Laden...
LKR Lichtenfels
Unser Thema der Woche // Grenzerfahrung

Paketpacken und Zaungucken

Von Dosen-Ananas und seltsamen Ausflügen: Kindheitserinnerungen an das geteilte Deutschland.
Artikel drucken Artikel einbetten
Archivbild der Grenze zur DDR am Ortsausgang von Tettau.  Foto: Manfred Suffa
Archivbild der Grenze zur DDR am Ortsausgang von Tettau. Foto: Manfred Suffa

Jemandem zu Weihnachten Ananas in Dosen schenken? Geht gar nicht. Es ging schon damals nicht, eigentlich. Und trotzdem packten wir immer wieder die Dosen ein. Außerdem Kaffee, Schokolade, Mandeln und diverse Backzutaten. Mir wurde gesagt, dass man sich auf diese Päckchen freuen würde, "drüben". Dort konnte man diese Sachen nicht immer und in jedem Supermarkt kaufen. Auf die Frage "Warum nicht?" gab es komplizierte Antworten, die ich akzeptiert aber nicht wirklich verstanden habe. Beim Päckchenpacken wollte ich dabei sein, denn Schenken machte mir Spaß, auch wenn es so komische Dinge waren wie Ananas in Dosen. An eine Besonderheit erinnere ich mich noch gut. Zum Schluss, wenn alles verstaut und mit Papier ausgepolstert war (Zeitungspapier durfte es nicht sein!), musste eine Liste geschrieben werden, auf der stand, was alles drin war. Denn, auch das erklärte man mir, die Päckchen wurden alle kontrolliert. Und so sah der Kontrolleur auf einen Blick, ob etwas Unerlaubtes geschickt wurde. Das wiederum leuchtete mir nicht so recht ein. Denn wenn etwas Unerlaubtes drin wäre, würde man es ja wohl nicht auf die Liste schreiben, oder? Aber vielleicht machten diejenigen, durch deren Hände diese Pakete gingen, einen Unterschied zwischen unerlaubt aber ehrlich und unerlaubt und heimlich. Vielleicht bekämen die Empfänger dann erst richtig Ärger. Also haben wir genauestens darauf geachtet, wirklich alles fein säuberlich aufzuschreiben, nichts zu vergessen.

Wir schickten die Pakete immer zeitig zu Beginn der Adventszeit ab. Sie brauchten lange, hieß es, und die Sachen sollten schließlich noch für die Weihnachtsbäckerei Verwendung finden.

Auch wenn man als Kind die politischen Zusammenhänge nicht wirklich versteht, verband ich mit diesen Paketen einen Zustand, der nicht in Ordnung war. Die Schilderungen drum herum erschienen mir auch nicht logisch. Wo früher die Oma mit dem Fahrrad hinfahren konnte, war jetzt kein Durchkommen mehr. Ein Zug fuhr zwar, mit großem Umweg, aber es war den meisten nicht erlaubt, mitzufahren. Von uns durfte niemand in dieses Dorf und niemand kam auf die Idee, es auch nur zu probieren. Es gab also einen Teil unserer Familie, den ich nur von Fotos kannte, von Erzählungen. Selten, vielleicht einmal im Jahr, machten wir mit dem Auto einen Sonntagsausflug an den Zaun. Wir fuhren nicht lange und konnten ihn dann sehen. Er zog sich über Wiesen und Hügel, wenige Häuser waren in der Nähe, nicht weit und doch unerreichbar. Ich würde aus meiner Erinnerung den Zaun heute als schwarze Linie beschreiben, obwohl Fotos zeigen, dass er heller war, eher grau. Ist lange her. Es war wohl der düstere Eindruck, den ich beim Anblick hatte, der sich festgesetzt hat. Hier galt "Halt" wie nirgends anders. Keinen Schritt weiter. Ich sollte auch keine Faxen machen, schließlich würden sie uns von dem Turm mit den großen Fenstern beobachten. Wir kannten sie nicht, aber sie waren eine Instanz, die man nicht ärgern wollte. Es hieß, sie bewachen nicht nur, sie schießen auch auf Menschen. Das waren meine ersten Grenzerfahrungen.

Es kamen auch Pakete von drüben zu uns. Nicht mit Konservendosen, sondern vor allem mit wunderbaren Plüschtieren. Jedes Jahr ein neues, denn zwei Frauen aus unserer Familie arbeiteten in einer Spielzeugfabrik. Sie mussten unheimlich gut nähen können. Sie wünschten sich manchmal Versandhaus-Kataloge, um Bilder zu sehen, nach denen sie Blusen oder Kleider nähen konnten. Aber Kataloge durften nicht in die Pakete. Überhaupt kein bedrucktes Papier. Die Menschen drüben sollten von unserem Alltag nichts erfahren.

Die Grenze mussten wir hinnehmen, und niemand glaubte daran, dass sie eines Tages nicht mehr sein würde. Außer einer Lehrerin von mir, die sagte, noch niemals in der Geschichte habe ein solches System überdauert. Aber es könne halt noch sehr, sehr lange bestehen.

Heute darf jeder jeden besuchen, wann immer er will. Mit dem Auto, mit dem Zug oder dem Fahrrad. Es gibt keinen Zaun mehr. Unterschiede gibt es wohl, aber auch viele Gemeinsamkeiten. Das ist doch normal unter Menschen, egal wo sie aufgewachsen sind. Nur in manchen Köpfen bauen sich heute neue Mauern auf.

Verwandte Artikel

Kommentare (0)

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren