Nürnberg
Soziales

Vesperkirche in Nürnberg geht zu Ende

Die Nürnberger Vesperkirche war ein großes Projekt. Es ist gelungen und wird ziemlich sicher im kommenden Jahr wiederholt.
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Symbolbild Foto: dpa
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Vikarin Nina Mützlitz hat ein wenig Bauchschmerzen, wenn sie auf den Montag schaut. Was werden rund 500 Gäste und auch die mehr als 300 Ehrenamtlichen tun, wenn die Vesperkirche Nürnberg ihre Pforten geschlossen hat? Sie denkt besonders an Witwen und Witwer, mit denen sie in der Gustav-Adolf-Gedächtniskirche in Nürnberg in den vergangenen Wochen an den Tischen gesessen hat. "Ich habe mir nicht vorstellen können, dass das Thema Einsamkeit so stark ist", sagt die junge Pfarrerin.

Sie ist froh, dass drei Stammgäste, alleinstehende ältere Damen, verabredet haben, sich ab Montag mangels Vesperkirche beim Metzgerimbiss zum Mittagessen zu treffen. Und die Ehrenamtlichen aus der Küche, dem Empfang, der Reinigungstruppe oder der Essensausgabe haben sich in einer WhatsApp-Gruppe zusammengeschlossen und wollen den Kontakt auch nicht verlieren.
Viele Besucher der ersten Nürnberger Vesperkirche haben in den letzten Tagen oft erstaunt gefragt: "Was ihr hört schon auf?"

Christa Schmeißer, die Vertrauensfrau des Kirchenvorstands in der Gustav-Adolf-Gedächtnis-Gemeinde erklärte dann geduldig, dass die Vesperkirche ja kein Gasthaus sei, sondern sechs Wochen lang von Ehrenamtlichen getragen wurde. Aber wer sich erkundigte, ob es im kommenden Jahr in der Kirche in der Südstadt wieder eine Vesperkirche geben wird, erhielt Schmeißers fröhliche Antwort: "Es bleibt uns gar nichts anderes übrig."

Wohler wäre ihr aber, wenn sie wüsste, dass sie noch ein paar Sponsoren gewinnen könnte, die vielleicht 5.000 Euro spenden. Das Tausender-Set Geschirr und eine moderne Industrie-Spülmaschine waren für die Kirchengemeinde eine hohe Anfangsinvestition. Der eine Euro pro Essen deckte die Kosten nicht. Besser gestellte Gäste bezahlten auch mal fünf oder zehn Euro für ihr Mittagsmahl, aber das reichte auch noch nicht.

Die Vertrauensfrau, die eine sechs Sechs-Tage-Wochen hinter sich hat, schneidet gerade einen Schokoladenkuchen in Scheiben. Einer von den 15 bis 20 Kuchen, den Kuchenbäckerinnen aus ganz Nürnberg in den vergangenen Wochen täglich in der Vesperkirche vorbeigebracht haben.

Schmeißer denkt bei ihrer Fortsetzungszusage nicht nur an die etwa 500 hungrigen Gäste, die jeden Tag an den Tischen im Kirchenraum Platz nahmen. Die Besucher konnten sich außerdem Termine bei der Friseurin, bei Sozialberatern, bei Seelsorgern oder bei einem Rechtsanwalt geben lassen, kostenlos Zeitung lesen und Kaffee trinken.

Auch das Staatstheater in Nürnberg will, dass die Vesperkirche weitermacht. Als "Kultursponsor" will das Theater in der kommenden Saison seine Veranstaltungen in der großen evangelischen Kirche auch in sein offizielles Programm schreiben. Die Kulturschaffenden waren nämlich begeistert von der Resonanz ihres Musicalabends oder des Operstudios. "Es war mucksmäuschenstill im Publikum", berichtet Schmeißer von den Konzerten: "Das hat alle sehr berührt."

Nicht nur Sänger und Publikum hatten bewegende Momente in der Vesperkirche. Für Pfarrer Bernd Reuther, der das Großprojekt maßgeblich angestoßen hatte, waren es viele Begegnungen, die ans Herz gingen. Auch die mit einer jungen Mitarbeiterin, die sich am Freitag bei ihm bedankt hatte, weil sie in den vergangenen Wochen "so viel Positives und so viel Zugewandtheit wie nie" erlebt hat.

Das Gemeinschaftsgefühl hat auch die Ehrenamtliche Gerda Dietrich-Geist schätzen gelernt. Der gute Teamgeist habe erlaubt, dass man allen Gästen mit großer Freundlichkeit begegnet sei, erzählt sie. Und 90 Prozent der Gäste seien ebenfalls freundlich gewesen. Das Essen war abwechslungsreich und hat geschmeckt, bestätigt Vitus Hopfenmüller, der sich an Barbecuehähnchen und Reis oder Putenwurst mit Pommes auf dem Speisezettel erinnert.

Der Kaffee floss in Strömen. Schätzungsweise 10.000 Liter dürften aus den extra für die Vesperkirche designten Tassen geschlürft worden sein. Alkohol war verboten. Nur dreimal wurden Gäste, die sich nicht an die Regel hielten, sanft hinausbegleitet, erzählt Schmeißer. "Der Kirchenraum hat eine sehr friedliche Wirkung", hat sie festgestellt.

Am Sonntagvormittag haben Pfarrer Reuther und Vikarin Mützlitz einen letzten Gottesdienst vor den Menschen an den gedeckten Tischen gehalten. Ihre Stelle aus der Bibel "Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen; aber nun hat mein Auge dich gesehen". "Die Theorie hilft nicht, die Erfahrung hilft", predigt Reuther. Erfahrungen, die tiefer gehen, die Erfahrung, sozial eingebunden zu sein, die hätten die Menschen gemacht, die den Weg in die erste Nürnberger Vesperkirche fanden.
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