Lichtenfels
80er

"Wir waren eben Exoten"

Die 80er waren auch die Zeit der Grünen. Die ehemalige Stadträtin Doris Zullo erzählt über die Entwicklung.
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Erinnerungen aus den 80ern: Neben vielen Veranstaltungen organisierten die Grünen aus Lichtenfels auch Protestaktionen wie gegen den Bau der Wiederaufarbeitungsanlage für abgebrannte Brennstäbe aus Kernreaktoren in Wackersdorf.
Erinnerungen aus den 80ern: Neben vielen Veranstaltungen organisierten die Grünen aus Lichtenfels auch Protestaktionen wie gegen den Bau der Wiederaufarbeitungsanlage für abgebrannte Brennstäbe aus Kernreaktoren in Wackersdorf.
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"Es war wirklich eine spannende Zeit und ich möchte sie nicht missen", sagt Doris Zullo über die Zeit, kurz bevor sie unter dem Namen Doris Kleiner als erste Frau und als erste Grüne in den Stadtrat in Lichtenfels einzog. "Ich finde, die 80er waren sogar spannender als die 68er Jahre."

Zullo habe sich schon immer im sozialen und humanistischen Bereich engagiert, erzählt sie. "So richtig politisiert wurden mein damaliger Mann und ich während der Friedensbewegung." Es war das Jahr 1983, als in Bonn am 22. Oktober 500 000 Menschen gegen den Nato-Doppelbeschluss auf die Straße gingen. "Wir hatten wirklich Angst vor einem atomaren Krieg."

Politisches Engagement in der Heimat

1985 zog Zullo zusammen mit ihrem damaligen Mann von Mainz zurück nach Lichtenfels. "Wir wollten uns politisch in unserer Heimat engagieren." Das erste Treffen der Grünen, an dem sie teilnahmen, fand im ehemaligen Café Raab statt. Mit 26 Jahren und voller Freude auf ihr erstes Kind wollte sie dafür sorgen, dass es auch einmal eine lebenswerte Zukunft haben werde. Gleich danach halfen sie und ihr Mann bei der Organisation von Veranstaltungen mit.

Dass gerade auch die Protestbewegung gegen Atomenergie wichtig war, zeigte sich durch ein einschneidendes Ereignis, das die ganze Welt in Schrecken versetzte. Am 26. April 1986 passierte der größte Nuklearunfall, den es bisher in der Geschichte gab: Das Kernkraftwerk Tschernobyl explodierte nach einem fehlgeschlagenen Sicherheitstest und offenbarte, welche Gefahr Atomkraftwerke darstellen können.

218 000 Quadratkilometer in Russland, Weißrussland und der Ukraine wurden radioaktiv verstrahlt und es gab laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) ungefähr 4000 Todesopfer aufgrund der Verstrahlung.

"Ich kann mich noch genau daran erinnern, dass wir am 1. Mai mit unserer einjährigen Tochter die erste Fahrradtour gemacht haben. Als wir wieder daheim waren, meinte meine Mutter völlig aufgebracht, dass wir doch nicht mit dem Kind draußen herumfahren können." Die Ausmaße der Katastrophe wurden zunächst von den Verantwortlichen heruntergespielt. Erst am 2. Mai wurden die Menschen in Tschernobyl (18 Kilometer vom Kernkraftwerk entfernt) evakuiert.

Drei Tage später kam der Regen. "Wir haben geweint, weil wir wussten, dass jetzt der Dreck auch in unserem Garten runterkommt." Es sei eine harte Erfahrung gewesen und dennoch habe sich da das Bewusstsein für die Umwelt verändert. Aber auch andere Themen wie zurückkehrende faschistische Bewegungen, Waldsterben oder Grundwasserschutz seien damals wichtig gewesen.

"So richtig ernst genommen hat man uns damals aber noch nicht. Wir waren eben Exoten", sagt Zullo und lacht. Sie wurden belächelt, da sie noch "keine Erfahrung" hatten und wurden als "Müslifresser" bezeichnet. Sie hielten sich im Bundestag nicht an die Kleiderordnung, Frauen packten ihre Stricksachen aus oder brachten ihre Kinder mit und stillten diese während der Sitzungen. Sie waren aber auch rebellisch und sagten den anderen Parteien die Meinung. "Wir haben unsere Interessen vehement vertreten", so Zullo.

Zur Gegenwart sieht sie viele Parallelen: "Die Themen, die damals aktuell waren, sind es jetzt auch noch." Auch die Entwicklung mit Fridays for Future findet sie gut. "Die jungen Leute interessieren sich wieder für politische Themen. Darüber freue ich mich ganz besonders."

Entwicklung könnte schon viel weiter sein

Trotzdem bedauere sie es, dass die Entwicklung im Umweltschutz so langsam vorangehe. "Es ist schon viel passiert und auch das Bewusstsein hat sich verändert. Wäre damals bereits mehr unternommen worden, dann wären wir jetzt schon viel weiter und müssten nicht so viele Millionen in die Hand nehmen."

In den 90er Jahren hatte Zullo ihre richtig politische Zeit: Sie zog als erste Frau und dann auch noch als Grüne in den Stadtrat ein. Die Umgestaltung des Marktplatzes, der Kauf der ehemaligen Synagoge, eine Protestaktion gegen die Wiederaufarbeitungsanlage für abgebrannte Brennstäbe in Wackersdorf (Flagge auf dem Foto oben in der Mitte) oder eine große Veranstaltung zum Thema AIDS in der Stadthalle sind einige Beispiele für das politische Handeln der Grünen in Lichtenfels.

"Auch der Faschismus lebte damals wieder auf und wir haben am 9. November anlässlich der Novemberpogrome Schweigemärsche organisiert. Noch immer finden an diesem Tag ökumenische Gottesdienste statt." Es ließ sich viel verändern, aber manchmal lief man auch gegen Mauern. Mittlerweile habe sich Akzeptanz gegenüber "grünen" Politikern jedoch verbessert und man bekomme auch mehr Anerkennung. "Wir haben zwar keine Berge versetzt, aber den Stein ins Rollen gebracht und verschiedene Akzente gesetzt."

"Ich habe mich zwar mittlerweile aus allen Gremien zurückgezogen, aber ich gehe oft noch zu verschiedenen Treffen. Ich finde, jetzt liegt es an den Jungen, aktiv zu werden." Für die Zukunft wünscht sie sich, dass speziell das Engagement der jüngeren Generation für die Umwelt anhält und dass es auch wieder mehr junge Frauen in der Politik gibt. "Seit meiner Zeit hat es bisher keine (grüne) Frau mehr im Stadtrat gegeben", sagt Zullo.

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