Der berüchtigste Kopfsteinpflaster-Abschnitt bei diesem 257,5 km langen World-Tour-Rennen, bei dem es auf leicht abschüssiger Straße mit rund 55 km/h in einen der 27 so genannten Pavé-Abschnitt geht, wurde dem 24-jährigen Altenkunstadter zum Verhängnis.

Sturz auf die operierte Schulter


Auf dem Kopfsteinpflaster hatte Janorschke mit dem Vorderrad einen Durchschlag. "Mein Reifen verlor blitzartig die Luft, ich wollte das noch aussteuern, doch Sekunden später lag ich schon auf der Straße", erzählte der Altenkunstadter von seinem deprimierenden Sturz auf die erst vor vier Wochen operierte rechte Schulter und den Ellenbogen. "Für kurze Zeit gingen bei mir wohl die Lichter aus." Für Janorschke war das Rennen beendet.
Gerade noch war der Oberfranke oben auf und einen Augenblick später ganz unten. "Das Rennen war ein großes Ziel von mir. Ich habe in den vergangenen vier Wochen nach meinem Schlüsselbeinbruch hart und zum Teil unter Schmerzen dafür gearbeitet, starten zu können. Mein erstes World-Tour-Rennen und dann noch das berühmteste. Und es lief auch noch wie am Schnürchen. Alle kleinen Teams ohne Topstars wollen sich vorne präsentieren - und ich war für mein Team dabei", sagte der Altenkunstadter gestern nicht ohne stolz.

Schleimbeutel musste raus


Nachdem im französischen Krankenhaus kein Bruch diagnostiziert worden war, der 24-jährige vom Pro-Continental-Team Net-App jedoch seinen Arm nicht strecken konnte, fuhr ihn sein Teamchef Ralph Denk Sonntagnacht noch ins Südklinikum Nürnberg. Dort operierte man dem Altenkunstadter noch in der Nacht zum Ostermontag den geplatzten Schleimbeutel im Ellenbogengelenk heraus. Ein abgesplittertes Stück der Ellbenbogenspitze musste nicht fixiert werden. Hier hofft man darauf, dass es auf natürlichem Wege anwächst.
Die rechte Schulter bekam nichts ab. Janorschke hat in beiden Schultern noch Schrauben und Platten. In der rechten von seinem Sturz am 9. März beim Rennen Dwars Door Drenthe und in der linken seit einem Unfall im Oktober 2009. "Die haben gehalten, sind offenbar stabiler als Knochen", sagte der Altenkunstadter. Auch auf den üblen Kopfsteinpflasterabschnitten habe er keine Probleme mit der Schulter gehabt. Eine Woche soll er nun eine Gipsschiene am Ellenbogen tragen. Der Start bei der Tour of Turkey vom 22. bis 29. April muss ausfallen.
"Bis 80 Kilometer vor dem Ziel waren wir sehr optimistisch und sehr zufrieden mit dem Rennverlauf", erklärte Sportdirektor Enrico Poitschke. "Aber der Wald von Arenberg hat uns den Zahn gezogen." Denn neben Janorschkes Sturz waren alle Net-App-Fahrer hier von Defekten betroffen. "Letztlich hatten wir nur noch Blaz Jarc und Andreas Schillinger in der ersten Verfolgergruppe", berichtete Poitschke weiter. Der 23-jährige Jarc belegte bei seinem Roubaix-Debüt Rang 71, unmittelbar gefolgt von Schillinger, der vor einer Woche bei der Flandern-Rundfahrt bereits als Ausreißer zu überzeugen wusste.

Hohes Tempo zu Beginn


Janorschke schaffte es zu Rennbeginn, trotz eines enorm schnellen Rennens in der ersten Stunde mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 48 km/h, mit einer Gruppe vom Hauptfeld wegzufahren. Zwischenzeitlich betrug der Vorsprung des Dutzends gut fünf Minuten. Immer wieder wurde der Altenkunstadter in der Übertragung bei Eurosport erwähnt und im Bild gezeigt, und die Kameras waren auch im Wald von Arenberg live drauf, als Janorschke das Vorderrad versprang und er aufs Kopfsteinpflaster krachte. Zu diesem Zeitpunkt betrug der Vorsprung der Gruppe noch gut zwei Minuten. "Ich hatte auch noch zu diesem Zeitpunkt gute Beine", erzählte der Altenkunstadter gestern enttäuscht. Dass seine Ausreißergruppe es bis zum Ziel hätte schaffen können, daran glaubte Janorschke aber nicht. "Wenn die ganz großen Jungs Gas geben, halten nicht mehr viele mit", weiß der Net-App-Fahrer.

Boonen siegt zum vierten Mal


Die Verfolger kamen in der Folge aber immer näher und holten die nach Janorschkes Sturz auf acht Fahrer dezimierte Ausreißergruppe bald ein. 53 km vor dem Ziel startete ein "Großer", der Belgier Tom Boonen vom Team Omega Pharma-Quickstep , ein Solo, dass er bis ins Ziel im Velodrom von Roubaix hielt.
"Der Vorstoß so früh war schon ein bisschen verrückt. So etwas mache ich nicht oft, aber es war heute der perfekte Tag für mich", freute sich Boonen, der den Erfolg vom Ostersonntag "zum schönsten" seiner vier Siege in der "Hölle des Nordens" kürte. Mit 1:39 Minuten Rückstand auf den Sieger wurde der Franzose Sebastien Turgot im Fotofinish Zweiter vor dem italienischen Ex-Weltmeister Alessandro Ballan.
Während Boonen seinen vierten Pflasterstein, die typische Trophäe für die dieses Rennen, in die Luft stemmen durfte, muss sich Janorschke nach seiner Genesung nun wieder neue Ziele stecken. "Ich habe innerhalb kurzer Zeit die beiden Seiten des Radsports erlebt." Die Anrufe, SMS, E-Mails ("So viele habe ich noch nie erhalten.") machen Janorschke aber Mut.