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Essen

"Original regional": Food-Trucker-Szene boomt in Franken

Am Freitag trafen sich die Food-Trucker Frankens in Nürnberg. Es ist eine vitale Unternehmensgründerszene, die "Delikatessen auf Rädern" liefern und keinesfalls mit "Imbisswagen" verwechselt werden will.
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Die Architektin Helene Volkert verkauft neuerdings "Guerilla Gröstl" vom Food Truck herab. Foto: Peter Budig
Die Architektin Helene Volkert verkauft neuerdings "Guerilla Gröstl" vom Food Truck herab. Foto: Peter Budig
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Über dem Parkplatz hinter der Indoor-Fußballhalle "Kickfabrik" an der Stadtgrenze von Nürnberg und Fürth hängt eine schwere, komplexe Duftwolke. Jean-Baptiste Grenouille, der Held aus Süßkinds "Parfüm", hätte seine Freude daran, die Düfte zu sortieren: Ein Gemisch aus Geräuchertem, Makrelen, Röstkartoffeln, Bierschwaden und dem Geruch deftigen Schweine- und Rinderfetts neben zuckersüßen Crepes und Kaffeedüften" .

Gut ein Dutzend bunt bemalte alte Lieferwägen, meist amerikanischer Herkunft, sind am letzten Freitag im März zum "2nd Franconian Food Truck RoundUp" gekommen. Inmitten der Wagenburg tummeln sich hunderte hungrige Schaulustige. Jeder der Händler bietet eine kleine Portion eines Gerichtes zum Probierpreis an - leckeres und gut durchdachtes Marketing für eine boomende Gründerszene.

"Guerilla Gröstl"

"Nenn einen Food Truck niemals Imbisswagen", hat der Kopf der Szene und Organisator des Treffens, Klaus P. Wünsch, schon beim Vorgespräch am Telefon spaßhaft gedroht. Und in der Tat, der Bundesverband Schnellgastronomie und Imbissbetriebe e.V. (BVI), weiß von der neuen Food Truck-Konkurrenz nur, dass es sie gibt. Die Firma Wünsch und Partner sind mit ihrem RibWich-Konzept die Ahnen der fränkischen Szene, seit 2011 fahren sie Parkplätze an und verkaufen gegrilltes Schweinefleisch. Alle anderen sind Newcomer: Wen man auch fragt, Marc und Heike Fürle, die mexikanische Burritos durch die Wagenluke reichen, Helene Volkert und Roland Glöggler, deren Spezialität Bratkartoffeln mit verschiedenen Zutaten sind ("Guerilla Gröstl") oder Michael Gröschel, der Pastrami Sandwiches anbietet - sie alle sind kaum ein Jahr im Geschäft. Die meisten waren vorher nicht einmal in der Gastronomie tätig, sie verdienten als Spediteure, Architekten oder Messemanager ihre Brötchen. Pete Maurus, der heute Ribs and Coleslaw anbietet (marinierte Schweinerippchen gegrillt mit amerikanischem Krautsalat) arbeitete als Disponent in einer Druckerei, ist aber immerhin amtierender Vize-Grillweltmeister bei den Profis (die nächste WM findet im August in Schweinfurt statt).

Erziehungsjahr am Grill

Sie alle scheuen 15-Stunden-Tage bei Sieben-Tage-Wochen nicht für eine Selbständigkeit, die wildromantisch klingt, doch viel Einsatz, kulinarische Kreativität, Organisation und Marketinggeschick erfordert. Kopf der fränkischen Szene, der wohl rührigsten in Deutschland, ist der frühere Messelogistiker Klaus Peter Wünsch. Er nutzte 2010 sein Erziehungsjahr, um die Grundlagen für einen langgehegten Traum zu legen. Die Liebe zum amerikanischen Lebensstil, USA-Reisen und der Wunsch nach Unabhängigkeit ließen in ihm den Wunsch wachsen, Food Trucker zu werden: "Wie kann man Spare Ribs genießen, ohne das lästige, klebrige Kiefen am Schweinerippchen-Knochen? Wie bleibt das Fleisch auch losgelöst vom Rippchen zart und saftig?", solche Fragen trieben ihn an. Und seine Frau Ute, eine Fotografin, verzweifelte manchen Abend, wenn es schon wieder Gegrilltes gab. "Ein Jahr stand ich am Grill und probierte so lange herum, bis ich zufrieden war. Der Maxi Cosi mit meinem Sohn stand daneben."

Das heutige, fertige RibWich (aus: Spare Rib und Sandwich) ist ein Produkt, wie gemacht für fränkische Gaumen, die‘s deftig lieben: "Bug" (sprich: Bagg) heißt die etwa 30 Zentimeter lange Semmel, in die das marinierte, vorgegrillte, im Truck geräucherte Schweinefleisch gelegt wird. Dazu kommen "Toppings" wie Zwiebeln, Gurkenrelish, darüber mexikanisches Chili "Jalapenos". Das Tüfteln an der Geschäftsidee hat bei Wünsch bis heute kein Ende; inzwischen hat er als Partner seinen alten Schulfreund Peter Wolf hinzugenommen. Die Eckpfeiler fürs erfolgreiche Unternehmen sind gesetzt: Die Trucks, inzwischen zwei alte amerikanische Lieferwagen der Marke "Freightliner", stehen jeden Mittag von 11 bis ca. 13.30 Uhr auf wechselnden Firmenparkplätzen an Ausfallstraßen, in Gewerbegebieten oder bei großen Outlets. Dazu kommen Events wie Footballspiele, Bikerausflüge, Uni-Feten oder eben das Treffen der insgesamt rührigen fränkischen Food Truck-Gemeinde.

Ribfans im Netz

Einzugsgebiet ist die Metropolregion Nürnberg. Die Termine sind einen Monat vorher bekannt, in sozialen Netzwerken wie Facebook oder über Flyer erfährt der Ribfan, wann der Tag gekommen ist, an dem seine Arbeitspause ihm ein Fest beschert. "Man darf nicht unterschätzen", schmunzelt Wünsch, "was dem Franken sein Mittagessenwert ist". 7,90 Euro kostet ein ganzes RibWich, 4,20 Euro die halbe Portion. Alle Zutaten sind frisch und von ausgesuchter Güte.

Qualitätsbewusstsein ist Merkmal der gesamten Szene; nicht Convenience, sondern "original regional" ist angesagt. Hier gibt's keine Billigpommes, Massenketchup und Instantwürste, sondern frisches Fleisch vom heimischen Metzger, eigens gebackene Brötchen, nach langem Experimentieren entstandene, selbstgefertigte Saucen - obwohl praktisch alle US-Vorbildern nacheifern. Auf die Spitze getrieben hat die Leidenschaft für den "American Way of Life" vielleicht Michael Gröschel aus Adelsdorf bei Erlangen. Sein original "Pastrami-Sandwich" kennen Deutsche meist nur aus dem Urlaub oder Romanen und Spielfilmen: Entfettete Rinderbrust, die in einer eigens hergestellten Gewürzlauge gepökelt wurde, nochmals mit geheimer Würzmischung mit viel Koriander behandelt und natürlich "gesmoked", so entsteht eine New Yorker Spezialität, die einst rumänische Juden mitbrachten, die mit scharfer Senf-Majonäse, Salat und gehackten Gewürzgurken im Roggensandwich serviert wird. Die neue fränkische Fastfood-Szene steht für Delikatessen auf Rädern.

von Peter Burdig

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