Lichtenfels
Kanalsystem

Wirrwarr im Untergrund

Der Verlauf der historischen Kanäle in Klosterlangheim und bestehende Schäden sollen genau dokumentiert werden. Die Kosten werden auf 95 000 Euro geschätzt.
Artikel drucken Artikel einbetten
Johannes Gehringer von der Dorfgemeinschaft Klosterlangheim im Hauptkanal bei der ersten Begehung mit dem Sachverständigen des Landesamtes für Denkmalpflege im März 2017Bernhard Häck
Johannes Gehringer von der Dorfgemeinschaft Klosterlangheim im Hauptkanal bei der ersten Begehung mit dem Sachverständigen des Landesamtes für Denkmalpflege im März 2017Bernhard Häck
+3 Bilder
Es gab nicht viele Nachfragen und einen einstimmigen Stadtratsbeschluss. Bürgermeister Andreas Hügerich (SPD) hatte den Stadträten deutlich gemacht: Eine Bestandsaufnahme der historischen Kanäle hat Priorität vor allen angedachten Vorhaben in Klosterlangheim. Die Dokumentation vom Verlauf und Zustand jener Gräben, die die Zisterzienser zunächst in offener Bauweise anlegten, wird viel Aufwand erfordern. Bislang liegen unterschiedliche Aufzeichnungen vor. Die überbauten Hohlräume wurden teilweise verfüllt, Strecken gekappt oder zugemauert. Das Wasser, das sich von den höher gelegenen Punkten seinen Weg sucht, konnte damit nicht aufgehalten werden. Es staut sich zurück, steigt auf, führt zu Feuchteschäden in darüber liegendem Mauerwerk.
Von den Dorfbewohnern war im vergangenen Jahr ein Experte des Landesamtes für Denkmalpflege hinzugezogen worden. Bernhard Häck widmet sich bayernweit der Hohlraumforschung, begutachtet Kellergewölbe und unterirdische Gänge, gibt Empfehlungen ab. Er habe noch nicht alle Unterlagen zu Klosterlangheim einsehen können, räumt er selbst ein. Doch sein Vortrag in der Bürgerversammlung vergangene Woche hatte aufhorchen lassen. Und weil Häck am Montag nicht erneut an den Obermain kommen konnte, fasste der Bürgermeister dessen Erkenntnisse aus ersten Begehungen zusammen. "Es ist ein Wirrwarr im Untergrund", so Hügerichs Resümee. Das zu ergründen, werde nach grober Schätzung 95 000 Euro kosten. Man werde Archive bemühen und alte Bauakten einsehen müssen, ferner eine Schadensbilanz erstellen. Was dann die Behebung dieser Schäden kosten wird, ist noch völlig offen.


Wie verlaufen die Kanaltrassen?

Wie der Bürgermeister ausführte, wurden offenbar auch bei der Kartierung von 2001 Fehler gemacht. Einen Vorwurf wollte er keinem der damals Beteiligten machen, denn mit den heutigen digitalen Möglichkeiten sei es einfacher als mit den alten Aufmaßtechniken.
Stadtrat Bernhard Christoph (Grüne), der in Klosterlangheim wohnt und sehr geschichtsinteressiert ist, unterstrich, dass es durchaus umfassende Pläne über das komplexe Kanalsystem des Ortes gebe. Er selbst ist Bauingenieur und hält es für besonders wichtig, die acht Stellen, wo die Kanalanlage Verkehrswege kreuzt, fachkundig begutachten zu lassen, um eine mögliche
Gefährdung zu beurteilen und Sanierungsvorschläge zu erhalten.

Fünf Fragen zum Thema
Den Erkenntnissen über den Zustand der historischen Kanäle werden Taten folgen müssen. Welche, das ist zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht klar. Folgende Fragen wurden in der jüngsten Stadtratssitzung angesprochen:

1. Bleibt das 30 km/h-Tempolimit? - Es ist eine vorläufige Vorsichtsmaßnahme, um Schäden durch Vibrationen Einhalt zu gebieten. Die Einhaltung der Anordnung auf der Staatsstraße soll überwacht werden. Wie lange sie Bestand hat, wird von den kommenden Untersuchungsergebnissen abhängig gemacht und nicht von der Stadt Lichtenfels entschieden.

2. Wer trägt die Sanierungskosten und müssen Anlieger damit rechnen, herangezogen zu werden? - Das ist laut Bürgermeister derzeit überhaupt nicht absehbar, da die genaue Lage der Schäden nicht ermittelt ist.

3. Gibt es bereits Tagbrüche? - So nennt man es, wenn die Oberfläche über Hohlräumen einbricht. Bisher konnte das in Klosterlangheim nicht festgestellt werden, es wurden aber verschiedene Schäden im Bereich der Hauptstraße gesichtet, die so etwas vermuten lassen. Am morgigen Donnerstag wird das Bauamt an einer solchen Stelle einen Bagger ansetzen und nachschauen.

4. Kann heuer wie geplant mit der Dorferneuerung begonnen werden? - Nein. Zwar steht ein Teilbetrag von 100 000 Euro dafür im Haushalt 2018 der Stadt Lichtenfels bereit, doch macht es unter den jetzigen Voraussetzungen keinen Sinn, mit der Sanierung und Neugestaltung des Ortskerns zu beginnen. Erst muss klar sein, was im Untergrund los ist.

5. Was wird aus dem Vorhaben "Dokumentationszentrum Katharinenkapelle"/Museumssanierung? - An der Antragstellung für mögliche Zuschüsse aus dem EU-Förderprogramm ELER wird festgehalten. Im Zeitraum Juli bis September muss dazu die Bewerbung der Stadt eingereicht werden. Das weitere Vorgehen wird davon abhängig gemacht, ob der Antrag positiv beschieden wird. Ohne Zuschüsse ist das Projekt für die Stadt kaum umsetzbar.


Kommentar: "Von unten anfangen"
Da ist einiges schiefgelaufen. Spätestens bei der Bürgerversammlung in Klosterlangheim vergangene Woche wurde das klar. Der Experte des Landesamtes für Denkmalpflege legte seine Erkenntnisse über die von den Zisterziensern angelegten Kanäle dar. Seitenarme wurden zugemauert oder verfüllt. Abzuhaken waren sie damit nicht; Wasser sucht sich seinen Weg.
Es macht wenig Sinn, Jahrzehnte später nach Schuldigen zu suchen. Man könnte niemanden mehr in Regress nehmen. Und es waren mehrere Stellen involviert. Nachdenklich stimmt aber die aufwendige Sanierung des Konventbaus Mitte der 1990er-Jahre zur Bildungsstätte für Dorf- und Flurentwicklung. In den geschichtsträchtigen Mauern entstanden wunderbare moderne Räume. Dem Untergrund wurde nicht die nötige Aufmerksamkeit gewidmet.
Hochgesteckte Ziele, um das historische Erbe besser darzustellen, stehen nun hinten an. Man muss von unten anfangen in Klosterlangheim. Die Einwohner wissen das. Sie haben den Stein zu einem fundierten Vorgehen ins Rollen gebracht. Ihr Engagement - das ist das, was gut gelaufen ist in Klosterlangheim!
Verwandte Artikel
was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren