Lichtenfels
Pflegenotstand

Offener Brief sucht offenes Ohr

Nach beinahe zehn Jahren schickt der BRK-Kreisgeschäftsführer Thomas Petrak erneut ein Hilfeschreiben an die Politik.
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Der BRK-Kreisgeschäftsführer Thomas Petrak hat sich erneut mit einem offenen Brief an die Politik gewendet.  Foto: Jutta Rudel
Der BRK-Kreisgeschäftsführer Thomas Petrak hat sich erneut mit einem offenen Brief an die Politik gewendet. Foto: Jutta Rudel
"Wer sagt schon gerne, dass er Probleme hat?", sagt BRK-Kreisgeschäftsführer Thomas Petrak. Doch sich beim Thema Pflegenotstand zurücklehnen und einfach zusehen, das könne er nun mal nicht. Schon vor neun Jahre hat er sich mit einem Brief mit dem Titel "Halten Sie den Pflegenotstand auf!" an die Politik gewendet.
Bei einer Veranstaltung im Frühjahr hatte Anette Kramme, Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für Arbeit und Soziales, dem Roten Kreuz jedoch vorgeworfen, die Probleme nicht schriftlich dargestellt zu haben. Natürlich könne durch die ständigen Wechsel in der Politik so ein Brief untergehen, allerdings "ärgert es einen schon, wenn man sich jahrelang an dieser Diskussion beteiligt hat und dann so etwas hört". Deshalb setzte Petrak erneut einen langen offenen Brief auf - der Inhalt ist nahezu identisch zu jenem vor fast zehn Jahren. Die Situation habe sich eher verschlechtert als verbessert, denn "die Rahmenbedingungen werden zunehmend schlechter".

1. Fachkräftemangel
In Gesamtdeutschland herrscht, laut einer Statistik der Bundesagentur für Arbeit aus dem Jahr 2016, ein hoher Fachkräftemangel in der Altenpflege. Petrak schildert den Kern des Problems: Die Zahl der Pflegebedürftigen steigt, Personal zu finden werde gleichzeitig immer schwieriger. Dieses habe schon Aufgaben der medizinische Behandlungspflege übernommen, obwohl das nicht zu deren Leistungen gehöre. Natürlich mache das Personal das mit, weil es den Bewohnern im Pflegeheim helfen wolle.
Zwar habe die Politik in den vergangenen Jahren versucht, das Problem mit Betreuungskräften abzufedern, geholfen habe es aber wenig: "Das sind zwar Hilfskräfte, aber eben keine Altenpfleger." Er hat das Gefühl, die Pflege stehe ein Stück weit allein mit dem Problem da.
Dass nun im Koalitionsvertrag 8000 Stellen im Zusammenhang mit der medizinischen Behandlungspflege geschaffen werden, sei keine Hilfe. Seiner Meinung nach seien derzeit etwa 50 000 Stellen unbesetzt. Dass nun 8000 zusätzliche Stellen für 14 000 Pflegeeinrichtungen geschaffen werde, zeige nicht nur, dass die Politik das Thema

nicht ernst genug nehme, sondern verschärfe das Problem ja nur. "Die 8000 kommen ja einfach auf die offenen Stellen oben drauf."

2.Ausbildungssystem
Die "unattraktive Ausbildung" sei unter anderem Schuld daran, dass es schwierig wird, Personal zu finden. Zwar werde die Krankenpflege durch das Duale Ausbildungssystem gestärkt, die Altenpflege stehe aber hinten an. Der Auszubildende sei dadurch nur zu einem Drittel der Ausbildungszeit im eigentlichen Betrieb tätigt. Dadurch fehlt ihm die Möglichkeit, eine Bindung zum Betrieb und Kollegen aufzubauen. "Das ist wichtig, um einen gewissen Rückhalt zu haben, eigene Bedürfnisse anzusprechen

und sich im Job wohlzufühlen", sagt er. Zudem ist die Ausbildung "total verschult."

3. Kontrollwahn
Denn die Pflege werde mit immer komplizierteren Vorschriften konfrontiert, der Kontrollwahn, wie im Brief zu lesen, zieht immer größere Kreise. "Kaum ein anderer Bereich wird so reglementiert wie die Altenpflege", kritisiert Petrak. So umfassen einzelne Prüfberichte teilweise mehr als 200 Seiten.
Natürlich seien Qualitätsprüfungen gut und notwendig, dennoch müsse man aufpassen, dass diese nicht die überhandnehmen. Dadurch wird das Personal belastet, das sich tagtäglich damit auseinandersetzen müsse. "Die Pflegekräfte machen das alles so nebenbei mit, aber jedes kleine Ding summiert sich zu einem großen Aufwand." Dies kürze die Zeit, die der Pfleger mit dem Bewohner verbringt. Schon jetzt werden alle letzten Kräfte mobilisiert, um den Bewohner so gut es geht zu betreuen.
Er macht deutlich: "Wir haben kein Qualitäts-, sondern ein Quantitätsproblem. Wenn wir nichts ändern, wird die Qualität aber auch bald darunter leiden."
Dies liegt auch daran, dass häufig neue Regelungen erlassen werden. "Sobald in einem Pflegeheim etwas Schlimmes passiert, gibt es gleich wieder neue Vorschriften." Wegen eines Einzelfalls werden so alle Altenpfleger in

Sippenhaft genommen. Dies bedrückt nicht nur das engagierte Personal, sondern beeinflusst die Gesellschaft negativ.

4. Schlechter Ruf
Durch die Medien werden solche Vorfälle schließlich skandalisiert, kritisiert er weiter. Das trägt dazu bei, dass die Pflegeheime einen schlechten Ruf haben. Dadurch entwickeln sich Ängste und Sorgen, viele ältere Menschen haben das Gefühl, "abgeschoben oder eingesperrt zu werden". Dabei sei das gar nicht der Fall. Er wünscht sich ein Ansehen wie bei der Kinderkrippe: Früher hatte diese einen schlechten Ruf, heute ist es eine Selbstverständlichkeit. Er rät den Pflegekräften, über ihre positiven Arbeitsalltag zu erzählen. Doch nicht nur diese tragen Verantwortung dafür, dass das Ansehen der Pflegeheime verbessert werden muss.

5. Gesamtverantwortung
"Das ganze Problem ist so komplex, alle Punkte bedingen sich gegenseitig." Daher gebe es nicht die eine rettende Lösung, sondern ein Maßnahmenbündel sei notwendig. "Ich habe auch nicht das Kaninchen, das ich aus dem Hut ziehen kann. Aber das, was wir machen können, das machen wir auch." Die Politik zieht er mit zur Verantwortung: denn "das kann nur gelingen, wenn sich jeder seiner Verantwortung bewusst ist". Er wünscht sich "einen differenzierten Diskurs, wo alle Beteiligten gemeinsam das Problem angehen" und hofft, dass sein Hilferuf gehört wird.


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