Lichtenfels
Schach

Elisabeth Pähtz begeistert in Lichtenfels

Die Großmeisterin spielt zum 90. Jubiläum des SV Seubelsdorf simultan gegen 28 Gegner aus der Region Franken.
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Damit der Gast Energie tankt, werden ihm noch Süßigkeiten gereicht. Schachgroßmeisterin Elisabeth Pähtz greift lächelnd zu. Es ist die letzte noch laufende Partie, weshalb sie sich auch hinsetzte. Foto: Häggberg
Damit der Gast Energie tankt, werden ihm noch Süßigkeiten gereicht. Schachgroßmeisterin Elisabeth Pähtz greift lächelnd zu. Es ist die letzte noch laufende Partie, weshalb sie sich auch hinsetzte. Foto: Häggberg
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Es ist Samstag und es beginnt mit Verspätung. Matthias Bergmann und Kilian Mager stehen an Gleis 3 und warten auf den Regionalexpress, der um 11.41 Uhr in Lichtenfels ankommen soll. Sie wollen nicht weg, sie wollen, dass jemand kommt.

Bergmann, Lehrer am Meranier-Gymnasium, sieht sich in blauem Anzug und weißem Hemd nicht ganz so ähnlich, er geht sonst legerer. Die Aktentasche jedoch, die er bei sich trägt, kennt man sonst an ihm auch. Doch heute liegt in ihr ein Redemanuskript, Begrüßungsformeln, ein historischer Abriss. Ein Zug fährt langsam vorüber und der Blick hinter die Scheiben der Türen verrät: hier steht die Erwartete nicht. Die Frau, die erwartet wird, ist ein bekanntes Gesicht bei denen, die Bergmanns und Magers Hobby in Deutschland teilen.

EM-Titel im Schnellschach

Sie war Juniorenweltmeisterin im Schach, Jugendweltmeisterin auch, 2018 wurde sie Europameisterin im Schnellschach. Sie wird im Gymnasium erwartet, als Höhepunkt einer Geburtstagsfeier, bei der sie gegen 28 Gegner simultan spielen soll. Bergmann und Mager sind die Vorsitzenden des Geburtstagskindes. Es ist 90 geworden und heißt Schachverein Seubelsdorf.

Dann fährt ein Zug ein und ihm entsteigt eine junge Frau mit zwei Koffern. 15 Kilo links, 25 Kilo rechts. Lichtenfels ist Station, die 34-jährige Elisabeth Pähtz ist auf dem Weg nach Afrika zu einem Spiel der spanischen Schachliga, weil es dort eine spanische Exklave gibt. Sie spielt in sechs verschiedenen europäischen Ligen, ist viel unterwegs, nimmt an internationalen Turnieren teil, hat einen vollen Terminkalender. Pähtz ist freundlich und umgänglich geblieben. Am Brett wird die Großmeisterin der Frauen jedoch jeden Blickkontakt mit ihren Gegnern vermeiden.

Strategie gegen Großmeisterin

Jörg Doppel ist extra aus Nürnberg gekommen. Er kennt Bergmann aus gemeinsamen Nürnberger Schachvereinszeiten. "Was igelmäßiges" will er heute gegen die Großmeisterin spielen. So nennen Schachspieler vorsichtige und zurückhaltende Aufbauten, die passiv, aber schwer zu knacken sind. Noch geht er im Gymnasium umher, blickt in den Raum und auf die in einem Viereck aufgebauten Tische. Zehn Euro Startgeld hat auch er entrichtet. Dafür, dass die Großmeisterin anreist und spielen wird, hat der Verein in die Tasche gegriffen und die Sparkasse gesponsert.

Als sie im Gymnasium eintrifft, wird sie vom Dritten Bürgermeister Winfried Weinbeer begrüßt. Er ist bekannt als Sportfreund, aber mit dem Schach hat er wenig zu tun. Auch er wird sich die Zeit nehmen, das Kommende auf sich wirken zu lassen, wird vor Spielbeginn einer Reihe von Analysen beiwohnen, welche Pähtz vor Publikum zum Besten gibt und sogar von einem "Highlight" sprechen.

Und Pähtz selbst? Man kann sich mit ihr über Kürbissuppe unterhalten, darüber, dass sie kein Lampenfieber vor solchen Veranstaltungen kennt und darüber, dass Schachspieler ein merkwürdiges Image haben. "Schachspieler werden als männlich und verpeilt wahrgenommen", so Pähtz.

Dann, kurz nach 14 Uhr geht es los. Vereinsspieler aus ganz Oberfranken sind gekommen, nehmen außen am Viereck Platz, während Pähtz sich im Inneren von Brett zu Brett bewegt.

Blitzschnelle Reaktion

Sehr starke Vereinsspieler sind angehalten, der Meisterin, die für jeden ihrer Züge nur Sekunden aufwenden wird, die weißen Steine zu überlassen. Dann geht es los, Pähtz geht von Tisch zu Tisch, begrüßt jeden Gegner mit Handschlag und zieht. Die ersten zwölf, dreizehn Züge gehen fix, bedienen Standardaufstellungen, hinlänglich bekannte Eröffnungssysteme. Runde um Runde dreht Pähtz, für die sie so fünf, sechs Minuten braucht. Man muss für sie sichtbar den geplanten Zug ausführen, dann antwortet sie nahezu umgehend darauf.

Nach einer Stunde ist noch keine Partie vorüber, aber die meisten Gegner stehen schlecht. Pähtz hat Kunstgriffe und Muster im Kopf, ist theoriebeschlagen und hat ein Viertel ihrer Gegner in Verluststellungen gebracht. Nach zwei Stunden die erste Entscheidung: das erste Remis fällt dem Berichterstatter zu. Die Französische Verteidigung hat standgehalten.

Niederlage nach vier Stunden

Aber jede Partie, die bei einem Simultanspiel beendet wird, bringt mit sich, dass so ein Großmeister umso schneller wieder am Tisch steht. Nach drei Stunden haben schon fünf, sechs Spieler verloren. Gegen 18 Uhr wird es auch für Pähtz kritisch, denn der Seubelsdorfer Marko Hofmann gewinnt gegen sie. Jörg Dippels "Igel" ist aber dafür geknackt worden.

So um den 57. Zug geben weitere Spieler auf, zwei Drittel ihrer Gegner hat die 34-Jährige bezwungen. Christian Gebhardt wird ihr ein Remis abtrotzen, Tobias Kolb gar eine Niederlage beibringen - beides Seubelsdorfer. Dann wird auch Matthias Bergmann sein Endspiel durchbringen und letztlich Jürgen Gegenfurtner ein Remis halten. Von ihm - immerhin selbst im Rang eines Meisters stehend - hätte man einen Sieg noch am ehesten erwartet.

Das Handschlag zur Punkteteilung in der letzten Partie erfolgt 19.30 Uhr. Dann erkundigt sich Pähtz nach ihrer Zugverbindung Richtung Bamberg, Anschluss nach Nordafrika. Mit 19,5 Punkten aus 28 empfahl sich die Meisterin. Anderntags meldete sie sich erneut und versicherte, dass ihr das in Lichtenfels Erlebte Spaß gemacht habe.

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