Ebensfeld
Interview

Psychiater aus Franken: Bei ständiger Überforderung drohen Depression und Burnout

Wer sich zu viel zumutet, kann scheitern und sogar krank werden. Erreichbare Ziele steigern hingegen das Selbstwertgefühl. Im Interview mit inFranken.de spricht Psychiater Rafael Riera-Knorrenschild über Verantwortungsbewusstsein.
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Rafael Riera-Knorrenschild ist Oberarzt der Klinik für Psychiatrie am Bezirksklinikum Obermain in Kutzenberg.
Rafael Riera-Knorrenschild ist Oberarzt der Klinik für Psychiatrie am Bezirksklinikum Obermain in Kutzenberg.

Jeder Mensch trägt sie: Verantwortung im Privaten, im Beruf, in der Gesellschaft. Grundsätzlich tut das dem Selbstwertgefühl gut. Großes Verantwortungsbewusstsein kann aber auch dazu führen, dass Menschen sich überfordern. Dr. Rafael Riera-Knorrenschild, Oberarzt der Klinik für Psychiatrie am Bezirksklinikum Obermain in Kutzenberg, erklärt, wie die Lust an Verantwortung nicht zur Last wird.

Frage: Wie kann Verantwortung Spaß machen?

Rafael Riera-Knorrenschild: Man muss wissen oder für sich definieren, was man übernehmen kann und was wichtig ist. Wer sich in einem übersichtlichen Terrain bewegt, ist sicher und kann Kompetenz zeigen.

Wie kann man so etwas definieren?

Indem man mit Erfahrung erkennt, welche Aufgaben zu schaffen sind.

Und wenn man sie geschafft hat, verschafft das welches Gefühl?

Eine Herausforderung bewältigt zu haben, gibt Energie und steigert das Selbstwertgefühl.

Im Umkehrschluss ist es also nicht ratsam, sich zu überfordern.

Definitiv. Man muss die Grenzen seiner eigenen Möglichkeiten beachten. Wenn Aufgaben unübersichtlich sind und man sich alles Mögliche aufdrücken lässt, wird eher Energie geraubt und man wird ausgelaugt und erschöpft.

Der Mensch neigt dazu, alles schaffen und gut machen zu wollen.

Ja, diesen inneren Antrieb gibt es und der treibt manche Menschen in die Enge. Man übernimmt Aufgaben, obwohl man gar nicht zuständig ist, man gibt nichts ab. Wenn man da merkt, dass man an seine Grenzen stößt, muss man das auch sagen. Im Privaten ebenso wie im Beruf.

Ob das gut ankommt?

Man kann es ja vernünftig formulieren. Man darf sagen, das liegt jetzt in deiner oder Ihrer Verantwortung, das kann ich jetzt nicht regeln, beide Aufgaben kann ich nicht erledigen.

Was passiert, wenn man chronisch überfordert ist, wird oder sich überfordern lässt?

Das kann jemanden zum Verzweifeln, zum Aufgeben oder zum Burnout, im schlimmsten Fall in eine Depression, Panikstörung oder eine Suchterkrankung bringen. Das Gefühl, von der Verantwortung erdrückt zu werden, alleine dazustehen, Selbstvorwürfe und Versagensängste, sich ständig zu hinterfragen, all das ist Gift und macht krank.

Das Problem der Perfektionisten?

Wer etwas 110-prozentig machen will, kann nie froh sein, ist ständig unter Anspannung, setzt sich Druck und ist bestenfalls eine ganz kurze Zeit einmal nicht getrieben. Er muss lernen, Abstriche zu machen und Grenzen zu setzen. Niemand kann die ganze Welt retten. Das Helfersyndrom vermittelt das Gefühl, gebraucht zu werden, sich sicher und groß zu fühlen. Ein Perfektionist rutscht schnell in eine Sucht. Perfektionismus bringt zwangsläufig ganz viele Menschen in die Überforderung. Sie müssen überlegen, wo sie Dinge abgeben können.

Welche Warnsignale weisen darauf hin, dass die Verantwortung zu groß wird, fast erdrückend?

Wer ständig grübeln muss, nachts um 3 Uhr aufwacht und sofort alle Sorgen im Kopf hat, der muss achtsam sein. Jeder Mensch hat eine Art Energiebottich. Wenn der nicht nachgefüllt wird, steht er irgendwann auf null. Dann wird der Reservebottich angezapft und ist auch der noch entleert, geht nichts mehr. Dann ist man unter Umständen schon schwer krank!

Aber etwas zu schaffen, ist doch auch ein gutes Gefühl.

Natürlich. Wenn ich Gestaltungsmöglichkeiten habe und erfahre, dass ich etwas schaffe, gibt das neue Kraft und steigert mein Selbstwirksamkeitserleben.

Im besten Fall bekommt man dafür Anerkennung - egal ob im beruflichen oder im privaten Bereich.

Das sollten sich alle bewusst machen: Häufiger mal ein Lob auszusprechen, auch sich selbst. Das tut jedem gut. Ebenso, wenn ein Chef einem Mitarbeiter das Gefühl gibt, dass er sich nicht zu schämen braucht, wenn er etwas nicht geschafft hat, dass er auch mal etwas abgeben darf.

Und bei Überforderung einfach 'mal Dampf ablassen?

Wichtig sind soziale Netze in der Familie, am Arbeitsplatz oder in sonstigen Systemen, wo klar ist, dass ich nicht alles tragen muss und umgekehrt etwas zugetraut bekomme und auch in geschütztem Rahmen Seiten zeigen darf, die öffentlich nicht so vorzeigbar sind wie Ärger, Furcht, Versagens- oder Überforderungsgefühle. Der Austausch mit anderen ist wichtig. Über Gespräche, aber auch Entspannungsübungen oder bei gläubigen Menschen im Gebet kann man einen Weg finden, um die rechte Ordnung, Entlastung und Struktur in die Probleme zu bringen.

Hilft es, den Alltag mehr zu strukturieren?

Auf jeden Fall. Das macht alles übersichtlicher und schützt vor Überforderung. Am besten macht man sich einen Plan von den Dingen, die man steuern und leisten kann und setzt Prioritäten. In Dinge, die unrealistisch sind, braucht man sich nicht reinstressen. Was nicht zu schaffen ist, muss verschoben werden. Oder man fragt nach Hilfe.

Der eine ist gestresst, weil das Kind von der Kita abgeholt werden muss, der andere soll sich um seine pflegebedürftige Mutter kümmern. Wie kann man das besser bewältigen?

Hier hilft es, kleinere Gemeinschaften und Netzwerke aufzubauen. Man sollte Familienmitglieder und Freunde einbinden und sicher können auch Kolleginnen und Kollegen mal eine Aufgabe übernehmen. Das alles schafft Entlastung und schützt letztlich vor einem Burnout. Umgekehrt anderen (aus)zuhelfen, sie zu unterstützen, von ihnen gebraucht zu werden macht uns auch selbst wieder stärker. So funktionieren übrigens auch Selbsthilfegruppen.

Wie sieht ein guter Abschluss eines stressigen Tages aus?

Rechtzeitig Schluss machen! Nichts ist so wichtig, dass man es nicht auch morgen noch tun könnte. Man muss auf ein echtes Ende der Belastung achten und Ausgleich mit schönen Dingen schaffen. Am besten lässt man den Tag Revue passieren, macht vielleicht einen Tagebucheintrag. Es ist wichtig, die Sorgen nicht mit ins Bett zu nehmen.

Und wenn das nicht gelingt?

Dann kann man sich Atem- oder Entspannungsübungen aneignen, manchen hilft ruhige Musik oder eine Gute-Nacht-Geschichte zum Einschlafen.

Mancher nimmt sich selbst vielleicht auch ein bisschen zu wichtig?

Durchaus. Man darf sich sagen: Ich muss nicht die ganze Welt retten. Es darf auch Mängel geben. Ich tue, so viel ich kann, so wie ich kann und das in einem angemessenen Tempo. Man sollte sich auch selbst loben für das, was man geschafft hat, Schritt für Schritt, heute oder morgen.

Ein Schulterklopfen von mir für mich also?

Ja. Man braucht keine Perfektion anzustreben, sondern sollte sich selbst anerkennen. Wer sich zwischendrin auch mal selbst auf die Schulter klopft und sich sagt: "Gut gemacht!", schafft sich Kraft für den nächsten Schritt. Das Gespräch führte Irmtraud Fenn-Nebel.

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