Nürnberg
Plakataktion

Nachtschwärmer sollen in Nürnberg die "Waffel halten"

In Nürnberg haben Stadt und Wirte eine Kampagne für mehr Miteinander im Nachtleben gestartet. Kneipenbesucher sollen die "Waffel halten"- für die Anwohner.
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Sommerliches Nachtleben am Tiergärtnertor unterhalb der Kaiserburg. Foto: Nikolas Pelke
Sommerliches Nachtleben am Tiergärtnertor unterhalb der Kaiserburg. Foto: Nikolas Pelke
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Bei Nachtschwärmern ist das Nürnberger Burgviertel beliebt. Damit Anwohner trotz Nachtleben gut schlafen können, haben Stadt und Wirte eine Werbekampagne für mehr Rücksichtnahme gestartet. "Für meine Bar halt` ich die Waffel " steht auf dem Plakat, das ab sofort die Türen zahlreicher Kneipen und Gaststätten ziert.

Rund 20 000 Menschen wohnen in der Altstadt. Über 100 Ausgehlokale hat Stephan Schulz angeschrieben, um seine Kollegen hinter dem Tresen von der neuen Werbeaktion "Nachtbar und Nachbar - Du bist nicht allein" für ein besseres Miteinander nach Sonnenuntergang in der Altstadt zu begeistern. "Wir treten für mehr Verständnis ein", sagt der 39-jährige Wirt der "Mata Hari"-Bar. "Es ist immer bescheuert, vor der Bar zu grölen. Es ist immer bescheuert, an Hauswände zu pinkeln. Es ist immer bescheuert, Flaschen auf den Boden zu schmeißen", fasst Schulz die drei Hauptregeln des verständnisvollen Nachtschwärmers in Nürnberg zusammen.


Konflikte zwischen Frühschläfern und Nachtschwärmern

Die legendäre Kneipe, die mit dem Slogan "die kleinste schönste Bar" wirbt, liegt in der Weißgerbergasse. In dieser mittelalterlichen Bilderbuchstraße haben sich die Konflikte zwischen Frühschläfern und Nachteulen viele Jahre wie in einem Brennglas konzentriert. In der "Weißgerber", wie die Nürnberger den weitgehend unzerstörten Straßenzug im Burgviertel liebevoll nennen, tummeln sich viele Kneipen auf engstem Raum. "Früher war es viel schlimmer", sagt ein Anwohner, der direkt gegenüber der "Mata Hari"-Bar wohnt. Heute könne er sogar bei offenem Fenster in lauen Sommernächten schlafen, freut sich der Anwohner.

Christine Schüßler kann sich noch genau an den Konflikt erinnern, der sich vor rund zehn Jahren zuletzt in der Weißgerbergasse entzündet hat. Die Nachbarschaft war über Lärm, Scherben und Wildpinkler so erzürnt, dass sich sogar ein Bürgerverein gegründet hat. "Das war sogar noch vor dem Rauchverbot 2010", erinnert sich Schüßler vom Bürgermeisteramt der Stadt Nürnberg zurück. Danach hätten sich alle Parteien - Anwohner, Stadt und Wirte - an einen Tisch gesetzt.


Altstadt soll schließlich nicht aussterben

Eine "Problempartnerschaft" habe sich mit dem Ziel entwickelt, die allabendlichen Gäste in der Altstadt daran zu erinnern, dass im Schatten der Burg auch "normale" Menschen leben. Eine Botschaft war schnell gefunden. Alle sollten mehr Rücksicht nehmen. Für den Slogan haben die "Problempartner" etwas länger gebraucht. Schließlich hat man sich auf den Spruch "Nachtbar und Nachbar - Du bist nicht allein!" geeinigt. Auf den Plakaten haben sich die Wirte für fränkische Mundart entschieden, damit die Denkanstöße die Nachtschwärmer nicht zu sehr vor den Kopf stoßen. Schließlich habe die Stadt laut Schüßler kein Interesse daran, dass "die Altstadt ausstirbt".

Daran haben auch die Wirte kein Interesse. Stattdessen verweisen Gastronomen wie Stephan Schulz auf die wirtschaftliche Bedeutung des Nachtlebens für Nürnberg. Diese Bedeutung unterstreichen auch die SPD-Stadträte Thorsten Brehm und Katja Strohacker in einer aktuellen Stellungnahme. "Ein attraktives Nachtleben gehört zu einer Großstadt wie Nürnberg. Die "Stadt nach acht ist auch ein wichtiger Standort- und Wirtschaftsfaktor", sind sich Brehm und Strohhacker einig. Coco kann da nur zustimmen und hängt ein Poster mit dem fränkischen Aufruf zum "Waffel halten" an die Tür der "Mata Hari"-Bar, in der die Studentin als Bedienung gelegentlich arbeitet.

5000 Euro hat die Stadt für die Plakataktion bezahlt. Nach dieser Anschubfinanzierung wollen die Wirte die Kampagne aus eigener Tasche finanzieren. Freilich setzt die Stadt nicht nur auf mehr Verständnis der Nachtschwärmer, um den Konflikt in der Altstadt dauerhaft zu befrieden. Falls sich Beschwerden über Kneipen häufen, könne die Stadt laut Schüßler die Sperrzeiten für die Außenbestuhlung empfindlich verlängern. Laute Gäste schneiden sich somit ins eigene Fleisch, wenn Tische im Freien schon um 22 und nicht um 23 oder 24 Uhr geräumt werden müssen. Derzeit genehmigt die Stadt außerdem keine neue Gaststätten im Burgviertel. Verdursten muss in der Nürnberger Altstadt bislang deshalb noch niemand.
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