Nürnberg

Polyamorie: Pasta mit drei Gabeln beim Stammtisch in Nürnberg

Polyamorie ist für viele Menschen ein völlig fremdes Gebiet. In Nürnberg gibt es einen Stammtisch für Interessierte und Menschen aus der Polyamorie-Szene.
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Polyamorie ist für viele Menschen ein völlig fremdes Gebiet. In Nürnberg gibt es einen Stammtisch für Interessierte und Menschen aus der Polyamorie-Szene. Foto: Pixabay.com
Polyamorie ist für viele Menschen ein völlig fremdes Gebiet. In Nürnberg gibt es einen Stammtisch für Interessierte und Menschen aus der Polyamorie-Szene. Foto: Pixabay.com
Der Kellner schreibt "Poly" auf das Kärtchen. "Da ist unser Tisch", sagen die ersten drei Besucher, die sich in dem gemütlichen Café zunächst verstohlen umgesehen haben, und dann zielsicher auf das Schild mit der Reservierung in der Ecke zugesteuert sind. "Ich bin gespannt, wie viele Leute heute kommen", sagt die junge Frau mit der Brille und lässt sich in das verschnörkelte Plüschsofa fallen.

Neben ihr sitzen zwei Männer so um die 30. Alle strahlen leicht entrückt. Beim Bestellen beobachtet die harmonische Dreiergruppe auf dem Plüschsofa die hereinkommenden Gäste.

"Die schaut nicht aus wie ein Poly", flüstert der Herr zur Linken seiner Nachbarin ins Ohr. Der Mann rechts daneben, der sich zwischenzeitlich als Chris vorgestellt hat, schüttelt ebenfalls mit dem Kopf und streichelt unter dem Tisch das Knie der Dame. Liebestechnisch hätten die meisten eine unterschiedliche Vergangenheit, versichert er. Gemeinsam sei ihnen die Einsicht, dass Zweisamkeit für Liebe, Sex und Zärtlichkeiten nicht der Weisheit letzter Schluss sei. Vielfachliebe heißt das Motto.

Derweil geht die Tür zum Café erneut auf. Chris ruft "Hallo!" und: "Hier sind wir!". Eine attraktive Informatikerin um die 40 und ein Typ mit Pferdeschwanz, der Uwe Ochsenknecht zum Verwechseln ähnlich sieht, setzen sich dazu. Auf dem Plüschsofa wird Pasta mit drei Gabeln bestellt. Polyamoristen teilen offensichtlich nicht nur in Liebensdingen gerne. Die Konversation ist zunächst erstaunlich bieder. Es geht um Listen mit den Email-Adressen der Stammtisch-Freunde. Da kann die Computerfrau mit der blonden Mähne helfen. Nach dem Tipp bekommt sie einen dicken Kuss von ihrem Sitznachbarn. Danach streichelt der Mann mit dem Pferdeschwanz die Businesslady.

Blicke fliegen hin und her als zwei junge Männer, sicherlich Studenten, schüchtern fragen, ob sie hier richtig sind. Chris sagt "Ja!" und die Frau mit der Brille in der Mitte des Plüschsofas strahlt und sagt: "Setzt Euch doch einfach dazu!" Chris wiederholt noch mal die Story mit der Mailingliste. Die Studenten hören andächtig zu, als sich ein eleganter Mittvierziger mit sanften Zügen wie selbstverständlich an den Stammtisch hockt. "Der Männeranteil ist heute aber ganz schön hoch", sagt der Neuankömmling traurig.


Offensiver Umgang mit Gefühlen

Die Stammtisch-Brüder versuchen den Mann, Typ Traumschwiegersohn, aufzumuntern und erinnern an vergangene Treffen, bei denen plötzlich ganze Horden von Stammtisch-Schwestern die Runde bereicherten. Fast jeder hat schon mal mit zwei Frauen gleichzeitig gelebt. Fast jeder hat schon mal eine Freundin in Stadt "X" und eine Freundin im Dorf "Y" gehabt.

Gescheitert sind einige Beziehungen trotz aller Offenheit dennoch. Vielfachliebende gehen offensiv mit ihren Gefühlen und ihrer Sexualität um. Sie wollen sich nichts verheimlichen. Verzichten fällt ihnen schwer. Askese gilt ihnen als Fremdwort. Trotzdem träumen sie von der Liebe. Nur eben zu mehreren. Daher der Name: Polyamorie.


Sharing is caring

"Ich finde die Idee der Nuklearfamilie falsch", wird Chris grundsätzlich. Mutter, Vater, Kind: Das sei für die Liebe doch der Horror. Der Alltag fresse die Leidenschaft auf. Die Liebe verwelke zwischen Arbeit und Brutpflege. Chris träumt deshalb von einer Kommune. Wenn mehr als zwei Menschen unter einem Dach leben, so seine Theorie, habe jeder den nötigen Freiraum für schöne Schäferstündchen zu wie vielen auch immer.

Auf dem Sofa ist man mittlerweile beim Dessert angekommen und noch näher zusammengerückt. Die Süßspeise wird ebenfalls gemeinsam aus dem Schälchen gelöffelt. Teilen gehört hier zum guten Ton. "Sharing is caring" würde die Internet-Jugend wohl dazu sagen. Die zehn Polyamoristen an diesem Stammtisch-Abend scheinen das untrügliche Gefühl zu haben, dass das Ende der monogamen Zweisamkeit für sie ein Fortschritt in der Liebe bedeutet. Darauf stoßen sie bei ihrem Stammtisch in Nürnberg einmal im Monat mit Schmetterlingen im Bauch an.

Nürnberg Der Polystammtisch findet jeden zweiten Donnerstag im Monat ab 18 Uhr statt. Der nächste Stammtisch findet in Nürnberg am 9. Februar statt.

Treffpunkt Derzeit trifft sich die Runde häufig im Café "Fatal" in Nürnberg/Johannis und reserviert dort einen Tisch auf den Namen "Poly-Stammtisch". Die Lokalitäten können allerdings wechseln.

Anmeldung Die Polyamoristen bitten nicht nur aufgrund der wechselnden Lokalitäten um vorherige Anmeldung. Dazu müssen Interessierte einfach eine Email an diese Adresse schreiben:nuernberg@polyamory.ch.


Polyamorie vs. Polygamie

Das Wort Polyamorie oder Polyamory ist ein Kunstbegriff, der sich aus dem griechischen Wort für "viel" oder "mehrere" (polýs) und dem lateinischen Wort für "Liebe" (amor) zusammensetzt. Dabei geht es um zwischenmenschliche Verhältnisse mit Liebesbeziehungen zu mehr als einem Partner gleichzeitig.

Wichtig ist dabei, dass alle Beteiligten voneinander wissen und das Handeln der anderen akzeptieren. Menschen, die diese Beziehungsform praktizieren werden als polyamor bezeichnet. Gelegentlich findet man auch das aus dem Französischen abgeleitete Adjektiv polyamorös.

Polygamie bezeichnet hingegen die Vielehe im Gegensatz zur Monogamie mit nur zwei Verheirateten. Der Begriff setzt sich aus den griechischen Wörtern polýs ("viel") und gamos ("Ehe") zusammen. Bei zwei Ehen spricht man von Bigamie. Polygamie ist in Deutschland laut Bürgerlichem Gesetzbuch verboten. Spezielle Formen sind unter anderem die Polyandrie, bei der eine Frau mehrere Ehemänner hat, und die Polygynie, bei der ein Mann mit mehreren Frauen verheiratet ist.

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