Nürnberg
Protest

VGN verbietet Scooter: Diese Frau ist auf Kriegspfad in Nürnberg

Seitdem der VGN die Mitnahme von E-Scootern verboten hat, ist der Arbeitsweg von Sigrid Neidhöfer unbequem geworden. Dies 52-Jährige wehrt sich.
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Sigrid Neidhöfer will nicht hinnehmen, dass sie mit ihrem Scooter keine Busse und Straßenbahnen mehr benutzen darf.  Foto: Nikolas Pelke
Sigrid Neidhöfer will nicht hinnehmen, dass sie mit ihrem Scooter keine Busse und Straßenbahnen mehr benutzen darf. Foto: Nikolas Pelke
Bequem geht anders. Sigrid Neidhöfer muss auch an diesem Morgen mit ihrem E-Scooter fast eine halbe Stunde durch Wind und Wetter fahren. "Vorher bin ich von daheim bequem mit dem Bus die drei Stationen zur nächsten U-Bahn gefahren", ärgert sich die 52-jährige Nürnbergerin.

Von dem Mitnahmeverbot sei sie "total überrascht" worden. "Solche wie Sie brauche ich überhaupt nicht mehr mitnehmen", habe ein besonders unfreundlicher Busfahrer barsch zu ihr gesagt. Seitdem tuckert sie zwei Mal am Tag den langen Weg zur U-Bahn. Aber jammern ist nicht ihr Ding. Auf die Tränendrüse drücken schon gar nicht.


"Das nervt gewaltig"

Sigrid Neidhöfer ist eine Kämpferin, die sich durchsetzt im Leben. "Ich habe wirklich kein Problem mit meiner Behinderung. Damit kommt man irgendwann zurecht. Aber wenn man von anderen behindert wird, dann nervt das schon gewaltig", sagt die Geschäftsführerin der Deutschen Pfadfinderschaft St. Georg.

Zuerst hat die ausgestoßene Kundin einen Brief an den Nürnberger Oberbürgermeister Ulrich Maly (SPD) geschrieben. Maly habe keine Lösungsvorschläge gemacht, sondern nur schulterzuckend auf zwei Gutachten des Verbandes Deutscher Verkehrsunternehmen verwiesen. Diese seien zu dem Ergebnis gekommen, dass E-Scooter in Bussen und Straßenbahnen beispielsweise bei Vollbremsungen relativ leicht umkippen könnten. Diese Kippgefahr kann Neidhöfer persönlich nicht nachvollziehen. "Bei einer Vollbremsung kippt im Bus doch alles um - Koffer, Fahrräder und Rollatoren."

Die Verkehrsbetriebe in Nürnberg empfahlen Neidhöfer, auf einen herkömmlichen Elektrorollstuhl umzusteigen. "Ich bin seit acht Jahren mit dem Flitzer unterwegs. Ein Elektrorollstuhl ist im Vergleich zum E-Scooter unpraktisch. Beim Scooter kann man viel mehr mitnehmen. Beim Elektrorollstuhl müsste ich die Handtasche und Einkäufe beispielsweise auf dem Schoß mitnehmen", erklärt Neidhöfer.

Dass in der "Stadt der Menschenrechte" eine solche Diskriminierung möglich sei, hätte sie nicht gedacht. Pauschal zurücknehmen will der VGN das Verbot derzeit nicht. "In der öffentlichen Diskussion wird häufig übersehen, dass es in erster Linie um Sicherheitsfragen geht", sagt Manfred Rupp, der Sprecher des VGN am Mittwoch. Nach den beiden bisher vorliegenden Gutachten sei nicht zu bestreiten, dass ein Gefahrenpotenzial bestehe. Druck hätten im Übrigen die beteiligen Verkehrsbetriebe auf den Verkehrsverbund ausgeübt. Besonders die Nürnberger Verkehrsbetriebe hätten sich für die Änderung der Beförderungsbestimmungen eingesetzt.


"Individuelle Lösung"

Das ist bemerkenswert, weil aus Nürnberg nun Vorschläge kommen, wie man das Verbot zumindest teilweise wieder zurücknehmen kann. Bürgermeister Christian Vogel und der stellvertretende Fraktionschef Thorsten Brehm (beide SPD) äußern mittlerweile Verständnis für die Kritik an dem Verbot.

Freilich haben beide offensichtlich versäumt, die Einführung des Mitnahmeverbots rechtzeitig zu verhindern. Immerhin sitzen Vogel und Brehm im Aufsichtsrat der Nürnberger Verkehrsbetriebe. Vogel ist sogar Vorsitzender dieses Gremiums. Jetzt schlägt Vogel eine "individuelle Lösung" für die Betroffenen vor. Konkret will er, dass Scooter-Fahrer eine Versicherung abschließen, um die Haftungsfrage zu lösen. Dem VGN-Sprecher geht dieser Ansatz nicht weit genug. Vogels Vorschlag decke nur die Hälfte des Problems ab. Die Haftung sei nur eine Seite des Problems. Die wichtigere Frage sei das Gefährdungsrisiko.

"Nach dem Personenbeförderungsrecht wird von den Verkehrsunternehmen verlangt, alles zu unterlassen, was Fahrgäste oder Sachen in Gefahr bringen könnte", betont Rupp. Dabei müsse zwischen Einzel- und Allgemeininteressen abgewogen werden. Indes verweist man beim VGN hoffnungsvoll auf ein drittes Gutachten, das am 18. März vorliegen soll und neue Lösungsansätze bringen könnte.

Sigrid Neidhöfer ärgert sich freilich darüber, dass "Politik und Verwaltung immer nur die Risiken und nicht die Möglichkeiten im Blick" hätten. Es müsse doch Ingenieure geben, die dieses Problem in den Griff bekommen können."

Überhaupt kein Verständnis hat Neidhöfer dafür, wie der Verkehrsverbund das Verbot eingeführt hat. Nämlich "heimlich, still und leise".
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