Nürnberg
Interview

Bardentreffen in Nürnberg - Musizieren gegen den Krieg

Andreas Radlmaier leitet das Projektbüro der Stadt Nürnberg, dass das 39. Bardentreffen vom 1. bis 3. August organisiert. Wir haben mit ihm über das diesjährige Motto "Krieg und Frieden", die besondere Atmosphäre in der Altstadt und natürlich über die Musik gesprochen.
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Andreas Radlmaier, Leiter des Projektbüros der Stadt Nürnberg, organisiert das 39. Bardentreffen. Foto: Nikolas Pelke
Andreas Radlmaier, Leiter des Projektbüros der Stadt Nürnberg, organisiert das 39. Bardentreffen. Foto: Nikolas Pelke
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Frage: Herr Radlmaier, Sie suchen die Bands für das Bardentreffen aus. Um welche Musikgruppe mussten Sie heuer besonders buhlen?
Andreas Radlmaier: Wir haben heuer, nachdem wir uns nach längerem Ringen auf das Thema Krieg und Frieden geeignet haben, lange nach geeigneten Kandidaten gesucht. Mir lag die israelische Sängerin Noa dabei sehr am Herzen. Sie steht für Versöhnung und für die Kraft der Musik. Als Israelin macht sie sich seit vielen Jahren für die Palästinenser im Gaza-Streifen stark. Sie scheut sich auch nicht, die eigenen Reihen zu kritisieren. Auch Yasmine Hamdan wollte ich unbedingt nach Nürnberg holen. Die Libanesin spiegelt die ganze Tragödie eines gespaltenen Landes wider. Mit solchen politischen Figuren auf der Bühne kann man sich alle Sonntagsreden sparen.



Mit dem Motto "Krieg und Frieden" wollten Sie eigentlich an den Ausbruch des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren erinnern. Nur hat das historisch Thema traurige Aktualität bekommen.
Israel, Mali, Ukraine. Ich glaube, Herodot hat nicht recht. Geschichte wiederholt sich doch. Offensichtlich können wir nicht aus den Fehlern der Vergangenheit lernen. Aus Nachbarn werden plötzlich Feinde. Andererseits gibt es die berührende Kraft der Musik. Da gibt es zum Beispiel diese ukrainische Band Hudaki Village Band. Sie sagen, sie seien eine unpolitische Band aber sie wollten trotzdem ein Zeichen setzen. Sie haben viele Konzerte auf dem Maidan gespielt. Seit den Protesten stellen sie immer eine brennende Kerze auf die Bühne. In seiner Wirkung und seiner Kraft ist dieses Bild wirklich genauso toll wie tausend Worte. Die Kraft der Musik, die sie dann mit ihren traditionellen Liedern entwickeln, ist ein kleiner Triumph der Musik über die Unsäglichkeiten des menschlichen Daseins.


Krieg und Frieden lautet der Titel des 39. Bardentreffens. Klingt nicht nach einer Veranstaltung auf der getanzt werden darf? Warum braucht das Bardentreffen überhaupt ein Motto?
Wir haben wirklich lange mit dem Motto gerungen. Nicht alle waren am Anfang von der Idee dieses ernsten Thema begeistert. Weil das Bardentreffen steht natürlich für mediterranes Flair, Fröhlichkeit und Offenheit. Auf der anderen Seite bin ich der Meinung, dass wir ernste Themen angehen und präsentieren müssen. Die Besucher sollen ja nicht in Sack und Asche kommen. Die Kraft der Musik und der Verve, die spült die ganzen Konflikte und Katastrophen auch immer hinweg. Das Motto soll auch ein roter Faden sein für dieses üppige Festival mit 90 Konzerten. Das Motto hilft übrigens auch uns, den Fokus bei der Bandauswahl auf ein bestimmtes Thema zu legen.


Nur 44 Prozent der Besucher kommen wegen der Musik zum Bardentreffen? Das ist bei einer Besucherbefragung im letzten Jahr herausgekommen. Das muss Sie doch wurmen?
Das ist der Tatsache geschuldet, dass der Eintritt frei ist. Und wir machen ein Festival mit vielen zumindest bei uns in Deutschland unbekannten Namen. Aber das wollen wir ja gerade, weil wir die Leute überraschen wollen. Wir wollen den Leuten zeigen,die es wert sind, entdeckt zu werden. Und dann hat das Bardentreffen den Charakter eines kulturellen Stadtfestes. Wo man nicht nur Musik erleben will sondern auch die Stadt. Das meine ich nicht negativ. Also die 44 Prozent sind nicht optimal. Aber auch nicht niederschmetternd.


Zumal die Besucherbefragung ja auch ergeben hat, dass 66 Prozent wegen der schönen Atmosphäre kommen.
Nürnberg hat einen tollen Vorteil: die Altstadt. Die kann man für Festivals in allen Facetten nutzen. Eine Perlenschnur von Konzertbühnen kann man dort aufbauen. Die Grundatmosphäre stimmt einfach in dieser mittelalterlichen Kulissen. Dann kommt dem Festival zusätzlich die lange Tradition zu gute. Das Bardentreffen konnte langsam wachsen, auf Zeitgeschmäcker reagieren und gleichzeitig die Grundwerte der Liedermacherei, die ja der Ursprung des Festivals sind, nicht aus den Augen verlieren. Straßenmusiker zum Beispiel. Wir hatten allein beim letzten Bardentreffen rund 500 Straßenmusiker hier. Die kommen sehr gerne, weil es auch abseits der Bühnen viel Aufmerksamkeit für die Straßenmusiker gibt. Auf der Straße hat sich das archaische Flair des Bardentreffens konserviert. Wir bieten den echten Barden in der Karolinenstraße ja auch eine eigene, kleine Straßenmusiker-Bühne. Dort treten Klaus der Geiger oder El Mago Masin auf. Große Namen in der Straßenmusiker-Szene.


In Fürth musste kürzlich ein Fest abgesagt werden, weil sich Anwohner beschwert hatten. Gibt es gegen Spaßverderber eigentlich auch Protestsongs?
Bisher haben wir mit den Anwohnern keinen Stress. Wir dürfen bis 23 Uhr Musik machen, weil das Bardentreffen ein besonderes Ereignis ist. Das hat auch mit der Geschichte zu tun. Manche haben dort die Frau ihres Lebens kennengelernt. Es ist ein Festival für jung und alt und für Menschen jeder Herkunft. Das ist das Glück eines Traditionsfestivals, das seine Tradition bewahrt hat.

Unzählige Bühnen und Bands: Da kann man schnell den Überblick verlieren. Wenn Sie mal ihren perfekten Bardenabend 2014 beschreiben könnten?
Man sollte nicht wie ich von Bühne zu Bühne hetzen. Ich versuche im permanenten Rundlauf möglichst viel mitzubekommen von dem Festival. Ich freue mich immer, wie entspannt so ein Festival abläuft. Selbst wenn es mal zu Engpässen beispielsweise vor der Katharineruine kommt, weil der Andrang zu groß ist. Wie friedlich Menschen miteinander umgehen können! Dann picke ich mir auch Bands heraus. Noa schau ich mir heuer ausgiebig an, weil sie ihre Friedensbotschaft sicher auch auf offener Bühne verkündet. Und dann möchte ich Habib Koité huldigen. Der auch für diese Versöhnung steht. Er kommt ja aus dem Kriegsland Mali. Ein sanfter Riese mit einer betörenden Stimme.

Das Gespräch führte Nikolas Pelke.

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