuverdienen müssen." Die Sozialpädagogin betont, dass die Helfer geschult und alle mit Herzblut dabei sind. "Das ist ja kein richtiges Einkommen, sondern eben eine Aufwandsentschädigung." Die ein bisschen Lebensqualität im Alter ermöglicht.

Auch Natalia Spivakova träumt vom Urlaub. "Ich war dieses Jahr in meiner Heimat St. Petersburg." Sie lächelt. "Mit den Kindern in den Urlaub fahren kann ich", sagt sie und senkt den Kopf. "Wenn die Kinder zahlen. Das ist erniedrigend." * Namen geändert.



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