Vierzehnheiligen
Geschichte der Wallfahrt

Warum Menschen nach Vierzehnheiligen pilgern

Bezirksheimatpfleger Günter Dippold beleuchtete die über 570-jährige Geschichte der Wallfahrt nach Vierzehnheiligen.
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Seit dem Zweiten Weltkrieg bewegen auch Sachgründe die Menschen dazu, sich auf dem Weg nach Vierzehnheiligen zu machen - wie hier etwa, um Segen für Traktoren und ihre Fahrer zu erbitten. Gerda Völk
Seit dem Zweiten Weltkrieg bewegen auch Sachgründe die Menschen dazu, sich auf dem Weg nach Vierzehnheiligen zu machen - wie hier etwa, um Segen für Traktoren und ihre Fahrer zu erbitten. Gerda Völk
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Diesmal war es nicht die berühmte Basilika Vierzehnheiligen selbst, ein Meisterwerk Balthasar Neumanns, die im Mittelpunkt eines CHW-Vortrags mit Bezirksheimatpfleger Günter Dippold stand, sondern die Menschen, die seit Mitte des 15. Jahrhunderts als Wallfahrer das Gotteshaus besuchen. Über 570 Jahre Wallfahrt, eine ungewöhnliche Kontinuität, die allerdings nicht ganz frei von Brüchen ist. Im Verlauf seines gut einstündigen Vortrags am Freitag im Heimatmuseum Bad Staffelstein nahm Dippold seine Zuhörer mit auf eine spannende Zeitreise, die verschiedene Aspekte der Wallfahrt beleuchtete.

"Nach der Reformation wurde die Kirche von Staffelsteinern und Lichtenfelsern ausgeplündert und in Brand gesteckt, und auch der Zustrom der Wallfahrer erlahmte, versiegte zeitweilig wohl gar", berichtete der Referent. Im Laufe der Jahrhunderte änderte sich auch die Form von Wallfahrten. Die uns so vertraute Gemeindewallfahrt entstand erst in der Katholischen Reform, bürgerte sich nach 1600 in der Zeit der kontrollierten Frömmigkeit ein. Seit es Busse und Bahnen gibt, wurde die Wallfahrt zu Fuß eine bewusste Entscheidung. Auch die Haltung der geistlichen und geistigen Eliten und der weltlichen Obrigkeiten zu Wallfahrten im Allgemeinen wandelte sich in Laufe der Jahrhunderte, wie der Referent verdeutlichte. Um 1700 waren Gemeindewallfahrten ein Massenphänomen, beliebt bei den Gemeinden, begrüßt von den Obrigkeiten, gefördert von den Kirchenbehörden. Dies änderte sich um 1780, als man die vermeintlichen Schattenseiten der Wallfahrt zunehmend kritisch sah. Mit den Argumenten der schädlichen Folgen für die Wirtschaft durch Arbeitsversäumnisse, unsittlichen Treibens und gesundheitlicher Gefahren verbot das Vikariat Bamberg 1803 die Wallfahrten weitgehend. Der einstige Langheimer Mönch Joachim Heinrich Jäck befürchtete gar, dass Wallfahrer durch "schlechte Nahrung" und "mannigfaltige Anstrengungen" den Keim zu lebenslangen Krankheiten und frühen Tod legten.

Anders dagegen sah es der katholische Publizist Hans Rost, der in den 1920er-Jahren die unterschiedlichen Seiten des Wallens beleuchtete. Er sprach von "geistigen Atempausen" für die Seele des armen Mannes aus dem Volke. Auch Neugierde spielte nach Ansicht des Referenten eine Rolle. Besonders in Zeiten, in denen gebaut wurde. "Man wollte die mächtige Baustelle, den Fortgang bei Bau und Ausstattung sehen." Selbst Kaiser Friedrich III. und seine Schwester, die Frau des sächsischen Kurfürsten, machten sich nach Vierzehnheiligen auf dem Weg. Um Menschen aufzunehmen, die für Verköstigung und Unterkunft zahlten, ließ das Kloster Langheim eine Gastwirtschaft errichten. Die Eisenbahn veränderte das Verhalten der Einzel- und Gruppenwallfahrer. Aus einem mehrtägigen Marsch wurde eine Tagesetappe, bei der die Pilger oft am Abend wieder zu Hause waren. Im Juli 1864 wurde auf der Werrabahn sogar ein Sonderzug für Vierzehnheiligen-Besucher eingesetzt.

Lange Zeit war der Weg von Seubelsdorf nach Vierzehnheiligen denkbar schlecht. Er sei nicht "menschenwürdig" schrieb im März 1891 eine Lichtenfelser Tageszeitung. Erst auf Bestreben des Lichtenfelser Bezirksamtmanns und des Stadtpfarrers wurde der 1800 Meter lange durch Spenden finanzierte Weg neu gebaut. Der heutige, landschaftsprägende Weg vom Seubelsdorfer Kreuz nach Vierzehnheiligen wurde vom März bis Oktober 1933 angelegt.

Unterwegs boten sich den Wallfahrern oft Scheunen, Häuser, Büsche oder die Übernachtung unter freien Himmel an, wie sich ein Zeitgenosse erinnert. Bei der Ankunft in der Kirche wurde der Gnadenaltar dreimal feierlich umrundet. Damals war es üblich, die Nacht in der Kirche zu verbringen. Dazu stellte das Bezirksamt Staffelstein 1889 fest, dass zahlreiche Wallfahrer beiderlei Geschlechts nachts in Kirchenstühlen, Beichtstühlen und um die Altäre lagerten, schliefen und die Kirche in der "ekelhaftesten Weise" verunreinigten. Im April 1889 wurde die Übernachtung in der Kirche untersagt. Die Wallfahrer mussten in den beiden Vierzehnheiligener Wirtshäusern übernachten. Bei großem Andrang wurden die benachbarten Ortschaften Grundfeld, Wolfsdorf und Seubelsdorf gebeten, diejenigen aufzunehmen, die nicht in Vierzehnheiligen ein Unterkommen finden konnten.

Hatte die Wallfahrt nach Vierzehnheiligen in der Vergangenheit schon immer wieder Krisen erlebt und doch Bestand gehabt, bescherte die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg neue Impulse, erläuterte der Referent. Jetzt kamen nicht nur Ortsgemeinschaften, sondern auch Sachgründe hinzu, die Menschen dazu bewegen, sich auf dem Weg nach Vierzehnheiligen zu machen. Wie die Wallfahrt der Heimatvertriebenen, die Diözesanwallfahrt der Frauen oder die von Jupp Schneider geleitete Christkönigswallfahrt. "Vierzehnheiligen steht eben nicht für ein starres Verharren, sondern für eine lebendige Tradition", lautete das Schlusswort von Dippold.
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