Bad Staffelstein

Namensverzeichnis der Kriegsopfer ist nicht vorhanden

Über Ehrenmale sprachen wir mit der Staffelsteiner Stadtarchivarin Adelheid Waschka und Mark Gutgesell, dem Zweiten Vorsitzenden der Reservistenkameradschaft.
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Das Staffelsteiner Gefallenenehrenmal am Fuß des Staffelbergs, das an die Toten des Ersten Weltkriegs erinnert.Matthias Einwag
Das Staffelsteiner Gefallenenehrenmal am Fuß des Staffelbergs, das an die Toten des Ersten Weltkriegs erinnert.Matthias Einwag

Sind die Denkmale aus Ihrer Sicht heute noch zeitgemäß?

Waschka: Zeitgemäß nein, denn sie sind in ihrer Zeit entstanden und mit viel Emotionen geschaffen worden. Gerade die Texte nach dem Ersten Weltkrieg sind nicht objektiv. Es gab auch Familien, die wollten nicht, dass die Namen ihrer Kinder auf diese "Ehrenmale" kommen, da sie sie nicht als Helden, sondern als Opfer des Vaterlandes sahen. Das Staffelsteiner "Ehrenbuch", das ab 1914 geführt werden sollte, ist übrigens leer.

Kann/sollte man überhaupt etwas an den oft martialischen Darstellungen verändern? Welche Möglichkeiten gibt es, die Entstehung der Denkmale vielleicht mit Texttafeln flankierend zu erklären?

Das mit den Tafeln wäre eine Möglichkeit, doch wer sollte sich darum kümmern? Die Krieger- und Veteranen-Vereine haben sich meist durch Mitgliederschwund aufgelöst. Protokollbücher, Archive und Kassenbücher sind bisher nicht im städtischen Archiv gelandet, soweit ich den Überblick habe.

Gibt es im Staffelsteiner Land Ehrenmale, die besonders misslungen oder denkmalpflegerisch bedenklich sind?

Ich denke, nein, denn die Entstehung ist aus ihrer Zeit heraus eingehend diskutiert worden, der Denkmalschutz sollte sie schützen. Meist sind es einfache Steinplatten in Kirchen, auf denen die Namen der Opfer - Gefallene und Vermisste - stehen.

Gibt es im Stadtarchiv Quellen, die ausgewertet werden könnten, um die Kriege 1870/71 sowie 1914/18 und 1939/45 aus lokaler Sicht zu erschließen?

1870/71 ist nur über das Archiv des Erzbistums dokumentiert, da es noch keine Standesämter gab. Die Anträge der Invaliden auf Sozialhilfe sind meist nicht erhalten. Wir haben nur die Unterlagen zum Ehrenmal im Ersten Weltkrieg; für die Inschrift wurden die Namen der Toten gesammelt. Grund: Das wurde von den Nationalsozialisten in Auftrag gegeben. Was ich bedaure, ist, dass es für Staffelstein kein Namensverzeichnis der Opfer des Zweiten Weltkrieges gibt. Ich bekomme ab und zu Anfragen und hätte die Namen gern auf einen Blick; im Standesamt sind ja sehr viele Männer erst in den 1950er-Jahren für tot erklärt worden.

Wäre das einmal ein Projekt für Schulklassen, die Lebensläufe der Toten zu rekonstruierten?

Ohne Archiv des Krieger- und Veteranenvereins wäre es ganz mühsam. Es müsste die Häuserkarte - ab 1939 - ausgewertet werden. Die Militärstammrollen für Staffelstein habe ich leider noch nicht gefunden. Wer suchen möchte, kann über einen ancestry-account die Wehrmachtsunterlagen anschauen - falls schon freigegeben, und das ist kostenpflichtig.

"Der Volkstrauertag ist nicht antiquiert"

Ob Ehrenmale und Mahnwachen für die Toten von Krieg und Gewaltherrschaft heute noch zeitgemäß sind, wollen wir von Mark Gutgesell, dem Zweiten Vorsitzenden der Reservistenkameradschaft Bad Staffelstein, wissen.

"Angesichts der Millionen von Toten durch Kriege stellt sich für mich gar nicht diese Frage", antwortet er. Und er fügt hinzu: "Wir gedenken nicht nur der Vergangenheit und Gegenwart, sondern mahnen auch für die Zukunft. Ich wünsche mir, dass an diesem Tag Schulklassen die Gedenkstätten besuchen und sich mit den Schicksalen von Soldaten und Zivilopfern auseinandersetzen."

Er selbst habe vor vielen Jahren den Soldatenfriedhof in Monte Cassino in Italien besucht, sagt Mark Gutgesell. "Dieses Bild werde ich nie mehr vergessen." Leider wüssten viele Menschen in unserer Gesellschaft mit diesem Tag nichts anzufangen, fährt er fort. "Sie halten das Gedenken für ein antiquiertes Ritual oder gar eine Versammlung von Ewig-Gestrigen. Das ist völlig falsch. Es ist eine Gelegenheit, sich die Folgen von Krieg und Gewalt bis zum heutigen Tag zu vergegenwärtigen und die eigene Haltung zu überdenken."

Für die Angehörigen der jüngeren Generationen, sagt er, sei der Volkstrauertag eine gute Anregung zum Nachdenken - und eine Alternative zu menschenverachtenden Baller- und Computerspielen.

Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge

Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge wurde am 16. Dezember 1919 gegründet und ist ein eingetragener gemeinnütziger Verein mit humanitärem Auftrag. Der Volksbund mit Sitz in Kassel erhält und betreut Gräber der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft im In- und Ausland. Insgesamt hat der Volksbund weltweit rund 570 Mitarbeiter.

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