Lichtenfels
Schicksalsschläge

Wie überbringt man Angehörigen eine Todesnachricht? Ein Notfallseelsorger erzählt

Der Notfallseelsorger Simon Croner spricht darüber, wie eine Todesnachricht überbracht wird - und wie Angehörige darauf reagieren.
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Ein Unfallopfer wird von Rettungssanitätern versorgt. Verstirbt ein Unfallopfer, so überbringen Polizeibeamte dessen Angehörigen die Nachricht - begleitet werden sie dann von einem Angehörigen des Teams der Psychosozialen Notfall-Versorgung.Archivfoto: Matthias Einwag
Ein Unfallopfer wird von Rettungssanitätern versorgt. Verstirbt ein Unfallopfer, so überbringen Polizeibeamte dessen Angehörigen die Nachricht - begleitet werden sie dann von einem Angehörigen des Teams der Psychosozialen Notfall-Versorgung.Archivfoto: Matthias Einwag

Von einem Moment auf den anderen verändert ein tödlicher Unfall alles im Leben der Angehörigen. Die Nachricht vom Tod des Ehepartners oder eines Kindes wird von der Polizei überbracht. Manche Angehörige reagieren ruhig und gefasst, andere apathisch, wieder andere hysterisch. Deshalb begleitet ein evangelischer oder katholischer Notfallseelsorger die Beamten, manchmal auch ein Mitglied des Kriseninterventionsdienstes des Roten Kreuzes.

Der evangelische Religionspädagoge Simon Croner ist Notfallseelsorger im Kreis Lichtenfels. Mehrmals schon war er dabei, wenn Polizeibeamte eine Todesnachricht überbrachten. Es gebe verschiedene Situationen, bei denen die rund zwei Dutzend Mitarbeiter der Psychosozialen Notfall-Versorgung (PSNV) zum Einsatz kommen, sagt er. Beim Überbringen der Todesnachricht dabei zu sein, sei eine davon. Doch auch direkt an der Unfallstelle gebe es Betreuungsbedarf - bei Verletzten, Zeugen oder Hilfskräften. Möglicherweise sei auch ein Unfallverursacher zu betreuen, der schuldhaft für den Tod eines anderen Menschen verantwortlich ist.

"Beim Überbringen der Todesnachricht hängt sehr vieles von der Situation ab", sagt der 33-Jährige. Die Identität des Toten müsse zuvor zweifelsfrei geklärt sein. In Zeiten digitaler Medien müsse jedoch zeitnah gehandelt werden, damit die Angehörigen die schreckliche Nachricht nicht über Facebook oder ein Onlineportal erfahren. Er selbst habe schon den Fall gehabt, dass wenige Stunden nach dem Unglück Trauerbekundungen auf dem Facebook-Profil der Verunglückten standen.

Die Todesnachricht selbst werde ohne großes Drumherumreden direkt überbracht, fährt er fort. Die Reaktionen der Angehörigen seien unterschiedlich: In dieser Schockphase komme der Notfallseelsorger dazu. "Für mich ist wichtig: Zuhören ist mehr wert als zu viel zu sagen", beschreibt Simon Croner seine Vorgehensweise. Er bringe Zeit mit, denn "oft ist das ein Einsatz von mehreren Stunden". Und er bleibe, "bis das soziale Netzwerk im häuslichen Umfeld aufgebaut ist, bis Freunde und Bekannte da sind", sagt er. Denn eines sollte nicht geschehen: dass eine Witwe oder ein Witwer alleine bleibt. Ob er mit den Menschen rede oder bete, sei von Mal zu Mal verschieden: "Zunächst geht's ums Da-Sein, nicht um eine religiöse Dimension."

"Das geht einem schon nach", gesteht er - egal, ob es sich um einen Verkehrsunfall oder einen Suizid handle. "Wenn Kinder oder Jugendliche sterben, ist die Betroffenheit noch größer." Nach einem Einsatz gleich abzuschalten, sei unmöglich.

Hinzu kämen die Einsatznachbesprechungen - etwa mit Feuerwehrleuten, Sanitätern und Polizisten. Doch das geschehe nur, wenn es ausdrücklich gewünscht wird. Simon Croner: "Wir werden nur vom Feuerwehrkommandanten oder einem Einsatzleiter hinzugerufen." In der Regel besprechen die Einsatzkräfte das Erlebte untereinander, im Kameradenkreis, denn in dieser Runde wüssten alle, um was es gehe. Nicht bei jedem tödlichen Unfall oder Bahn-Suizid sei ein Angehöriger des PSNV-Teams dabei. "Manchmal wollen die Feuerwehrleute eine Nachbesprechung mit der PSNV, manchmal nicht."
Ein bis zwei Mal jährlich finden PSNV-Nachbesprechungen im Kreis Lichtenfels statt, an denen alle Feuerwehrleute, Rot-Kreuz-Angehörige, Polizeibeamte sowie Schulpsychologen teilnehmen können. Im Einsatzjahr von Oktober 2016 bis Oktober 2017 mussten beispielsweise im Kreis Lichtenfels siebenmal Nachrichten unnatürlicher Todesfälle überbracht werden, sagt Simon Croner.
Wie man sich seelisch wappnen kann? "Auf die eigenen Ressourcen schauen: Was tut mir gut?", antwortet Simon Croner. Und dann diese Ressourcen zur Stressbewältigung nutzen - das könne Jogging sein oder sich mit Freunden austauschen. Jeder gehe das anders an.


Was ist PSNV?


Die Abkürzung steht für Psychosoziale Notfall-Versorgung. Dem fünfköpfigen Leitungsteam im Landkreis Lichtenfels gehören Simon Croner (Evangelische Kirche), Clemens Grünbeck (Katholische Kirche), Alfred Bernhardt (Kreisfeuerwehrseelsorger) sowie Marion Rink und Sandra Hofmann (beide BRK) an.

Unterschieden werden die beiden Bereiche Angehörigen-/Opfer-Seelsorge sowie Nachsorge für die Einsatzkräfte der Feuerwehren und Rettungsdienste. Alarmiert werden die Notfallseelsorger, die rund um die Uhr Rufbereitschaftsdienst haben, in der Regel von Führungskräften der Feuerwehr. ME

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