Lichtenfels
Körperkult

Tattoo-Messe in Oberfranken: Wenn die Wampe Tiger trägt

Die Stadthalle in Lichtenfels war war während der "Tattoo & Custombike"-Messe zwei Tage lang voller Bemerkenswertem und Widersprüchlichem.
Artikel drucken Artikel einbetten
Biker Tino Häring hat sich etwas individuell Symbolisches auf seiner Maschine verewigen lassen, das ihn beim Fahren vorsichtig bleiben lassen soll. Foto: Markus Häggberg
Biker Tino Häring hat sich etwas individuell Symbolisches auf seiner Maschine verewigen lassen, das ihn beim Fahren vorsichtig bleiben lassen soll. Foto: Markus Häggberg
+5 Bilder

Ein weites Feld. Es hat Platz in nur einer Stadthalle. Am Wochenende fand "Tattoo & Custombike" statt, PS in Schönheit samt Geschichten, die unter die Haut gehen. Wortwörtlich.

Es geht um das Individuelle am Eigenen. Rund 2500 Menschen, so die ungefähren Erwartungen der Veranstalter, sollten sich Samstag und Sonntag auf den Weg gemacht haben, eine Schau auf das vorzunehmen, was sie noch individueller machen könnte. Oder schmückender, je nach Betrachtungsweise. Menschen auf der Suche und mit Hintergründen.

Tattoo-Messe: Eine fast sittsame Schau

Wer durch die Reihen der 38 Anbieterstände zwischen Tätowierern, Airbrushern, Motorrad-Tüftlern und Vertragshändlern schritt, hatte einen Rundgang auch zu Bemerkenswertem und Widersprüchlichem. Die Suche nach mehr Individualisierung geht lautlos vonstatten. Kaum Motorengeräusche, leise gestellte Musik. Show-Einlagen mit nackter Haut gibt es hier auch nicht, es ist fast sittsam.

So gerät man an Bianca aus dem Coburgischen. Eine Honda "Shadow" fährt sie, so die Frau im mittleren Alter. Ein Tätowierer arbeitet gerade an ihr und vollbringt an ihrem Daumengelenk eine Rose. Warum dies und warum dort? Die Frau erzählt: "Ich möchte das Motiv immer sehen", so sagt sie. Wenn sie also Schaltungen beim Fahren vornimmt, dann sieht sie die Rose, die ihr sagen soll, dass sich das Leben trotz aller Widerstände auch blumig und voller Möglichkeiten geben kann. Drei Kinder hat Bianca und ihre Namen stehen auf dem Rücken. Die Rose wird sie öfter zu sehen bekommen. Doch was bedeutet ihr das Motorrad? Reisebegleiter? Untersatz? Vertrauter? Die Frau stutzt und wählt "Vertrauter". Ihre Mutter, so sagt sie, habe ihr vor ihrem Tod noch geraten, den Motorradführerschein zu machen.

Eine junge Frau wird gestochen. Der Tätowierer erledigt seinen Job und der Freund der jungen Frau ist ein Gentleman. Aber kein vollkommener. Zwar hält er seiner Freundin, die ja nun Schmerzen erdulden muss, brav die Hand, aber seine Aufmerksamkeit ist nur physischer Natur. In Gedanken ist er woanders, denn er tippt auf seinem Handy.

Szenen wie diese kann von ihrem Stand aus auch Marina Langer beobachten. Die junge Frau ist für eine Bamberger Firma tätig, die Harley Davidson vertreibt. Und auf Kundenwunsch ummodelt. Für wie sinnvoll hält sie die Zusammenlegung von Motorrädern und Tätowierern? "Sinnvoll ... doch, denke schon, denn Leute, die sich nur tätowieren lassen wollen, kommen so doch mal hier vorbei. Es ist mit Motorrädern auch nicht so eintönig." Dann brummt es endlich doch einmal in der Halle, wie Marina Langer sagt, wohl entgegen der Maßgaben. Doch jemand wollte halt mal zeigen, wie satt ein Motor klingen kann. Ihr Kollege möchte nun glatt auch, sie pfeift ihn eindringlich zurück.

Zurückpfeifen will sich Tino Häring selbst. Der Thüringer hat hier seine Maschine als Schaustück stehen und die hat ihm etwas zu sagen. Dass das Leben zu wertvoll ist, um nachlässig zu sein. Das führt sich Häring vor dem Aufsteigen immer vor Augen und tatsächlich, so erklärt der junge Mann, steige er immer so auf, dass er das durch seinen Marlishausener Freund per Airbrush geschaffene Motiv unter der Windschutzscheibe zu Gesicht bekommt: rechts eine schöne Frau, links ein Totenschädel samt Sense. Rechts also das Symbol für all das, was ein Leben lebenswert macht, links das Symbol für das Resultat unbedachten Fahrens. Begründung und Ritual sind hier stimmig.

Benni Wöhner hat auch Humor. Der Coburger hat sich einen Tigerkopf auf den Bauch tätowieren lassen und auf seiner Mütze steht "Tätowierter Adel". "Hab' noch was gebraucht, was auf den Bauch passt", benennt er das Motiv zum Motiv. Der Mann ist ansonsten solide, ein studierter Betriebswirt und in der Versicherungsbranche tätig. Zu dieser Betrachtung lacht er selbst.



Verwandte Artikel
was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren