Lichtenfels
Gedenken

Stolpersteine gegen das Vergessen

Viele Nachfahren der in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgten Lichtenfelser Bürger erinnerten sich in einer Gedenkzeremonie an deren Schicksale. Schüler des Meranier-Gymnasiums machten die Biografien lebendig.
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Laura und Lucas vom P-Seminar des Meranier-Gymnasiums informierten  über die Biografien der Brüder Goldmeier. Foto: Corinna Tübel
Laura und Lucas vom P-Seminar des Meranier-Gymnasiums informierten über die Biografien der Brüder Goldmeier. Foto: Corinna Tübel
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Die Bamberger Straße in den 1930er Jahren: Im Anwesen der heutigen Hausnummer 33 wohnten die Brüder Arthur und Manfred Goldmeier und betrieben eine Viehhandlung und kommissionsweise einen Güterhandel, später ein Immobiliengeschäft. 1938 wurden sie von den Nationalsozialisten gezwungen, ihre Immobilien zu verkaufen und vorübergehend ins Judenhaus zu ziehen.

Zusammen mit ihren Frauen gelingt beiden getrennt die Flucht. Sie erreichen 1940 die USA, wo sie von ihren bereits zuvor ausgereisten Kindern empfangen werden. Es ist schwer, sich ein neues Leben im fremden Kontinent aufzubauen, aber durch Mut und den Rückhalt der Familie schaffen es beide.

Heute steht die Enkelin Arthur Goldmeiers vor dem Haus ihres Großvaters. Lori Gallo ist bewegt: "Es ist wichtig für mich zurückzukommen und zurückzublicken, was vor 81 Jahren hier passiert ist. Es ändert nichts mehr, aber es schließt ein Kapitel für mich ab." Auch die Besichtigung des früheren Wohnhauses sei ihr sehr nahe gegangen. Im Rahmen der Gedenkzeremonie zu den bereits im April 2019 eingeweihten Stolpersteinen würdigten der Erste Bürgermeister der Stadt Lichtenfels, Andreas Hügerich (SPD), sowie Stadtarchivarin Christine Wittenbauer nicht nur die Stolpersteine für die verfolgten Juden aus Lichtenfels, sondern vor allem die Erinnerung an diese. Schüler des P-Seminars des Meranier-Gymnasiums Lichtenfels hatten bereits im Herbst durch ihr Projekt "13 Führerscheine - 13 jüdische Schicksale" die Leben einzelner jüdischer Familien aus Lichtenfels erforscht und stellten sie an diesem Tag in lebendigen Geschichten vor.

Nachfahren aus USA und Buenos Aires angereist

In einem symbolischen Akt, der der letzten Handlung des abwesenden Künstlers Gunter Demnig gleicht, kehrte Andreas Hügerich die Stolpersteine in der Bamberger Straße sowie Am Marktplatz frei. In einer Gedenkminute zur Erinnerung an die Opfer nahmen auch Bürger Lichtenfels Anteil an der Geschichte, ehe die Angehörigen weiße Rosen niederlegten.

Nachfahren der Brüder Goldmeier waren zu siebt aus den USA angereist, um diesem Abend beizuwohnen. Auch vor dem Anwesen der Bamberger Straße 7 wurde Geschichte lebendig. Eine Nachfahrin der Jüdin Jenny Kraus, Bettina Kraus, war aus Buenos Aires angereist, um die letzte freiwillig gewählte Wohnstätte ihrer Ahnin aufzusuchen und sich an sie zu erinnern. Leider hat sie sie nie persönlich kennengelernt. Es gibt heute nicht mehr viele Menschen, die von dieser Epoche erzählen können. "Die Jugendlichen des P-Seminars haben es geschafft, diese Zeit nicht nur in Daten und Jahreszahlen darzustellen, wie wir es aus den Geschichtsbüchern kennen. Selbst für uns ist es schwer, sich so eine dunkle Zeit annähernd vorzustellen. Heute haben die Opfer ein Gesicht und eine Geschichte bekommen", bewertet der Erste Bürgermeister der Stadt Lichtenfels die Arbeit der Gymnasiasten: "Wir können jetzt aufstehen und sagen: So etwas wird nicht mehr geschehen."

Auch vor dem Haus in der Bamberger Straße 4 und dem Marktplatz 21 liegen Stolpersteine. Sie erinnern an Florett und Max Nass, die Tochter des Manfred Goldmann, die ebenfalls mit ihrer Familie in die USA fliehen konnte, sowie Josef Kraus. Letzterer betrieb ein Geschäft für Schnitt- und Kurzwaren. In der Nacht der Novemberpogrome wurde es geplündert und verwüstet, später wurde Josef Kraus in einem Konzentrationslager in Ostpreußen ermordet.

"All diese Menschen sind es wert und es ist unsere Pflicht, an sie zu erinnern. Über die Steine soll man im Vorbeigehen wirklich stolpern und sich an die Geschichte und die eigene Verantwortung erinnern", so Andreas Hügerich. "Wir können die Vergangenheit nicht ungeschehen machen, aber wir können jetzt aufstehen und sagen: So etwas wird nicht mehr geschehen."

Den Abschluss des Menschenzuges, der in gemeinsamem Gedenken an eine längst vergangene, aber doch präsente Zeit schritt, bildete eine Zusammenkunft in der Synagoge Lichtenfels. Hier blickte der Erste Bürgermeister nicht nur auf die Schicksale derjenigen zurück, deren zu Ehren die Stolpersteine verlegt wurden, sondern würdigte auch die Kraft der Hinterbliebenen, den Weg für diesen Abend auf sich genommen zu haben. Auch die Nachfahren Bettina Kraus und Lori Gallo fanden Worte über die Bedeutung, sich hier am Ort des Geschehens erinnern zu dürfen.

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