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Burghaslach
Tierparadies

Saugut: Bullerbü auf Fränkisch

  In der Niederndorfer Mühle leben unterschiedlichste Tiere. Zwischendrin zoffen sich Renate und Rosalie. Können Haus- und Wildschwein Freunde werden?
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Selina hat Rosalie liebevoll aufgezogen - die Bindung wird das ganze Leben über halten. Hausschwein Renate liebt die junge Frau aber auch. Fuchs
Selina hat Rosalie liebevoll aufgezogen - die Bindung wird das ganze Leben über halten. Hausschwein Renate liebt die junge Frau aber auch. Fuchs
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Rosalie steht mitten im Mühlenhof und lässt sich kraulen. Die braunen Äuglein sind genießerisch geschlossen. Wohlig wölbt das Wildschwein seinen Rücken den Händen von Valeska Roos entgegen. Die Tierärztin massiert lächelnd die Haut unter den grau-braunen Borsten. Doch das Idyll währt nicht lange. Renate kommt angetrabt. Das Hausschwein hat mit gut zweieinhalb Zentnern ein paar Kilo mehr auf den Rippen als Rosalie. Vehement drückt Renate ihren rot-braun-orange-farbigen Körper zwischen die borstige Kollegin und ihr gemeinsames Frauchen: Keine Massage ohne mich!

Valeska Roos seufzt und lacht gleichzeitig. Dass zwei so unterschiedliche Schweinedamen ihren Hof bevölkern, ist Fluch und Segen zugleich. Und war keineswegs so geplant.

Die Niederndorfer Mühle bei Burghaslach ist seit Jahren Valeska Roos' kleines Paradies; hier lebt sie und hier ist auch das Büro ihrer Praxis für Großtiere. Die alte Mühle ist ein fränkisches Bullerbü. Große und kleine Hunde, Katzen, Kaninchen, Schafe, Hühner, Pferde, die weiße Taube Hubertus und die schwarz-weiß gefleckte Kuh Lotte, vor dem Schlachter gerettet, leben hier in einem kunterbunten, fröhlichen Miteinander. Seit Januar gehört auch Renate zur tierischen Truppe. Valeska Roos fand die Färbung des Hausschweins - ein Mix der Rassen Hampshire und Duroc - so schön, dass sie es zu sich holte, bevor es auf den Schlachttermin zuging. So wechselte Renate, die damals noch Bianca hieß, den Besitzer und zog vom oberfränkischen Buch bei Ebrach ins mittelfränkische Burghaslach.

Dort lebt seit zwei Jahren auch Rosalie. Gerade mal 600 Gramm war sie leicht, als Freunde auf einem Reiterhof den Frischling nach einem Gewitter fanden - von der Mutter zurückgelassen. "Ich bekam einen Anruf", erinnert sich die Tierärztin, "und wollte abwehren. Schließlich weiß ich, was die Aufzucht eines Frischlings bedeutet: Alle zwei Stunden füttern, den ganzen Tag Körperwärme, quasi Rund-um-die-Uhr-Betreuung. Und was macht man später mit einer ausgewachsenen Wildsau?" Doch es war schon zu spät: Tochter Selina hatte sich in das Wildschweinchen verguckt. Selina erinnert sich schmunzelnd: "Einen Eber hätte ich nicht genommen, die werden einfach zu stark und gefährlich, wenn sie erwachsen sind. Aber so ein weibliches Tier..." Wochenlang trug die junge Frau die kleine Rosalie mit sich herum, gab ihr die Flasche, päppelte sie auf. Inmitten von Hunden und Schafen wuchs der Schwarzkittel heran.

Mittlerweile lebt Rosalie seit zwei Jahren in der Niederndorfer Mühle. Wendig und elegant trabt sie über den Hof, die Puschelohren aufmerksam nach oben gereckt, das Schwänzchen wackelt munter hin und her. Doch ihre Laune kann sich schlagartig ändern: Die Nackenborsten aufgestellt und die scharfen Hauer unterm Rüssel nach vorne gestreckt, galoppiert sie aufs Hoftor zu, sobald sich Unbekannte dort zeigen. Niemand käme auf die Idee, jetzt freiwillig durchs Tor zu gehen.

"Sie akzeptiert nur zwei Menschen: Selina und mich. Wir und die anderen Tiere sind ihre Rotte", berichtet die 51-jährige Tierärztin. "Sogar Selinas Partner greift sie an." Rosalie verhalte sich komplett artgerecht. "Allerdings ist das nicht unbedingt kompatibel mit unserem Betrieb hier." Diese Tatsache macht Valeska Roos schon Sorgen. Sie und Selina haben sich geschworen: So lange Rosalie lebt, soll es ihr gutgehen. Was aber, wenn sie die Umzäunung des Hofs irgendwann nicht mehr akzeptiert? Wenn sie rabiat wird, Menschen verletzt? "Dann", Valeskas Augen werden schmal und dunkel, "müssen wir einen Jäger holen, der sie erschießt. Eine andere Alternative gibt es nicht. Man kann kein Wildschwein auswildern, das nie Kontakt zu anderen Schweinen hatte."

Oder nur zu einem Hausschwein. Zumal Renate für Rosalie bisher eher ein lästiges Übel ist als ein Bezugstier. "Sie verstehen sich nicht so gut, wie wir das gehofft hatten." Beim täglichen Hofgang versucht Rosalie, sich Renate möglichst vom Leib zu halten und stupst sie mit dem Rüssel weg, wenn die Größere ihr zu nahe kommt.

Aber wer weiß, vielleicht findet das ungleiche Paar ja doch noch einen Weg zu schweinisch-schöner Freundschaft? "Die Hoffnung stirbt zuletzt", meint Valeska Roos und krault mit der einen Hand Renates Rücken, mit der anderen Rosalies. "Wenn sich die zwei in einiger Zeit immer noch nicht mögen, nehmen ihre Vorbesitzer, die Oppels aus Buch, Renate vielleicht zurück. Geschlachtet soll sie jedenfalls nicht werden."

Anton, der riesige Hofhund, und seine Kumpanin Hermine sitzen schwanzwedelnd neben den Schweinen, auch Katze Anneliese sieht dem Treiben friedlich zu. Vielleicht schauen sich Renate und Rosalie von ihnen ja etwas ab: dass man sich im fränkischen Bullerbü nicht sprichwörtlich "wie Hund und Katz" benehmen muss. Hier ist Platz für alle.