Nürnberg
Armut

Weihnachtsspenden: Jeder fünfte Nürnberger ist arm

In Nürnberg leben rund 100.000 arme Menschen - das sind etwa 20 Prozent der Bevölkerung. In Bayern, wo etwa 14 Prozent der Menschen von Armut betroffen sind, ist das ein trauriger Spitzenplatz. Die Stadtmission bittet jetzt um Weihnachtsspenden.
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Klamm in der Kasse: Ein Fünftel der Bürger in Nürnberg sind arm. Die Stadtmission bittet nun um Weihnachtsspenden. Foto: Markus Reeh
Klamm in der Kasse: Ein Fünftel der Bürger in Nürnberg sind arm. Die Stadtmission bittet nun um Weihnachtsspenden. Foto: Markus Reeh
Da wäre zum Beispiel Kurt Z. Der 59-jährige Rentner aus Nürnberg hat jahrzehntelang Kugellager und Bleistifte mitfabriziert, bis man ihn als "erwerbsunfähig" nach Hause schickte. Von seinem Monatseinkommen, das sich aus Rente und Wohngeld zusammensetzt, bleiben nach Abzug von Miete, Strom und Heizung knapp 300 Euro übrig.

"Da kann man nicht mehr am Leben teilhaben", sagt er, während der rechte Arm zittert - Parkinson. Z. lebt allein, immer wieder am Rande der Depression. Ab und zu geht er mit der Nachbarin spazieren oder liest ein Buch, was ihn aber vor allem im Leben hält, ist die Ökumenische Wärmestube der Stadtmission. Nicht nur wegen der warmen Mahlzeiten, sondern vor allem wegen der Ansprache.

Kurt Z. gehört zu dem Fünftel aller Stadtbürger, und den 14 Prozent aller Bayern, die nach der bundesweit gültigen Definition arm sind. Sein Einkommen beträgt weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Netto-Einkommens. Das liegt derzeit bei rund 870 Euro im Monat.

"Von Entwarnung kann nicht gesprochen werden", klagt Gabriele Sörgel, Vorstandssprecherin der Stadtmission, im Gegenteil: "Wir haben in Nürnberg skandalöse Verhältnisse." Vor allem für Kinder ist das Armutsrisiko besonders hoch, aber auch der Anteil der Senioren steigt von Jahr zu Jahr - zuletzt um sechs Prozent. "Hier steht uns viel bevor," sagt Sörgel.

Die Stadtmission versucht Nothilfe an vielen Stellen. Kinder bekommen warmes Essen und Nachhilfeunterricht, Langzeitarbeitslose oder Hartz IV-Empfänger können in Einrichtungen wie dem Gebrauchtwarenladen "allerhand" in der Rothenburger Straße günstig einkaufen oder sogar selber Arbeit finden. "Es sind oft Tropfen auf dem heißen Stein, aber für den Betroffenen große Hilfen", resümiert die Vorstandssprecherin.

Eine besonders wichtige Anlaufstelle für arme Menschen ist die Kirchliche Allgemeine Sozialarbeit (KASA). Hierher kommen alleinerziehende Mütter, die ihren Kindern den Schulausflug nicht bezahlen können, chronisch Kranke oder Leute, die im Papierkram zwischen Jobcenter und Sozialamt unterzugehen drohen. Auch hier gehören zunehmend ältere Menschen zur Klientel.

Die vier KASA-Mitarbeiter um Leiter Joachim Urban helfen mit Rat und Tat, überprüfen unklare Bescheide und helfen auch mal beim Gang zum Sozialgericht. Ganz oft ist es damit aber nicht getan: "Wenn eine Stromsperre droht oder dringend eine neue Brille benötigt wird, helfen wir auch mit Geld", sagt Urban.

Kleine Summen bewirken mitunter Großes: Mit 25 Euro etwa könne man einem alten Mann neue Batterien für sein Hörgerät besorgen, mit 50 Euro einem Kind einen Schwimmkurs ermöglichen, heißt es in einem Infobrief der Stadtmission. Die KASA betreut pro Jahr rund 850 Personen; insgesamt beziffert die Stadtmission die Zahl derer, die sich in wirtschaftlichen Notlagen an die Organisation wenden, mit 4.613.

Gegen das Grundübel der Armut mitten in einer der reichsten Gesellschaften der Welt lässt sich mit derlei Maßnahmen freilich nichts machen: "Unser Wohlstand ist ungerecht verteilt, das ist das Hauptproblem", ärgert sich Gabriele Sörgel. Für sie ist die Einführung eines flächendeckenden Mindestlohnes ein "Schlüssel" zur Armutsbekämpfung.

Den Unterhändlern aus Union und SPD, die in Berlin derzeit die Weichen der Sozialgesetzgebung für die nächsten vier Jahre stellen, gibt sie noch einen weiteren Wunsch mit auf den Weg: "Die Jobcenter müssen wieder Rentenversicherungsbeiträge für Hartz IV-Empfänger zahlen wie früher." Denn diese Sparmaßnahme der schwarz-gelben Koalition habe für Hunderttausende das Risiko der Altersarmut drastisch verschärft.
Im Rahmen ihrer Weihnachtsaktion verschickt die Stadtmission 8.500 Spendenbriefe innerhalb von Nürnberg. Im vergangenen Jahr kamen dabei rund 100.000 Euro zusammen. epd

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