Lichtenfels
Prostitution

Wenn Liebe eine Dienstleistung ist

Wo es am Obermain Möglichkeiten gibt, Liebe zu kaufen? Das wollten wir von zwei Männern aus dem Kreis Lichtenfels wissen, die ein Freudenhaus in Coburg betreiben. Die Freizügigkeit im Internet veränderte ihr Gewerbe.
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Foto: Archiv
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Das älteste Gewerbe der Welt ist im Kreis Lichtenfels offiziell gar nicht angesiedelt. Erst in Städten ab 30 000 Einwohnern sind Freudenhäuser zulässig. Unsere beiden Gewährsmänner aus dem Kreis Lichtenfels sprechen freizügig über ihren Coburger "Beherbergungsbetrieb mit sexuellen Handlungen", wie ein Bordell im Behördendeutsch bezeichnet wird. Und über das "knallharte Geschäft" in diesem Gewerbe, das zunehmend vom Internet bedroht wird.

Die beiden Männer führen ein Appartment mit vier Arbeitszimmern, die wochenweise von Frauen angemietet werden. Frauen aus ganz Europa im Alter zwischen 20 und 70 Jahren kommen zu ihnen. Jede Prostituierte bekommt einen Mietvertrag und arbeitet auf eigene Rechnung. Sie muss Gesundheitspass und Prostitutionsausweis vorzeigen.

"Ich steh' hinter dem Gewerbe", sagt einer der Freudenhausbetreiber, "wir haben eine Lizenz und machen nichts Illegales." Zudem sei "jeder Betreiber hinterher, seinen Laden sauber zu führen". Kondome, Handtücher, Waschmittel und Bettwäsche stelle er den Damen zur Verfügung. Auf die Einhaltung der Kondompflicht achten die Betreiber des Hauses, indem sie die Abfalleimer checken. Und sie machen Botengänge für die Frauen, denn diese möchten das Haus so selten wie möglich verlassen, weil ja just dann ein Freier kommen könnte.

Die Preise für ein Schäferstündchen? Zwischen 130 und 150 Euro, "aber das legen die Frauen selber fest". Doch Stundengeschäfte, sagt der Mann, seien selten geworden, "das meiste sind Quickies". Das Geld sitze bei den Freiern heute nicht mehr so locker. "Heiligabend ist der beste Tag, da kommen die ganzen Singles", antwortet einer der Männer auf unsere Frage nach den umsatzstärksten Tagen.

Die Berufsbezeichnung Zuhälter hören die beiden Männer nicht so gern, denn "ein Zuhälter ist eigentlich jemand, der die Frauen zwingt", sagt einer der Bordellwirte. Das jedoch könne sich heute keiner mehr leisten: "Die Damen sind sehr sensibel, man muss sie mit Glacéhandschuhen anfassen, um sie nicht zu vergraulen - so wie eben überall im Dienstleistungsgewerbe." Dass die Frauen wegbleiben, gelte es zu vermeiden, weil es kein Überangebot an Sexarbeiterinnen gebe.

Seit 2003 gibt es den anerkannten Beruf der/des Prostituierten. Zu diesem Personenkreis gehören die "Stammfrauen", wie die beiden Bordellbetreiber ihre Mieterinnen nennen: "Man baut eine Bindung zu den Frauen auf, eben wie Mieter und Vermieter." Dass jedoch eine Prostituierte ihren Ehemann mitzubringen wünscht, wie bei Osteuropäerinnen nicht selten, lassen die Bordellwirte nicht zu.

Ein Alarmsystem sei in den Zimmern installiert. Das diene aber eher der Beruhigung, denn die meisten Männer, die ins Haus kommen, hätten ohnehin mehr Angst vor einem vermeintlich im Nebenzimmer sitzenden Zuhälter und verhielten sich demzufolge anständig und gesittet. In den zehn Jahren, in denen sie das Etablissement betreiben, habe es keine Kriminalitätsfälle gegeben - weder mit Drogen noch mit Beischlafdiebstahl, beteuern die beiden Männer.

Die Videoüberwachung im Eingangsbereich sei vorgeschrieben, fährt einer fort - doch "Diskretion ist oberstes Gebot in unserem Gewerbe, trotz der Videoüberwachung". Am Obermain und im Coburger Land gebe es keine mafiösen Strukturen wie in Großstädten.

"Die Sexualität ist ja sehr locker geworden", urteilt einer der Männer. Die ständige Verfügbarkeit sexueller Inhalte im Internet betrachten beide als Grund hierfür. Die "Schwarzprostitution", die über Internetplattformen laufe, mache ihnen zu schaffen, sagen sie. In Lichtenfels gebe es durchaus freischaffende Hobby-Huren, die sich auf Hotelbasis anbieten. Das haben die beiden Männer bei ihrer kontinuierlichen Marktbeobachtung, also beim Besuchen einschlägiger Portale, immer wieder festgestellt. "Das ist Konkurrenz für unser Geschäft, weil die ja keine Steuern zahlen." Zudem gebe es Erotikkinos in Hallstadt und Himmelkron, "wo freie Liebe praktiziert wird". Auch der Swingerclub in Bischberg sei, laut der Einträge in Foren, gut besucht - "die Swingerclubs explodieren".

Und dann ist den Bordellbetreibern noch der kostenlose Parkplatzsex ein Dorn im Auge. Angeboten werde diese Art der Liebe ebenfalls auf Onlineplattformen - der Rastplatz zwischen Banz und Kösten tauche hier auf und der Autobahnparkplatz "Coburger Forst" an der A 73, aber auch der Ebinger Baggersee sei so eine Location.

Schnelle Liebe durchs Internet

"Durchs Netz ist's leichter geworden, sich schnelle Liebe zu kaufen", sagt der eine der beiden Männer. Die Leute, die ins Freudenhaus kommen, ergänzt er, wollten nicht mehr genießen - das höre er immer wieder, wenn er mit seinen Frauen spricht. Durch das Internet werde schneller Sex zu leicht erreichbar. Zudem wünschten die Leute heute immer ausgefallenere Dinge, "alles muss hip sein und mega", schimpft er, "ein normaler Hype reicht nicht, es muss etwas Besonderes sein". Sex an gewagten Orten sei heute angesagt. "Die sexuelle Revolution ist immens fortgeschritten", und die Sitten hätten gelitten. Er wundere sich manchmal, wie vollmundig und freizügig junge Menschen mit ihren sexuellen Abenteuern prahlen. Auf "Schlendrian im Elternhaus bei der Erziehung" führt ausgerechnet ein Freudenhausbetreiber diese Zeiterscheinung zurück.

Angesicht dessen hört es sich beinahe romantisch an, dass es im Freudenhaus der beiden eine Doppelbadewanne gibt - und ein Außenbett für die "Liebe unterm Sternenhimmel".

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