Bad Staffelstein
Geschichte

Traumatische Erinnerung an Postelberg

Wie geht es mit den Postelberger- Treffen in Bad Staffelstein weiter? Seit über 30 Jahren kommen die Heimatvertriebenen aus dem Sudetenland einmal jährlich am Obermain zusammen. Nun leben nur noch wenige Zeitzeugen. Einer davon ist Wolfgang Buberl.
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Wolfgang Buberl am 1996 gesetzten Gedenkstein auf dem Staffelsteiner Friedhof zur Erinnerung an die 1945 ermordeten Postelberger Matthias Einwag
Wolfgang Buberl am 1996 gesetzten Gedenkstein auf dem Staffelsteiner Friedhof zur Erinnerung an die 1945 ermordeten Postelberger Matthias Einwag

Wolfgang Buberl hat in seiner Heimatstadt Postelberg Furchtbares erlebt. Im Mai und Juni 1945 wurden dort Hunderte Deutsche ermordet. Unter den Toten war sein Vater Josef. Mutter Antonia wurde mit den beiden Kindern Luci und Wolfgang zunächst interniert, dann nach Westdeutschland abgeschoben.

Die Eltern des heute 83-Jährigen führten seit 1936 am Ringplatz in Postelberg das Gasthaus "Blauer Stern". Als der Krieg zu Ende ging, erzählt Wolfgang Buberl, hoben Angehörige des Volkssturms im sandigen Boden Panzergräben aus. Er habe dabei mitgeholfen. "Ich hätte nie gedacht, dass das einmal das Grab meines Vaters wird."

Quellen ausgewertet

Am 27. Mai 1945, einem Sonntag, nahmen tschechische Milizionäre und Partisanen die deutschen Männer im Alter zwischen 16 und 60 fest. Sie verschwanden spurlos. Jahrzehntelang recherchierte Buberl und versuchte, deren Schicksal zu klären. Immer wieder befragte er Sudetendeutsche, und er sammelte alle historischen Quellen, die er auftreiben konnte. Die Männer - darunter auch sein 47-jähriger Vater Josef - seien in eine Kaserne gebracht worden, wo sie gedemütigt, gefoltert und beraubt wurden, sagt er. Frauen, Kinder und Alte wurden in einem eigenen Lager untergebracht.

Die Spur der Männer verläuft sich an jenem Sonntag im Mai. Frauen und Kinder, die ihnen etwas Essbares in die Kaserne bringen wollten, wurden abgewiesen. Bis heute wurden die Leichen der nach dem Tag ihres Verschwindens "Sonntagsmänner" genannten Personen nicht gefunden. Seinen Recherchen zufolge seien sie in der Nacht zum 28. Mai in jenem Panzergraben erschossen worden, der kurz zuvor ausgehoben worden war, sagt Buberl. Die Erinnerung daran ist ihm stets präsent: "Ich kann diesen sandigen Boden nicht vergessen."

Hoffnung hielt sich lange

Dass der Vater tot ist, erfuhr die Familie erst lange hinterher. Kurz nach dem Krieg sei ihnen noch nicht bekannt gewesen, welche Grausamkeiten in Postelberg verübt wurden. Ende der 1940-er Jahre habe ihn die Familie, die nun im Neuensorg (damals Kreis Lichtenfels) lebte, für tot erklären lassen, um die Rentenangelegenheit für die Mutter zu regeln, "aber wir haben noch lange gehofft, dass er lebt". Die Leichen der "Sonntagsmänner", so die These Wolfgang Buberls, seien einige Zeit nach dem Krieg exhumiert und im Krematorium von Brüx eingeäschert worden.

Wolfgang Buberl, der als Finanzbuchhalter eines mittelständischen Unternehmens arbeitete und noch immer in Neuensorg wohnt, besuchte Postelberg insgesamt etwa zehn Mal. Nun möchte er jedoch abschließen mit den schrecklichen Erinnerungen, die ihm präsent sind, "als wenn's gestern gewesen wär". Immer wieder kommen die grauenvollen Erinnerungen: "Ich möchte manchmal das ganze Zeug vergessen, aber es geht nicht." Nach Postelberg will er nun nicht mehr fahren: "Ich weiß nicht, wenn ich heute durch die Stadt gehe, ob ich nicht auf ein Grab trete."

1987 initiierte der damalige Staffelsteiner Bürgermeister Reinhard Leutner (CSU) die Patenschaft für die Heimatvertriebenen aus Postelberg. Seither fand alljährlich in Staffelstein ein Treffen der einstigen Postelberger statt, die aus der ganze Welt anreisten. Diese Treffen halfen Wolfgang Buberl das zu verarbeiten, was er als Neunjähriger erlebt hatte. Immer wieder befragte er ältere Postelberger, was sie gesehen haben. Er trug all die Mosaiksteinchen in mehreren Ordnern zusammen. Die Erinnerung an das Massaker, dem Buberls Angaben zufolge mindestens 763 Deutsche zum Opfer fielen, wahrscheinlich aber mehr als 1300, dürfe nicht untergehen. 1995 sei Ähnliches in Srebrenica geschehen, als serbische Soldaten rund 8000 Bosniaken - fast ausschließlich Männer und Jungen zwischen 13 und 78 Jahren - töteten. "Dasselbe wie bei uns, man hat nichts aus der Geschichte gelernt", sagt Buberl. Resignierend fügt er hinzu: "Die Vergeltung wird bei unschuldigen Menschen gesucht - die Großen sind ausgerissen, die Kleinen haben dafür gebüßt." Die Postelberger seien wohl 1945 von wütenden Tschechen verantwortlich gemacht worden für das Massaker, das Deutsche 1942 in dem Dorf Lidice angerichtet hatten.

Heimattreffen in kleiner Form

Wie es mit den Postelberger-Treffen in Bad Staffelstein weitergehen wird, weiß Buberl nicht. Einst waren Hunderte zu den dreitägigen Veranstaltungen erschienen. Beim Treffen im Mai 2019 hingegen seien nur noch vier echte Postelberger und deren Angehörige - insgesamt rund 20 Personen - dabei gewesen. "Die Leute sollten einen Tag im Jahr der Erinnerung an die Postelberger widmen", sagt er und fügt realistisch an: "Man kann das Heimattreffen nur in kleiner Form weiterführen. Derzeit hängt alles in der Luft." Die drei treibenden Kräfte des Treffens - Erna Sterzl, Gerda Zitterbarth und Kurt Klaus - seien inzwischen gestorben. Überdies fehlen die Zeitzeugen. Das Interesse der jüngeren Generationen sei zwar vorhanden, doch Ereignisse verblassen, wenn sie nicht von Zeitzeugen geschildert werden. Deshalb schlägt der 83-Jährige vor: "Wir brauchen keine drei Tage zum Wiedersehen, es reicht, wenn man wieder einmal alte Freunde aus der Heimat im Sudetenland zum Gedankenaustausch trifft."

Die Patenschaft

1987 Die Stadt Staffelstein übernahm unter Federführung des damaligen Bürgermeisters Reinhard Leutner (CSU) eine Patenschaft für die Heimatvertriebenen aus Postelberg. Grund dafür war, dass nach dem Krieg viele dieser Menschen eine neue Heimat in den Kreisen Staffelstein und Lichtenfels gefunden hatten. Die Patenschaft wurde allein für die Menschen aus Postelberg, nicht aber für die Stadt übernommen.

2019 Beim Postelberger-Treffen in Bad Staffelstein waren im Mai dieses Jahres nur noch vier echte Postelberger und ihre Angehörigen dabei.

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