Nürnberg
Tarifstreit

Im Paketzentrum in Nürnberg wird gestreikt

Im Arbeitskampf bei der Deutschen Post gibt es keine Signale für Entspannung. In der Nacht zum Donnerstag sind nun auch die Beschäftigten des Paketsortierzentrums in Nürnberg in den Streik getreten.
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Foto: Caroline Seidel/dpa
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Im Tarifkonflikt bei der Post bleiben die Fronten verhärtet. Verdi und Management fordern den jeweils anderen auf, den ersten Schritt zu tun und an den Verhandlungstisch zurückzukehren. Es herrsche "totale Funkstille", sagte ein Verdi-Sprecher und kündigte eine weitere Ausweitung von Streikaktionen an.

In der Nacht zum Donnerstag sind nun die Beschäftigten der ersten zwei Paketsortierzentren (Augsburg und Nürnberg) von insgesamt fünf in Bayern (weitere sind in Aschheim, Kitzingen und Regensburg) in den Streik getreten. Ebenfalls mit Beginn des 18. Juni legten Beschäftigte bei weiteren Zustellstützpunkten in Bayern die Arbeit nieder. Auch in der Landeshauptstadt München komme die Briefzustellung immer mehr zum Stillstand.

Insgesamt befinden sich nach Angaben der Post deutschlandweit rund 23.000 Beschäftigte im Dauerstreik. Bei einem Viertel der Briefsendungen und einem Drittel der verschickten Pakete rechnet die Post mit Verzögerungen.

Die Post forderte die Gewerkschaft auf, den Gesprächsfaden wieder aufzunehmen. Das Unternehmen sei jederzeit zu Verhandlungen bereit. Verdi habe die Gespräche abgebrochen, der Ball liege in ihrem Feld, betonte ein Postsprecher.

Die stellvertretende Verdi-Chefin Andrea Kocsis rief ihrerseits das Unternehmen erneut dazu auf, einen tragfähigen Kompromiss zur Lösung des Tarifkonflikts zu entwickeln. Verdi habe sich kompromissbereit gezeigt, das erwarte man auch von der Deutschen Post.

Um die negativen Folgen des Streiks bei der Zustellung abzufedern, springen unterdessen Großkunden dem Unternehmen zur Seite. Dazu gehörten unter anderem Versender und Versicherungen, bestätigte das Unternehmen einen Bericht der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" vom Mittwoch. Ein Unternehmenssprecher sprach von einer Geste und einem bemerkenswerten Signal.

Anton Hirtreiter von Verdi Bayern sagte dazu, die Führung der Post sei "offenkundig außer Rand und Band." Die Liste des höchst eigenwilligen Gebarens der Post sei lang, so Hirtreiter in einer Pressemitteilung. "Der Einsatz von Leiharbeitnehmern trotz tariflichen Verbots, der tausendfache Einsatz von Beamten im gesamten Bundesgebiet, der Einsatz von Werkvertragsfirmen, Sonntagsarbeit in der Paketzustellung, die Verteilung und Bearbeitung von Postsendungen durch Geschäfts- und Privatkunden", zählt er Kritikpunkte auf. Verdi fordert nun, der Bund solle auf die Post einwirken. "Es ist absolut an der Zeit, dass die Politik den Postvorstand zur Vernunft bringt", so Hirtreiter.

Die Post dagegen weist darauf hin, dass sie ohnehin mehr zahle als Konkurrenzunternehmen: Während die Postkonkurrenten die aufwendige und kostenintensive Zustellung von Paketen meist Subunternehmen überlassen, deren Beschäftigten oft nicht mehr als den Mindestlohn nach Hause tragen, setze die Post überwiegend auf eigene Zusteller - Briefträger und Paketboten, darunter auch viele Beamte. Und das koste eben Geld. Das Thema ist für Postchef Frank Appel seit Monaten ein Dauerbrenner.

Insgesamt hat der gelbe Riese jährlich weltweit mit 484.000 Beschäftigten Personalkosten in Höhe von insgesamt 18,2 Milliarden Euro zu schultern. Löhne und Gehälter machen laut Geschäftsbericht 2014 alleine eine Summe von 14,5 Milliarden Euro aus. Wie hoch der Anteil der Personalkosten in Deutschland ist, schlüsselt das Unternehmen nicht auf. Aber bei 180.000 Mitarbeitern, darunter 40.000 Beamte und 3000 Auszubildende, dürfe die Summe mindestens im oberen einstelligen Milliardenbereich liegen. Der Hauptbrocken wiederum entfällt auf die Zustellung, in der mehr als 100.000 Postler arbeiten.

Aber dort laufen die Dinge nicht mehr so wie früher und wie Verdi es sich wünscht. Der Online-Boom und mit ihm ein blühendes Paketgeschäft im Schlepptau machen aus der Sicht des Managements Veränderungen der Tarifstruktur nötig. Der Ausbau der Infrastruktur verschlingt hohe Geldbeträge. Außerdem sitzen dem Konzern die Konkurrenten um Hermes, DPD, GLS & Co im Nacken. "Wenn wir so weitermachen, entstehen neue Arbeitsplätze in der Paketzustellung nur noch bei der Konkurrenz", warnte Appel vor wenigen Wochen in der "Bild"-Zeitung. Und Personalchefin Melanie Kreis sekundierte: Nur durch eine dauerhaft wettbewerbsfähige Lohnstruktur könne sich die Post auch zukünftig am Markt behaupten.

Angleichung der Lohnkosten an die Konkurrenz, ohne dem festen Belegschaftsstamm etwas wegzunehmen, heißt die Zauberformel. Nachdem die Post bei Verdi mit dem Vorstoß, marktgerechtere Löhne einzuführen, auf Granit stieß, ging sie zum Jahresanfang mit den ersten regionalen Paketgesellschaften an den Start. Deren inzwischen 6000 Mitarbeiter sind zum großen Teil ehemals befristet Beschäftigte der Post, die einen Dauerjob erhielten. Ein anderer Teil wurde vom Arbeitsmarkt rekrutiert. Und ein Postsprecher beteuert: Kein einziger fest angestellter Postmitarbeiter sei aus dem Konzern gedrängt worden. Vielmehr seien neue unbefristete Jobs entstanden.

Doch die Gewerkschaft sprach von Vertragsbruch und trommelte zum Widerstand. Die stellvertretende Verdi-Chefin Andrea Kocsis fordert nun die Rückführung der Gesellschaften in den Haustarifvertrag: "Wir glauben, dass die Post ein sehr gutes Netz hat". Und die Milliardengewinne sind für Verdi ein weiteres Argument, um hoch zu pokern. Dass sich die Post auf einen solchen Deal einlassen wird und die Räder zurückdreht, ist aber unwahrscheinlich.

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