Lichtenfels
Heimatgeschichte

Mit Sturheit gegen das Vergessen

Schüler des Meranier Gymnasium machten sich auf die Suche nach den Schicksalen, die hinter 13 vor 80 Jahren eingezogenen Führerscheinen stecken.
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Landrat Christian Meißner (re.) bei der Übergabe des Führerscheins von Alfred Marx an seine Tochter Inge Stanton (Mitte) und deren beiden Töchter und Enkeltochter. Gerda Völk
Landrat Christian Meißner (re.) bei der Übergabe des Führerscheins von Alfred Marx an seine Tochter Inge Stanton (Mitte) und deren beiden Töchter und Enkeltochter. Gerda Völk
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Es war ein bewegender Moment, als den Nachfahren der jüdischen Mitbürger, die einst in Lichtenfels lebten, die Führerscheine ihrer Vorfahren zurückgegeben wurden. Diese Führerscheine waren ihnen nach der Reichspogromnacht 1938 durch das Bezirksamt Lichtenfels abgenommen worden. Hintergrund war eine Anordnung von Heinrich Himmler, Reichsführer SS, der verfügte, dass allen Juden sofort die Zulassungspapiere und Führerscheine zu entziehen sind.

Erst bei der Umstellung auf elektronische Akten tauchten sie im letzten Jahr - bis dahin gut unter Aktenordnern versteckt - in einem alten Umschlag wieder auf. "Wir hatten zwei Möglichkeiten, entweder den Fund dem Staatsarchiv zu übergeben, oder anhand der Führerscheine ein Stück Lokalgeschichte aufzuarbeiten", erklärte Landrat Christian Meißner beim Festakt zur Ausstellungseröffnung von "13 Führerscheine - Dreizehn jüdische Schicksale" im Meranier Gymnasium. "Wir tun gut daran, uns der Verantwortung zu stellen."

Ergebnis war völlig offen

Was die Abiturienten des Projektseminars unter Leitung von Studiendirektor Manfred Brösamle-Lambrecht herausgefunden haben, geht unter die Haut. Als sie mit dem Projekt "13 Führerscheine" anfingen, wussten weder Lehrkräfte noch Schüler, worauf sie sich da einlassen. Auf dem Tisch lagen lediglich die Kopien der 13 Führerscheinen, was die Recherchen ergeben würden, war völlig offen.

Erste Anlaufpunkte war das Stadtarchiv Lichtenfels mit Stadtarchivarin Christine Wittenbauer, Bezirksheimatpfleger Professor Günther Dippold und die Suche via Internet. Oft mussten auch Personen gefunden werden, die die in Kurrentschrift handgeschriebenen Postkarten aus dem Gestapo-Gefängnis noch lesen konnten. Den Rechercheeifer seiner Schüler beschreibt Studiendirektor Manfred Brösamle-Lambrecht mit dem Begriff "Sturheit" angesichts der wochenlangen ergebnislosen Suche, bis diese dann doch von Erfolg gekrönt war. Letztlich war es weit mehr Material, als man erwartet hatte.

Wenn Geschichte greifbar wird

Am Anfang waren es nur Papiere, am Ende war es Geschichte, die greifbar wurde, so formulieren es die Schülerinnen Julia Mehrmann und Antonie Voll. Sophie Rauh spricht noch einen anderen Aspekt an: Man wollte dem Vergessen entgegenwirken.

Fünf der Führerschein-Inhaber wurden ermordet, acht konnten rechtzeitig in Ausland fliehen. So wie die Familie von Inge Stanton, Tochter von Ellen und Alfred Marx, die über England in die USA auswanderten. Die heute über 80-Jährige kann sich noch gut daran erinnern, wie die Nazis den Mercedes der Familie abholten. "Man konnte nichts tun. Wenn man sich zu viel aufregt, verliert man sein Leben", heißt es dazu im Begleitbuch zur Ausstellung.

Zum Festakt zur Ausstellungseröffnung ist Inge Stanton aus Sarasota/Florida mit zweien ihrer Töchter und einer Enkeltochter erschienen. Und sich macht darauf aufmerksam, dass doch auch ihre Vorfahren zur Gesellschaft gehörten.

"Beeindruckt und gerührt"

Lob gab es von Bezirksheimatpfleger Professor Günther Dippold. Zunächst sei er etwas skeptisch gewesen, ob das Projekt in Schülerhänden auch gut aufgehoben sei. Dann aber wurde er eines Besseren belehrt. "Sie sehen mich beeindruckt und berührt. Sie haben es geschafft, dass aus den Namen wieder Menschen wurden, mit Gesichtern, Biografien und Familien. Sie haben sich verdient gemacht, nicht allein um die einstigen Führerscheininhaber und um deren Nachkommen, sondern um uns alle".

Auf 13 Plakaten sind nicht nur die Ergebnisse der Recherchen zur Person der Führerscheininhaber zu sehen, sondern auch weitergehende Informationen zur Entwicklung der jüdischen Gemeinden im Landkreis Lichtenfels, zum Führerschein in den 30er Jahren, zum Bezirksamt (den Vorgänger des heutigen Landratsamts) und zu den wenigen Lichtenfelsern, die den jüdischen Mitbürgern halfen. Zur Ausstellung ist ein über 100-Seiten starkes Begleitheft erschienen. Die Ausstellung und das Begleitbuch (Scrap Book) wurde erst durch eine Spende der Koinor Horst-Müller-Stiftung möglich.

"Die Kultur des Erinnerns kann nicht hoch genug eingeschätzt werden", sagte Harald Vorleuter, Ministerialbeauftragter für die Gymnasien in Oberfranken.

Werkstattgespräch am 15. November

Ein Werkstattgespräch zur Sonderausstellung "13 Führerscheine - Dreizehn jüdische Schicksale"

mit Schülern des Projektseminars des MGL, Studiendirektor Manfred Brösamle-Lambrecht und Stadtarchivarin Christine Wittenbauer findet am Donnerstag, 15. November, ab 19 Uhr in der ehemaligen Synagoge in Lichtenfels statt. Die Ausstellung kann auch von Schulen und Institutionen gebucht werden.



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