Bad Staffelstein
Literatur

Schrank voller Überraschungen

Seit einem Jahr steht ein offener Bücherschrank in der Staffelsteiner Bahnhofstraße. Wie wird diese Einrichtung angenommen, die nach dem Prinzip "Bringen und Nehmen" funktioniert?
Artikel drucken Artikel einbetten
Die Angehörigen der Staffelsteiner Frauen-Union haben seit einem Jahr die Patenschaft für den offenen Bücherschrank in der Bahnhofstraße übernommen. Sie reinigen den Schrank und befüllen ihn, wenn erforderlich, mit neuen Bänden.Manuela Trebes
Die Angehörigen der Staffelsteiner Frauen-Union haben seit einem Jahr die Patenschaft für den offenen Bücherschrank in der Bahnhofstraße übernommen. Sie reinigen den Schrank und befüllen ihn, wenn erforderlich, mit neuen Bänden.Manuela Trebes
+5 Bilder

Im offenen Bücherschrank in der Bahnhofstraße kann jedermann gebrauchte Literatur abgeben und mitnehmen. Der Schrank wurde vom Lions-Club finanziert, die Frauen-Union hat die Patenschaft dafür übernommen. Seit einem Jahr wird die Bücher-Vitrine nun betrieben - Zeit für eine erste Bilanz.

"Der Bücherschrank ist so etwas wie das Baby der Frauen- Union", sagt Vorsitzende Manuela Trebes. Zusammen mit ihrem Team kümmert sie sich darum, den gläsernen Bücherschrank stets neu zu befüllen und ihn sauber zu halten. Einige Hundert Bücher passen hinein. Für jeden, der ein wenig sucht, ist etwas dabei. Das Spektrum reicht von Kinderbüchern über Krimis und Romane bis zu Bildbänden und Merian-Heften.

"Schrank wird gut angenommen"

Zu den Nutzerinnen zählt die Staffelsteinerin Monika Kriebel. Unregelmäßig aber stetig sieht sie sich hier um, ob etwas Interessantes dabei ist. "Ich bin der Meinung, dass der Schrank gut angenommen wird", sagt sie. "Bildbände gehen sehr gut", hat sie beobachtet, auch englische und französische Literatur stehe nie lange im Schrank, finde schnell Abnehmer - und "aktuelle Romane sind sowieso ruck-zuck weg".

Manuela Trebes bekommt inzwischen von vielen Menschen Kartonagen voller Bücher nach Hause, um den Schrank neu zu bestücken. So sei das aber nicht gemeint gewesen, sagt sie - eigentlich sollen die Leute die Bücher selbst in den Schrank stellen. Die druckfrischen Bücher, die von einer örtlichen Buchhandlung zur Verfügung gestellt werden, seien meist sehr schnell vergriffen, hat sie beobachtet. Wenige Stunden nachdem sie den Schrank mit diesen Büchern befüllt hat, seien sie auch schon verschwunden.

Erotische Literatur konfisziert

Regelmäßig schauen Manuela Trebes, Renate Leutner, Monika Stich und andere Angehörige der Frauen-Union nach dem Rechten. Das hat mehrere Gründe. Zum einen müssen die Glastüren geputzt werden. Andererseits gilt es, ramponierte, vergilbte, verzogene oder stockfleckige Bücher zu entfernen. Manuela Trebes zog auch schon erotische Literatur aus den Regalen, die dort aus Gründen des Jugendschutzes nicht hingehört, wie sie sagt.

Gefunden hat sie selbst schon etliche Bücher, die sie mit Freude las - etwa Herbert Rosendorfers "Briefe in die chinesische Vergangenheit" oder den Thriller "Cupito" von Jilliane Hoffman.

"Jeder guckt hin", beschreibt Manuela Trebes den mit Büchern gefüllten Glasschrank, der in der Nacht mit Leuchtschläuchen illuminiert ist.

Von der Wartung des vom Lions-Club für 10 000 Euro angeschafften Schrankes bekommen die Nutzer nichts mit. Manuela Trebes erzählt, dass es im Winter schon hineingeschneit hat, weil die Ritzen den feinen Pulverschnee nicht abhalten konnten. Der Mechanismus der Schiebetüren müsse manchmal nachjustiert werden, damit die Scheiben selbsttätig schließen und es nicht in den Schrank hineinregnet. Und die Gummilippen an den gläsernen Regalfächern seien bereits mehrmals heruntergezogen worden - ob absichtlich oder versehentlich, das bleibe dahingestellt.

"Standort ist gut gewählt"

"Der Schrank ist eine Bereicherung für die Stadt", resümiert Monika Kriebel, der Standort sei gut gewählt, "weil man dort parken kann". Krimis und aktuelle Literatur seien stets schnell vergriffen, sagt sie. Seltsamerweise stünden jedoch die "Reader's Digest"-Auswahlbände sehr lange im Regal, obwohl diese Bücher gut lesbare Kurzfassungen von Romanen enthalten. Unschlüssig ist Monika Kriebel noch, ob sie "ein Buch übern Trump" reinstellen soll, das sie jüngst gelesen hat - "ob das jemanden interessiert?"

Keine alten Schwarten entsorgen

Bücher nachfüllen müssen die Damen der Frauen-Union meist dann, wenn in Bad Staffelstein ein Fest gefeiert wurde. "Nach dem Altstadtfest war der Schrank leer, da mussten wir schnell reagieren und auffüllen", sagt Manuela Trebes. Was sie sich von den Bürgern wünscht, damit das System "Bringen und Nehmen" weiterhin funktioniert? Sie überlegt kurz und sagt dann: Keine alten Schwarten reinstellen, die seit Jahrzehnten im Keller liegen und schon modrig müffeln. Diese Bücher erhöhen die Attraktivität des offenen Bücherschrankes nämlich nicht und müssten entsorgt werden.

Manuela Trebes fragt sich jedoch, wo jene Bibel geblieben ist, die vor einem Jahr zur Erstausstattung des Schrankes gehörte und auf deren Vorsatzblatt alle an der Einweihung Beteiligten unterschrieben hatten: "Die ist spurlos verschwunden." Es sei zwar nicht vorgeschrieben, dass man die Bücher zurückbringen muss. Doch gerade bei diesem Buch wäre es schön, wenn es an seinen Ursprungsort zurückkehrte, damit es von anderen auch entliehen werden kann.



Verwandte Artikel
was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren