Lichtenfels
Thema der Woche

Wie der Anwalt Grenzen zieht

Im Umgang mit dem Mandanten muss man beim Thema Wahrheit viele Dinge beachten, sagt Regina Taubert.
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Regina Taubert hat in über 30 Jahren als Anwältin über 10 000 Fälle auf dem Tisch gehabt. Fotos: Tobias Kindermann
Regina Taubert hat in über 30 Jahren als Anwältin über 10 000 Fälle auf dem Tisch gehabt. Fotos: Tobias Kindermann
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Nein, das Bild lenkt in die falsche Richtung: Die Justitia, die über dem Eingang vom Lichtenfelser Amtsgericht hängt, ist nicht blind vor der Wahrheit. Die Augenbinde soll symbolisieren, dass vor Gericht alle Menschen gleich sind, unabhängig von ihrem Stand, sozusagen klassenlos, erklärt Regina Taubert. Sie ist Anwältin in Lichtenfels, seit über 30 Jahren. Wieviele Mandanten sie schon betreut hat? Rund 10 000 Frauen und Männer, überschlägt sie. Ihre Schwerpunkte sind Straf- und Verkehrsrecht.

10 000 Fälle in über 30 Jahren

10 000 Fälle, das ist auch 10 000 Mal das Thema Wahrheit. Sind die Mandanten ehrlich zum Anwalt, was verschweigen sie? Hat das Gericht wirklich alle entlastenden Aspekte erkannt und berücksichtigt? Wo hakt man als Anwalt selber nach?

Natürlich versuchen Klienten auch beim Anwalt, die Dinge erst einmal etwas harmloser aussehen zu lassen oder sogar abzustreiten. "Teilweise müssen sie das sogar. Wenn mir mein Mandant sagt, er hat seine Frau umgebracht, darf ich keinen Freispruch beantragen. Dann mache ich mich der Strafvereitelung schuldig. Ich kann nur Schadensbegrenzung betreiben." Vor Gericht dürfe sie das nicht verwenden, wenn der Mandant dort die Tat leugne. "Aber es gibt Verhaltensregeln und daran erkennt der Richter das dann schon, wenn ich keinen Freispruch beantrage. " Doch so einen Fall habe sie noch nie gehabt.

Man blicke schon oft in menschliche Abgründe, auf Versagen, Schwächen und schwierige Lebenssituationen. Viele Menschen schauten da lieber weg. "Das ist oft ein Problem in Prozessen: Die Zeugen wollen nicht aussagen, können sich plötzlich nicht mehr erinnern, auch weil sie sich selber nicht in Bedrängnis bringen wollen. Das fängt schon bei ganz einfachen Fällen an: Ich habe gerade eine Mandantin, die mit dem Auto mit einem Bus zusammengestoßen ist. Da standen viele Leute daneben, doch bis die Polizei kam, waren alle verschwunden. Nun hat sie keine Zeugen, um den Sachverhalt zu klären."

Manchmal muss man auch nachhaken, selbst wenn der Sachverhalt auf den ersten Blick klar erscheint: "Ich hatte einen Mandanten, dem wurde vorgeworfen, er habe sein Frau erschlagen wollen. Er berief sich darauf, sich durch seine 1,7 Promille Alkohol an nichts mehr erinnern zu können, was sehr unwahrscheinlich ist." Sie telefonierte aber trotzdem mit der Mutter, die ihr sagte, ihr Sohn sei eine Frühgeburt gewesen." Tatsächlich ergab dann eine Überprüfung, dass der Mann ein hirnorganisches Problem besaß und bei Genuss schon von geringen Mengen Alkohol die Kontrolle über sich verlor. Er kam nicht ins Gefängnis, sondern in eine Suchttherapie und lebt heute ein unauffälliges Leben. "Oft hat die Justiz keine Zeit, sich ausführlich mit dem Vorleben des Angeklagten zu befassen. Alles andere muss der Anwalt machen." In den meisten Fällen stünden hinter den Straftaten psychische Probleme, ist ihre Beobachtung.

Mit Ermittlungen konfrontieren

Doch manchmal wird man einfach angelogen: "Ich nehme so etwas erst einmal auf, dann beantrage ich Akteneinsicht. Dann konfrontiere ich den Mandanten natürlich mit dem Sachverhalt. Und frage ihn, was denn nun wahr ist." In der Regel räume ein Mandant den Sachverhalt schon ein, aber viele Dinge würden trotzdem weiter verharmlost. "Wenn ich merke, dass die ganze Geschichte nicht passt, dann sage ich ihm, wie es war und gebe ihm einen schriftlichen Hinweis. Sonst heißt es am Ende, der Anwalt war schuld."

Im Zweifel Mandat niederlegen

Bei unkooperativen Mandanten bleibe als letzter Weg nur, das Mandat niederzulegen. "Auch das habe ich schon machen müssen, es waren aber seltene Situationen. Ich hatte einen Fall, da war jemand einem Sicherheitsbeamten über den Fuß gefahren. Der habe ja gar nichts gehabt, der stecke mit dem Arzt unter einer Decke, meinte er zu den Beweisbildern. Da war dann für mich Schluss." Aber das sei ihr in über 30 Jahren Tätigkeit vielleicht fünf Mal passiert.

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