Oberbrunn
Schicksal

Unverhofftes Wiedersehen nach 69 Jahren

Ein Dreijähriger wird um 1950 in Schönbrunn von seiner Familie getrennt. Jahrzehntelang haben die Geschwister keinen Kontakt. Nun sehen sie sich wieder und lernen sich beim Familientreffen in Oberbrunn erstmals richtig kennen.
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Voller Vorfreude und Erwartung: Wie wird das Wiedersehen mit Rudi Schönbrunn nach 69 Jahren sein? Seine Schwester, die 84-jährige Elly Endres (rechts), und  ihre Töchter Elke Barth (Zweite von rechts) und Andrea Hellmuth sowie deren Lebensgefährte Helmut Vorndran sind gespannt darauf.  Matthias Einwag
Voller Vorfreude und Erwartung: Wie wird das Wiedersehen mit Rudi Schönbrunn nach 69 Jahren sein? Seine Schwester, die 84-jährige Elly Endres (rechts), und ihre Töchter Elke Barth (Zweite von rechts) und Andrea Hellmuth sowie deren Lebensgefährte Helmut Vorndran sind gespannt darauf. Matthias Einwag

Das ist der Stoff, aus dem Romane sind: Geschwister verlieren sich im Kleinkindalter aus den Augen. Für immer, wie es scheint. Sie wissen nichts voneinander. Bis einer aus der Familie nachforscht und die Geschwister nach 69 Jahren zusammenführt.

Am Ende des Krieges muss Frieda Reichert mit ihren sechs Kindern aus Brieg in Schlesien fliehen. Sie kommen 1945 nach Schönbrunn bei Staffelstein. Der Vater ist im Krieg gefallen. Frieda Reichert geht eine Beziehung mit einem Mann namens Walter Schmog ein, mit dem sie drei uneheliche Kinder hat, darunter ist der 1947 in Staffelstein geborene Rudi. Wie damals üblich, bekommen uneheliche Kinder den Mädchennamen der Mutter - und der lautet Schönbrunn.

Es ist eine schwere Zeit für die alleinerziehende Mutter mit den neun Kindern. Der Vater ihrer drei Jüngsten, Walter Schmog, lebt nicht in Schönbrunn, sondern in Burgkunstadt. Als eines Tages der Bruder der Mutter, dessen Ehe kinderlos ist, aus dem Raum Hannover zu Besuch nach Schönbrunn kommt, wird spontan entschieden, dass eines der Kinder aus wirtschaftlichen Gründen zu ihm und seiner Frau ziehen soll. Seine Stiefschwester Elly Endres (84), die heute in Oberbrunn lebt, erinnert sich: "Ich hab' gesagt: Ich geh' net mit. Aber der Rudi schrie: Ja! Ich geh mit!" Die Würfel waren gefallen.

Ein Abschied für Jahrzehnte

So verabschieden sich die Geschwister in Schönbrunn von ihrem dreijährigen Bruder Rudi Schönbrunn, der zum Onkel Schönbrunn nach Niedersachsen zieht. Es sollte ein Abschied für viele Jahrzehnte werden. Doch das wissen die Kinder damals nicht, versucht Elly Endres zu rekonstruieren, denn der Abschied sei zunächst einmal nicht so endgültig erschienen. Ihr Leben lang denkt sie an den verschollenen Bruder: "Des war immer mein kleiner Rudi." Warum der Onkel aus Hannover nie mit dem kleinen Rudi nach Franken zu den Geschwistern reist, bleibt ein Rätsel. Vielleicht, weil er fürchtet, der Junge würde nicht mehr zurückkehren und bei den Geschwistern bleiben wollen.

Jedenfalls verliert die Familie den kleinen Rudi aus den Augen, aber niemals aus dem Gedächtnis. In der Folgezeit suchen Mutter und Geschwister den Jungen immer mal wieder. Er bleibt unauffindbar. Elly Endres: "Später sagte die Mutter, das würde sie nie mehr machen, eines ihrer Kinder hergeben."

Vage Erinnerung an die Schwester

Immerhin erklären die Stiefeltern ihrem Rudi mit 15 Jahren, dass sie nicht seine leiblichen Eltern sind. Dass er so viele Geschwister hatte, bleibt ihm bis vor kurzem unbekannt - "nur von einem größeren Madla" habe er gewusst, erzählt Elly Endres, "und des war ich". Rudi Schönbrunn erinnert sich jedoch, dass seine Familie in Schönbrunn wohnt und er weiß, dass er in Staffelstein geboren ist. Im Alter von 30 Jahren forscht er einmal nach, jedoch nicht besonders energisch, so dass seine Suche vor Ort im Sande verläuft.

Dass die Suche der Familie nach Rudi keinen Erfolg haben konnte, ist inzwischen erklärbar: Rudi Schönbrunn hatte keinen festen Wohnsitz in Deutschland, als Monteur war er fast immer im Ausland unterwegs.

Bewegung kommt erst in diesem Jahr in die Suche nach dem vermissten Rudi. Im Februar sitzt Elly Endres mit ihrer Familie in Oberbrunn zusammen. Dabei sind auch ihre Tochter Andrea Hellmuth und deren Lebensgefährte, der Krimiautor Helmut Vorndran. An der Kaffeetafel kommt das Gespräch auf den lange verschollenen Bruder Rudi. Helmut Vorndrans Ehrgeiz ist sofort geweckt, er ist der Meinung: "Das kann doch nicht sein, dass man den nicht findet!"

"Das könnt' er sein!"

Der Krimischriftsteller beginnt zu ermitteln. Mit dem Handy googelt er sogleich den Namen Rudi Schönbrunn und findet zur eigenen Überraschung nach wenigen Klicks einen Facebook-Eintrag "Rudi Walter Schönbrunn" mit Geburtsdatum Februar 1947 und Foto. Helmut Vorndran spricht in die Runde: "Das könnt' er sein!" Seine Freundin Andrea ergänzt: "Der sieht aus wie die Oma!" Von Elly Endres will die Familie wissen, wann denn der Bruder geboren ist. Sie antwortet zurückhaltend: "Genau waaß ich's net, aber es war im Winter." Nun sind alle wie elektrisiert und wollen unbedingt weiter nachforschen. Helmut Vorndran schreibt ihn über Facebook an: "Hallo Rudi, Du kennst mich nicht. Bitte melde Dich! Hier warten viele Geschwister, die Dich kennenlernen wollen."

Der Krimiautor ermittelt

Doch Rudi Schönbrunn antwortet nicht. "Er vermutete einen Trickbetrüger und löschte die Nachricht", sagt Helmut Vorndran. Doch nun fühlt sich Krimiautor Vorndran erst recht herausgefordert. Über den privaten Facebook-Account von Freunden bei der Bamberger Polizei nimmt er Kontakt zu Polizeibeamten in Hannover auf. Er bittet diese, Rudi Schönbrunn aufzusuchen, um ihm die Sachlage zu erläutern und ihn zu fragen, ob er an einer Kontaktaufnahme zur Familie in Franken interessiert sei.

Und tatsächlich: Eine Woche später ruft Rudi Schönbrunn bei Helmut Vorndran an. "Des war ein geiles Gespräch", erinnert er sich, "der Rudi hat sich mit mir, dem beigeordneten Familienmitglied, sofort verstanden." Rudis erste Reaktion, als er erfuhr, wie viele Geschwister er hat: "Ach du lieber Gott!" Vorndran weiter: "Und er war ein wenig durchn Wind."

Elly Endres ruft ihren Bruder daraufhin an. Vor 69 Jahren hat sie ihn letztmals als Dreijährigen gesehen. Sie ist die Letzte aus der Familie, die sich an ihn erinnern kann. Die beiden Geschwister telefonieren lange miteinander. Und sie vereinbaren ein Treffen für dieses April-Wochenende. "Eine Grillparty mit Wiederaufnahme in die Familie", wie Helmut Vorndran es nennt - "da wird's Freudentränen geben". Sechs der neun Geschwister sind noch am Leben.

Launen des Schicksals

Helmut Vorndran, der gerade an seinem neuen Krimi schreibt, ist selber baff über die Launen des Schicksals: Im Herbst hatte er mit dem Schreiben des Romans "Lupinenkind" begonnen. Darin geht es ausgerechnet um ein verschwundenes Kind. Dass er kurz darauf im realen Leben selbst mithelfen würde, ein verschwundenes Kind zu finden, ahnt er zu diesem Zeitpunkt nicht. Das Buch wird er jedenfalls Rudi Schönbrunn widmen.

Wie das Wiedersehen der Familie mit Rudi Schönbrunn verlaufen ist, werden wir in der nächsten Woche schildern.

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