Marcus Dinglreiter interessiert sich. Vor allem interessiert er sich dafür, wie die Gesellschaft zusammenlebt. Er hat etwas dagegen, wenn Dinge, die die Allgemeinheit angehen, hinter deren Rücken entschieden werden. Da ist es ihm ganz gleich, ob es um große Themen geht oder zum Beispiel die Vergabepraxis für den Neubau des Lichtenfelser Klinikums. Transparenz, das ist für ihn wichtig, nicht nur, weil er seit Kurzem Pirat ist. "Der gläserne Staat ist besser als der gläserne Bürger", sagt Dinglreiter. Damit der Staat, vor allem aber die Gemeinden , gläserner werden, hat er vor zwei Jahren die Seite www.kunstadt.net online geschaltet.
Marcus Dinglreiter ist kein notorischer Grantler oder Neinsager. Vielmehr lacht er laut und gern. Er möchte niemandem in die Suppe spucken oder gar Häme über jemanden gießen. Auch ist ihm nicht langweilig. Im Gegenteil: Er ist Rechtsanwalt, ist verheiratet und hat zwei kleine Kinder. Zeit ist für ihn Mangelware. Dennoch investiert er täglich rund eine halbe Stunde in sein Projekt kunstadt.net, das Bürgerjournalismus im besten Sinne sein soll. Nicht wie die Bild-Leser-Reporter, die alles knipsen, was lächerlich, widerlich oder traurig ist.

"Ich will, dass kontrolliert wird"


Seit 20 Jahren lebt Marcus Dinglreiter inzwischen in Burgkunstadt, und in seinen Augen ist es nötig, dass die Kunstadter ihren Politikern etwas mehr auf die Finger schauen. "Das ist ein Motto von mir: Auf die Finger schauen, nicht auf die Finger hauen." Im konstruktiven Sinn, das betont Dinglreiter. Das Auf-die-Finger-Schauen würden auch die lokalen Printmedien nicht leisten, sagt Dinglreiter. Zu selten werde hier vertieft recherchiert und den Dingen auf den Grund gegangen. Aber bei aller Kritik - er will kein Krawallmacher sein, möchte niemanden unbegründet angreifen, "sondern einfach, dass kontrolliert wird". Verstärkte Kontrolle führe zu mehr Vertrauen in die Politik, so seine Hoffnung. "Deswegen ist kunstadt.net sehr stark auf Transparenz ausgelegt." Schon seit Langem beschäftigt ihn das Thema. Anderen auf die Finger zu schauen, Journalist zu werden, das war früher sein Wunsch. Daraus sei dann aber nichts geworden. Rechtsanwalt ist er stattdessen geworden. Sein Faible für Journalismus ist geblieben. Vor zwei Jahren begann er deshalb mit kunstadt.net. "Eine meiner Lieblingsbeschäftigungen ist es, Datenbanken zu programmieren", sagt er. So kam bei Marcus Dinglreiter die Leidenschaft für Technik und Inhalte zusammen.
Lange hat er sich mit dem Rathausneubau in Burgkunstadt beschäftigt, "weil das Projekt in öffentlich-privater-Partnerschaft entstanden ist". Seiner Meinung nach ist das gefährlich, da es das Schuldenmachen erleichtere, "weil es der Öffentlichkeit leichter verkauft werden kann". Momentan verfolge er die Strategie, sich ein Thema zu suchen und dann am Ball zu bleiben: "Beim Klinikum verfolge ich zum Beispiel, was da nach und nach ausgeschrieben wurde. Du darfst nicht Äpfel ausschreiben und Birnen vergeben. Das ist der Grundsatz des Vergaberechts, der hier missachtet wurde", behauptet Dinglreiter.
Living article, lebender Artikel, nennt Marcus Dinglreiter sein Vorgehen. "So verstehe ich auch Meinungsbildung. Man nimmt sich ein Thema, bleibt da dran und versucht, neue Erkenntnisse zu gewinnen."
Neue Erkenntnisse erhofft sich der Rechtsanwalt auch bei seinem neuesten Thema. Nur zu gern würde er wissen, was in nicht öffentlichen Gemeinde- und Stadtratsitzungen hinter verschlossenen Türen besprochen wird. Dinglreiter will herausfinden, ob da etwas dabei ist, "was da vielleicht gar nicht hingehört". Da ist er wieder, sein Ruf nach Öffentlichkeit wider die Geheimniskrämerei.
Dass er auf Dauer als Einzelkämpfer wenig ausrichten kann, ist Marcus Dinglreiter bewusst. Rund 80 Prozent der Texte schreibt er, nur einige wenige Kommentare liefern ihm andere. Rund 2000 Klicks hat kunstadt.net.

Mäzene gesucht


Damit die Seite größer und wichtiger für die Region werden kann, schwebt ihm ein Modell vor, wie kunstadt.net in Zukunft aussehen könnte: "Ich würde kunstdadt.net gerne zu einem Medium für Bürgerjournalismus entwickeln."
Junge Leute, die später vielleicht sogar selbst Journalist werden wollen, könnten unter der Anleitung professioneller Journalisten und unterstützt durch Rechtsanwälte arbeiten. "Dann kann man in den Bereichen, in denen Lücken da sind, vielleicht mal ein halbes Jahr recherchieren." Zumindest "semiprofessionell" sollte die Struktur sein, betont Dinglreiter. "Nicht dass wir ein Haufen sind, der sagt, wir machen jetzt Bürgerjournalismus - und haben dann nach einem Jahr 50 Klagen am Hals. Außerdem soll nicht irgendein Mist geschrieben werden, der nicht belegbar ist." Eine Möglichkeit wäre für ihn, einen Verein zu gründen, um diese Form des Bürgerjournalismus' zu fördern. Er würde "gern die Seite einbringen" und sich als Rechtsberater zur Verfügung stellen. Das A und O sei es aber, Leute zu finden, "die bereit wären, ehrenamtlich mitzumachen".
Freunde hat sich Marcus Dinglreiter mit seinem Engagement nicht immer gemacht. "Von bestimmten Institutionen bekomme ich patzige, beziehungsweise gar keine Antworten." Das ärgere ihn zwar, allerdings komme er damit zurecht: "Ich möchte meinen Beitrag leiten, der insgesamt vielleicht ein bisschen etwas verbessert, auch wenn ich mir damit keine Freunde mache."