Ebensfeld

Wenn Mitarbeiter Ideengeber sind

Die Ebensfelder Baufirma Raab hatte ihre Belegschaft zu einer besonderen Konferenz geladen.
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Findungsprozesse bedürfen der Ordnung. Kreative Gedanken aus der Belegschaft wurden an den jeweiligen Tischen gesammelt, aufgeschrieben und in Form gebracht. Foto: Markus Häggberg
Findungsprozesse bedürfen der Ordnung. Kreative Gedanken aus der Belegschaft wurden an den jeweiligen Tischen gesammelt, aufgeschrieben und in Form gebracht. Foto: Markus Häggberg
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Im Regelfall läuft es in den meisten Firmen ja eher andersrum: Oben wird bestimmt, unten wird ausgeführt. Dass sich die eigenen Mitarbeiter aber auch als Impuls- und Ideengeber gewinnen lassen, bewies dieser Tage die Baufirma Raab. Eine Traditionsgeschichte um Ideen, Loslassen, Aufwand und effektiver Selbstoptimierung.

Viele Firmen suchen heute nach neuen Wegen, um besser aus den eigenen Möglichkeiten zu schöpfen, um den Herausforderungen des Wettbewerbs zu begegnen. Raab geht diese Wege schon seit 20 Jahren - mit der Mobilisierung der Vorstellungskraft der eigenen Mitarbeiter zu allen möglichen Belangen innerhalb des Betriebs. Einer von denen, die geladen waren, Vorstellungskraft zu entwickeln, war auch Tesf Amariam. Er ist neu in Deutschland und neu am Bau. Als der junge Eriträer am Freitag kurz vor 8 Uhr die Dreifachturnhalle betritt, kann er sich keinen rechten Reim auf das machen, was hier stattfinden soll und wie er in diese Veranstaltung reinpasst. Auch sein Blick fällt auf die nach Nordwesten gehende Wand, auf der in großen Lettern und auf Papier "Füreinander Zukunft bauen" steht. Er weiß nicht, dass das, was auch ihm jetzt bevorsteht, schon im März 2019 seinen Anfang nahm. Damals traf sich erstmalig und hernach noch zweimal, eine Vorbereitungsgruppe, bestehend aus über 20 Mitarbeitern aus allen Bereichen. Sie haben sich abseits ihrer Arbeit entgeltlich mit dem kommenden hauseigenen Projekt befasst. Wohl rund 200 Stühle stehen im Halbkreis vor einer Leinwand und eingedeckt sind sie in gewisser Weise auch noch: Papierblöcke und Kugelschreiber liegen auf ihnen parat. In den nächsten beiden Tagen sollen sich auf ihnen Kollegen als Mitmenschen und Mitmenschen als Kollegen finden, um gemeinsam Ideen dazu zu produzieren, in welche Marktlücken man stoßen könnte und ob man beispielsweise verstärkt der Altbauinstandsetzung beziehungsweise dem Umbau statt Neubau Beachtung schenken sollte.

Gemeinsames Diskutieren

Aber es gibt auch gesetzte Themen, die von der Leitung des Hauses Raab als schmerzlich empfunden werden könnten. Doch Wolfgang Schubert-Raab und seine Frau Gisela lassen von ihrer Belegschaft eben auch konsequent behandeln, ob die Firma womöglich einen bürokratischen Wasserkopf hat beziehungsweise unter welchen Umständen es am Lohn hapern könnte. Es ist das dritte Mal, dass sie eine solche Konferenz zulassen. "Vor der ersten Zukunftskonferenz hatte ich richtig, richtig Schiss", gibt Schubert-Raab zu. Er tut es mit einer Spur von einem Lächeln, wird aber gleich wieder ernst, wird zu Gesellschaft und Politik reflektieren und dazu, dass heute nichts mehr so sicher ist wie einstmals. Ergo: Eine Firma soll "ein Ort der Verlässlichkeit sein" und ja, er befürworte "Freundschaften unter Mitarbeitern". Diese Freundschaften dürfte es bei Raab geben, das sah man an der respektvollen Weise gemeinsamen Diskutierens.

Gisela Raab hört ihrem Bürgermeister zu. Auch Bernhard Storath (CSU) befindet das, worin er sich gerade befindet, für in der Wirtschaft ungewöhnlich genug. Er ist gerne bereit, die Turnhalle dafür reservieren zu lassen und wendet sich mit warmen Grußworten an Leitung und Belegschaft. "Ich bin stolz, wenn ich irgendwo auf der Autobahn die Firmenfahrzeuge sehe", wird er sagen und einmal neckisch auch davon sprechen, wie zugetan er Raab auch wegen all der Gewerbesteuereinnahmen ist. Doch zu dem Warum des Ganzen wird sich wenig später Gisela Raab erklären, dann, als sie mit dem Staunen darüber, dass ihr Traum übererfüllt wurde, fertig war.

"Mozartfähigkeiten"

180 Mitarbeiter hätte sie sich als Teilnehmerzahl gewünscht, 186 waren gekommen. Dann kommt sie auf den Schlüsselmoment zu sprechen, von dem sie auch nicht mehr genau weiß, ob er 1996 oder ein Jahr später passierte, den sie unserer Zeitung gegenüber später aber ausführlicher machte. "Ich lese im Jahr zehn bis 15 Bücher", so die diplomierte (FH) Ingenieurin im Bauwesen und berichtet von einer gewissen Vorliebe für Themen zur Menschenführung. So sei sie damals auf den Begriff "Mozartfähigkeiten" gestoßen, den der Autor Rudolf Mann in seinem Buch "Die neue Führung" gebrauchte. Jener Mann hatte Führungspositionen in Konzernen inne, gründete eine Beraterfirma in Mannheim und ist Fachbuchautor. Weil sie jenen Mann persönlich kennenlernen wollten, machten sich die junge Unternehmerin und ihr Mann Wolfgang damals persönlich auf den Weg nach Mannheim, um mehr über diese Mozartfähigkeiten herauszubekommen. Grob gesagt bedeuten sie, dass man sie bevorzugt bei Menschen vorfindet, die ihrem Tun aus Begeisterung und Freude nachgehen. Solche Fähigkeiten vermutet sie bei ihren Mitarbeitern, solche Fähigkeiten erwüchsen aber bevorzugt in einem Klima aus Respekt und Wertschätzung. Und was wäre respektvoller als seinen Mitarbeitern zuzugestehen, dass sie Profis sind und darum ihre Meinung einzuholen? Doch das alles bedarf gekonnter Vorbereitung.

Gefühl von Wertschätzung

Peter Breidenbach und Peter Bauer haben sich gefunden. Sie bilden ein Moderatorengespann, sie leiten die Männer und Frauen zwischen Brückenbau und Büro, zwischen Hochbau, Tiefbau und Einkauf, zwischen Azubis und Ausbildern an, disziplinübergreifend gemischte Denkgruppen zu bilden. Dabei sorgen die beiden Coaches für Auflockerungen, für humorige Einschübe, für kleine Nachdenklichkeiten und achten darauf, dass Aufgaben in der vorgegebenen Zeit gelöst werden. Dazu befragt, was eine solche Großgruppenkonferenz mit der Psyche des Einzelnen anstellt, hebt Breidenbach das Gefühl von Wertgeschätztsein hervor, von Stolz auf Zugehörigkeit. Aber der Mann warnt auch: "Es ist ganz, ganz wichtig, dass die erarbeiteten Themen von der Firma auch gepflegt werde, sonst geht der Schuss nach hinten los." Will sagen: Wenn Mitarbeiter merken, dass ihre berechtigten Ideen bei der Geschäftsleitung keine Beachtung finden, hat man sie zum letzten Mal auf so einer Konferenz gesehen. Einer, der schon drei solcher Konferenzen mitgemacht hat, ist Wolfgang Weis vom Büro. Nun, zur jüngsten Konferenz hatte der 60-Jährige auch so seine Vorbehalte. "Dachte, was wollen sie denn Neues, wir stehen doch gut da. Aber ich hätte nicht gedacht, dass das neue Sichtweisen bringt. Ich habe den Eindruck gehabt, am Tisch sind Ideen entstanden, die zündend sind." Zu diesen Ideen gibt es jetzt "Kümmerer", die in Eigenverantwortung für die Umsetzung sorgen dürfen.

Das mit den Tischen ist so eine spannende Sache, das mit den Tischen war dem zweiten Tag vorbehalten. Es war Samstag und es war die Freizeit der Belegschaft. Würden diejenigen kommen, die sich am Vortag zu den 14 Arbeitsgruppen an Tischen mit Themen wie "Die Zukunft des Brückenbaus" oder "Fachkräfte halten, gewinnen und ausbilden" eingetragen haben? Es kamen mehr, es kamen 140. Sie kamen zum Mittun und aus Interesse, sie kamen aber in dieser Anzahl aber vor allem unerwartet. An den Tischen herrschte dabei eine Gesprächskultur, über die von einer auserkorenen Person gewacht wurde. Dann begann das Brainstorming und jemand warf eine Idee in den Raum, zu der einem anderen einfiel, dass er sich mit diesem oder jenem auskenne. So steuerten Begriffe aufeinander zu, dockten aneinander an und wurden zu einer Idee geformt und archiviert. Auf diese Weise entstanden Gedanken dazu, wie das Unternehmen neue Märkte finden kann, auf diese Weise habe man bei Raab den Umweltschutz und die Arbeitssicherheit drastisch verbessert. Gut möglich, dass es zu den Zukunftskonferenzen künftig Veränderungen gibt. Wolfgang Schubert-Raab sprach es an, als er zu den Unwägbarkeiten der modernen Zeiten reflektierte.

Vielleicht werden die Konferenzen für die Firma schon alle fünf Jahre erstrebenswert. Auf alle Fälle signalisierten auch die fünfte Generation Raab, die kommenden Geschäftsführer Benedikt und Julia, großes Interesse am Beibehalt der Konferenzen. Und der 60-jährige Wolfgang Weis? Eine Zukunftskonferenz in zehn Jahren würde er als Mitarbeiter nicht mehr mitmachen. Auf eine in fünf Jahren aber würde er sich freuen. Doch auch bei einer Zukunftskonferenz weiß man, dass Zukunft aus Vergangenheit gemacht wird. Darum erhob man sich auch zu einer Schweigeminute für vier einstige Mitarbeiter, "die leider nicht mehr viel von ihrem Ruhestand hatten".

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