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Lichtenfels
Heimat

Neubauten überwuchern das Kulturland am Obermain

Die Flächenversiegelung am Obermain hat nach Ansicht von Bezirksheimatpfleger Günter Dippold beängstigende Ausmaße angenommen.
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Vielerorts werden Neubaugebiete ausgewiesen, statt innerorts zu verdichten. Das ist dem Bezirksheimatpfleger ein Dorn im Auge. Im Bild: die entstehende Neubausiedlung in Reundorf, im Hintergrund der Staffelberg. Foto: Matthias Einwag
Vielerorts werden Neubaugebiete ausgewiesen, statt innerorts zu verdichten. Das ist dem Bezirksheimatpfleger ein Dorn im Auge. Im Bild: die entstehende Neubausiedlung in Reundorf, im Hintergrund der Staffelberg. Foto: Matthias Einwag
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Die Landschaft verändert sich. Über Jahrtausende hinweg geschah dies allmählich durch die Kräfte der Natur. Gegenwärtig verändert der Mensch das Aussehen von Umwelt und Natur rasend schnell. Wir sprachen mit Oberfrankens Bezirksheimatpfleger Prof. Dr. Günter Dippold über die Folgen, die das hat. Wenn man mit dem Fahrrad durch die Dörfer und Städtchen am Obermain fährt, dann sieht man deutlich mehr als würde man mit dem Auto fahren. Viele Gebäude in den Ortskernen sind unrenoviert, etliche sogar verfallen. Nimmt dieser Trend zu?

Günter Dippold: Zahlen gibt es nicht, aber gefühlt ja. Es gibt bei uns Dörfer ohne ein einziges Baudenkmal, abgesehen von der Ortskapelle. Am Rand des Ortes stehen stattliche Neubauten, die bestimmt nicht billig waren, und innerorts gammeln ältere Bauten vor sich hin. Man fühlt sich in die 60er und frühen 70er Jahre zurückversetzt, als Viele das Alte verachtet und dafür Neues geschaffen haben. Es bräuchte heute wieder einen Dieter Wieland, der damals mit seinen Filmen den Finger in die Wunde gelegt hat. Zeitweilig gab es ein gewisses Umdenken. Aber jetzt fahren viele Menschen und Kommunen (wieder) in den uralten Gleisen und reißen munter ab. Das hat im Übrigen auch eine ökologische Seite: Neu zu bauen bedeutet einen riesigen Energieaufwand.

Um es klar zu sagen: Es ist normal und ganz in Ordnung, dass etwas Altes verschwindet und Neues entsteht. Entscheidend sind das Tempo, das derzeit zu hoch ist, und die Qualität des Neuen.

Viele unserer Neubausiedlungen sind eher unansehnlich. Warum bietet die heutige Architektur keine originelle und landestypische Vielfalt, wie jene Gebäude früherer Generationen?

Mir scheinen da zwei Probleme vorzuherrschen: Unbedachtheit und Eigensinn.

Viele Bauherren überlegen nicht, was sie wirklich brauchen. Da entstehen Riesenkisten, die halb leer stehen; manche sind nach Jahrzehnten innen nicht einmal ganz ausgebaut. Oder man bedenkt nicht, dass man älter wird oder zu Schaden kommen kann. Gewundene Treppenanlagen vor der Haustür - wer soll die mal hochsteigen, wenn man nicht mehr jung und gelenkig ist? Wer sitzt eigentlich im fränkischen Dorf auf dem teuren Jodelbalkon? Man kauft viel Baugrund und schüttet ihn dann mit Splitt zu.

Baukredite sind derzeit billig zu haben. Da wird noch weniger nachgedacht. Wenn eines Tages die Zinsen anziehen, dann gehört der Bauherr seinem Haus.

Eigensinn äußert sich darin, dass ich nur nach meinen Wünschen frage - und nicht danach, ob das Haus in seine Umgebung passt. Sich in den vorhandenen Bestand einfügen, das heißt ja nicht, dass man auf Individualismus verzichten muss. Fähige Architekten können helfen, aber bei vielen Häusern ist ja gar kein Architekt im eigentlichen Sinn beteiligt. Auch eine kommunale Gestaltungssatzung könnte nutzen - aber die kann man leider bei uns mit der Lupe suchen.

Wird unsere Heimat durch diese anonymen Gebäude verändert, wird gar der Begriff Heimat dadurch entwertet?

Natürlich, Heimat hat mit Bauen und mit dem Gesicht unserer Orte zu tun. Zwar entsteht Heimat letztlich nur durch Gemeinschaft, durch das Bewältigen gemeinsamer Aufgaben. Aber damit in einem Ort ein solcher Geist und ein derartiges Gefühl wachsen können, muss er auch lebenswert sein und ein ansprechendes Profil haben, in sozialer, aber auch in baulicher Hinsicht. Man wird schon einmal fragen dürfen, ob die Bevölkerungsverluste auf dem Land auch damit zu tun haben, dass viele unserer Dörfer hässlicher werden, dass sie ihr lange gewachsenes bauliches Gesicht verlieren. Allzu oft macht sich das Land selbst zur Provinz.

Dass bei verfehlten Projekten oder verqueren Ideen mit dem Wort "Heimat" Schindluder getrieben wird, sieht man immer wieder.

Weisen Stadt- und Gemeinderäte zu großzügig Baugebiete für Wohnhäuser und Gewerbebetriebe aus, statt Flächen zu sparen und die Bebauung in Ortskernen zu verdichten?

Eindeutig ja. Besonders kurios wird es dann, wenn Orte seit Jahren und Jahrzehnten Einwohner verlieren oder stagnieren - und dennoch in die Kulturlandschaft hinauswuchern, wenn ein Baugebiet nach dem anderen ausgewiesen wird, und zwar mit allzu großen Parzellen. Gleichzeitig veröden die Innenorte. Der Boden ist ein endliches Gut, und die gewachsene Kulturlandschaft ist von hohem ideellen Wert. Eine Krisenzeit wie jetzt kann uns klar machen, wie wichtig, ja überlebensnotwendig die Bewahrung landwirtschaftlicher Flächen ist. Stattdessen wird bei uns weiterhin versiegelt, als ob es kein Morgen gäbe. Das immer wieder beschworene Flächensparen erscheint mir als bloßes Lippenbekenntnis: Es wird davon geredet, aber im konkreten Fall knicken die Entscheider allzu oft ein. Auch der Flächenbedarf manches Straßenbauprojekts stimmt bedenklich.

Umgekehrt: Wenn Altbestand verschwindet, dann häufig nicht für eine Nachbebauung, sondern mit dem Hinweis auf zu schaffende Parkplätze. Ich frage mich bloß, wer alles in unseren Dorfkernen parken soll.

Kann man in Zeiten der Corona-Pandemie vom Staat überhaupt noch erwarten, dass er für die Sanierung und den Erhalt alter Gebäude weitere Zuschüsse gibt oder neue Förderprogramme auflegt?

Dass die öffentlichen Kassen angespannt sein werden, weiß jeder. Aber Altbausanierung nutzt auch Betrieben, zumal Handwerkern, also der heimischen Wirtschaft. Das ist doch wohl förderwürdig. Außerdem kann eine Tourismusregion wie unsere ohne gute Ortsbilder langfristig nicht überleben.

Außerdem braucht es nicht nur Fördergelder, sondern mindestens im gleichen Maß bessere steuerliche Vorteile, wie sie an anderen Stellen ja auch gewährt werden. Denkmaleigentümer können ihren Sanierungsaufwand beim Finanzamt geltend machen. Leider ist die zuständige Fachbehörde sehr restriktiv, wenn es um die Anerkennung als Baudenkmal geht. Selbst Eigentümer, die dies selbst wollen und gute Gründe dafür haben, werden nicht selten abgewiesen - und zwar mit Argumenten, die ich schwer nachvollziehen kann. Aber auch die Sanierung von Altbauten, die kein Denkmal sind, muss stärker unterstützt werden. Kommunen können durch intensive Beratung im Vorfeld helfen. Sonst wird das nie was mit dem Flächensparen. Das Gespräch führte Matthias Einwag.

Bezirksheimatpfleger Prof. Dr. Günter Dippold

Lebenslauf Günter Dippold ist 1961 in Schney (heute Stadt Lichtenfels) geboren. Er studierte Geschichte und Volkskunde an den Universitäten Bamberg, Erlangen und Regensburg. 1993 promovierte er in Bamberg zum Dr. phil. mit der Dissertation "Konfessionalisierung am Obermain".

Lehrtätigkeit 1995 bis 2001 lehrte Günter Dippold an der Universität Bayreuth Historische Hilfswissenschaften und von 2000 bis 2004 an der Universität Bamberg Volkskunde und Europäische Ethnologie. Seit 2004 ist er Honorarprofessor an der Bamberger Otto-Friedrich-Universität.

Ehrenämter Seit 1997 führt Günter Dippold als Vorsitzender den Geschichtsverein Colloquium Historicum Wirsbergense (CHW) mit rund 1750 Mitgliedern. Seit 2009 ist er Vorsitzender des Caritasverbands für den Kreis Lichtenfels. Dem Kreistag Lichtenfels gehört er seit 2014 an.