Bad Staffelstein
Umfrage

Schnelligkeit sticht Geistlosigkeit

In Whatsappgruppen wird viel gepostet. Die Inhalte hängen davon ab, ob es sich um ein berufliches Kollegium oder einen freizeitorientierten Freundeskreis handelt. Dass Klaumauk in die Runde geschickt wird, gehört für die meisten dazu.
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Wird über Whatsapp zu viel Banales gepostet?Grafik: SG- design/Adobe Stock/Micho Haller
Wird über Whatsapp zu viel Banales gepostet?Grafik: SG- design/Adobe Stock/Micho Haller

Wie war das denn einst mit der Telekommunikation, als es noch Wählscheibentelefone, Telegramme und Telefonzellen gab? Ob zu jener Zeit auch so viel kommuniziert wurde wie heute? Facebook- und Whatsapp-Gruppen bieten übers Mitteilen von Fakten hinaus die Möglichkeit, allerlei Lustiges und Banales an den Bekanntenkreis zu schicken. Wir wollten wissen: Ist das Fluch oder Segen? Bieten diese Gruppen eher Nutzen und machen Freude oder bringen sie Verdruss durch Oberflächliches?

"Ich sehe die Vor- und Nachteile", sagt der Polizeibeamte Holger Reinlein, der auch Angehöriger der Staffelsteiner Feuerwehr ist. "Ich nutze Whatsapp-Gruppen sowohl im Verein und in der Familie als auch mit Arbeitskollegen." Das sei eine gute und einfache Möglichkeit, um sich schnell und kurzfristig auszutauschen. "Es wird aber auch viel Unnötiges verschickt", fügt er an. "Wenn das Handy dann gar nicht mehr stillsteht, nervt es mich auch manchmal."

Schnelle Antworten sind super

Für Jürgen Dietz, den Hausmeister der beiden Staffelsteiner Turnhallen, haben Whatsappgruppen auf jeden Fall dann Vorteile, wenn sie sein Berufsleben erleichtern: Er freut sich, wenn er in die Runde fragt, wer an diesem oder jenem Tag mitarbeiten kann und daraufhin fünf Okays erhält. Weil er mit vielen Vereinen vernetzt ist, gehört er rund 15 Whatsappgruppen an. "Es kommt darauf an, in welcher Gruppe du bist", sagt er, "ich tret' auch manchmal aus einer Gruppe aus." Kleine Familiengruppen findet er in Ordnung. "Fakes nerven mich - und wenn man mir fünfmal Osterhasen schickt, krieg' ich die Krise."

Untergruppen sind hilfreich

"Ich mach' alles über Whatsapp", sagt der Versicherungsfachwirt Manuel Balzar. Die geposteten Inhalte seien abhängig von den Interessengruppen. Das Problematische: Bei einer Mail liege die Toleranzzeit fürs Antworten noch bei einem Tag - bei Whatsapp müsse man sofort reagieren. Es gebe Gruppen, sagt er, "da wird jeder Schrott reingeschrieben". Den Klamauk sieht er aber locker. Und sollte eine Gruppe zu viele Mitglieder haben, könne man ja Untergruppen bilden, um zum Beispiel einen Ausflug zu organisieren. Dann könne man nur jenen die weiteren Informationen zusenden, die sich angemeldet haben.

Wenn 100 Königinnen posten...

"Ich hab' sehr, sehr viele Whatsappgruppen", antwortet Thermenkönigin Michelle Crettaz. Sie findet es hilfreich, schnell über dieses Medium etwas mitteilen zu können. Unübersichtlich werde es, wenn die Gruppen zu groß sind: "Ich bin in einer Königinnengruppe, da sind 100 Kolleginnen drin." Wenngleich ausufernde Debatten sie schon in den Wahnsinn treiben könnten, finde sie doch mehr Lustiges als Banales in den meisten Gruppen-Posts. Unterm Strich, sagt sie, "haben Whatsappgruppen viel mehr Vorteile als Nachteile". Und Facebook? "In Facebook bin ich heute nicht mehr so aktiv. Früher machte ich da mal viel, viel mehr."

PRO

von Niklas Schmitt

Druckablasshandel

Whatsapp ist der Sündenbock für alle, die damit nicht klarkommen. Alles ist toll daran: die Geschwindigkeit und Dauerhaftigkeit, mit der man zu zweit oder in Gruppen unkompliziert kommunizieren kann. Man muss sich nicht wegen jedes Kommentars anrufen oder treffen. Man bleibt auf dem Laufenden ohne sich zu bewegen. Ist das nicht großartig?

Klar, die Macht der Konzerne, der Stress der Gestressten, der fehlende Blick des Gegenübers, weil er schnell noch die letzte Nachricht liest.

Schuld daran ist aber nicht die Innovation, sondern der Nutzer. Die Regeln des Sozialen haben sich nicht geändert: Aufmerksamkeit für das Gegenüber bleibt wichtig, Zeit für sich selbst unerlässlich.

Nur muss man sich heute mehr denn je selbst darum kümmern und nicht amerikanische Firmen für die eigene Inkonsequenz verantwortlich machen.

Oder einfach gesagt: Wer bei Amazon bestellt, schimpft auch auf Whatsapp - aber nur zum Druckablass.

So kauft man sich von seiner Verantwortung frei.

CONTRA

von Matthias Einwag

Leider oft nicht witzig

Ja, ich nutze Whatsapp. Sogar relativ häufig und gerne. Und nochmal ja: Ich gehöre einigen Whatsapp-Gruppen an. Es ist wundervoll, jemandem schnell eine kurze Nachricht zu schicken oder in die Runde zu fragen: Wer hat nachher Zeit, in Schäfers Café ein Bier zu trinken oder heute abend in Pferdsfeld ein Hähnchen zu verzehren? Aber es nervt mich zunehmend, welch hanebüchene Banalitäten über solche Gruppen ausgetauscht werden. Wohlgemerkt: Ich meine nicht die individuellen Texte, die Wort für Wort eingetippt werden. Mich piesacken diese haarsträubend oberflächlichen Allerweltsfilmchen und diese grässlich einfältigen Karikaturen von irgendwelchen Dummbeuteln, etwa im Gespräch mit ihrem Chef. Besonders abscheulich finde ich sexistische Frauen-Witze. Zum Gähnen ist 999. Abwandlung eines ursprünglich einmal lustigen Scherzes über Bier. Zynisch finde ich jene mit Photoshop verfremdeten Bilder von körperlich nicht der Norm entsprechenden Zeitgenossen. Ich kann daraus nur eine Konstante ableiten: Je dümmer ein "Witz" ist, desto schneller wird er weitergeleitet und desto häufiger geteilt.

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