Lichtenfels
Schnapsidee

Mit dem eigenen Bus von Festival zu Festival

Wie fünf junge Menschen vom Obermain zu einer rollenden Behausung mit Küche und Schlafzimmer kamen.
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Wie unschwer zu lesen, lässt sich mit der Anzeige über der Fahrerkabine jede Botschaft schreiben.
Wie unschwer zu lesen, lässt sich mit der Anzeige über der Fahrerkabine jede Botschaft schreiben.
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Doch, an einem der Folgetag, so gibt David Hain gerne zu, habe er sich ungefähr das gedacht: "Mann, was hast du bloß gemacht - oh Mann!" Der junge Mann schüttelt den Kopf, lacht aber dabei. Denn was sich der 29-jährige Schneyer vor zwei Jahren durch einen Kauf aufgebürdet hat, ist aus seinem Freundeskreis nicht mehr wegzudenken. Jetzt hat man einen einstigen Stadtlinienbus, der als Behausung, Küche und Schlafzimmer von Festival zu Festival rollt. Es ist die Geschichte der nüchternen Folge einer herrlichen Schnapsidee und des süßen Vogels Jugend. Oder so ähnlich.

Auf Sizilien rumgekurvt

Man ist beisammen, hier in Michelau und auf dem großen Parkplatz. Hier steht er, Baujahr 1990, ein Mercedes Benz 0 405. Irgendwann ist mal herausgekommen, dass der Bus auch schon mal auf Sizilien rumkurvte. Jedenfalls wurde er 1990 von der SÜC angeschafft und fuhr brav im Stadtlinienverkehr. Dann wurde nach anderswo verkauft und fuhr wieder Linien. Doch weil das Ding dann auch weit mehr als 800 000 Kilometer auf dem Tacho hatte, war sein Verkaufspreis keine Unsumme mehr.

Was Hain mit dem Ding vorschwebte, war, es so umzugestalten, dass er mit Freunden und Freundinnen auf Rock-Festivals fahren kann und ein Zuhause hat. Darum haben er, die Lichtenfelserin Mareike Link (21), der Kulmbacher Fabian Rubert (20), die Mistelfelderin Annika Fischer (21) und der 22-jährige Redwitzer mit dem Endlosnamen Marius Detlef Espinoza Morales Cao Torres Wittmann eine Gemeinschaftskasse, darum zahlen sie ein, damit getankt werden kann, damit der TÜV bezahlt werden kann, damit anfallende Reparaturen gedeckt sind - damit das Ding eben läuft. Eine Charakterisierung der eigenen Truppe hat man auch gefunden: "Wir haben drei mit Abitur im Bus - der Rest hat Bauernschläue."

"Motörhaub" wie Motörhead

Vor allen Dingen aber haben die fünf jungen Leute einen Humor zwischen Subtilität und anarchischen Auswüchsen. Zwei Beispiele: Die Heavy-Metal-Band Motörhead schreibt sich in einem ganz bestimmten Schriftzug. Und in diesem steht vorne über dem Mercedesstern "Motörhaub". Hinten, dort wo der Motor sitzt, steht auf der Fensterscheibe "Motörhome". Logisch.

Auch tuckert der Bus manchmal mit seltsamen Botschaften durch die Lande. Denn oberhalb der Fahrerkabine, dort wo die Menschen bei Linienbussen nun mal ablesen können, wo die Fahrt hingeht, kann man ja Sätze schreiben. "Busfahrer ist Single" beispielsweise oder "Wir haben Bier". Oder: "Mutti, der Mann mit dem Bus ist da" bzw. die eine oder andere charmante Frivolität. Wenn man jung ist, hat man halt Flausen im Kopf und provoziert auch gerne. Nur einmal habe Bluetooth gestreikt und man habe eine darüber gesteuerte geschriebene Peinlichkeit nicht mehr wegbekommen. Peinlich, peinlich.

Alkohol und Übermut

Wie Hain, der beruflich "Trucker" ist, überhaupt zu dem Bus kam, ist schon wieder so eine Story. Er kannte den Busunternehmen und weil man von ihm wusste, dass er selbst einen VW-Bus fuhr, lag es für irgendwen auf der Hand, dass das doch so ziemlich dasselbe wie ein solcher zehn Tonnen schwerer Koloss sei. Und möglicherweise waren auch ein ganz klein wenig Alkohol und Übermut bei der Kaufentscheidung im Spiel. Aber Hain ist "Trucker", beherrscht diese PS und Tonnen und danach gefragt, ob er ansonsten noch irgendwelche Zusatzqualifikationen hat, gibt er launig wider: "Das Seepferdchen" (Schwimmabzeichen).

Von Mareike Link bis Marius Detlef Espinoza Morales Cao Torres Wittmann findet der Witz Anklang. So wie ein anderer Witz, der in Form eines riesigen Schraubenschlüssels nahe am Fahrer platziert liegt. Der diene dazu, die "Busregeln" durchzusetzen und wer nicht spurt ... Man lacht.

Drei Kaffeemaschinen, zwei Kühlschränke, ein Pizzaofen, zwei Musikboxen, eine Küchenarbeitsplatte, Gardinen, Zimmerpflanzen, Geschirr und was noch alles finden sich in dem Bus. Besonders beeindruckend ein Schlafbereich im hinteren Drittel des 11,575 Meter langen Gefährts, ausgelegt mit Matratzen und so breit wie lang. Eine Spielwiese, wie jemand sagt, ist das nicht. Marius Detlef Espinoza Morales Cao Torres Wittmann findet ob der Ausmaße das passendere Wort: "Spielweide".

"Ich habe keine Ahnung gehabt vom Umbauen, ich habe einfach drauf zu gebaut", erinnert sich Hain noch sehr gut an die aufreibende Zeit, als er sechs Wochen auch damit beschäftigt war, zu basteln und zu lernen. Sitze entfernen, mit der Flex arbeiten, sägen, stemmen, aushebeln, einpassen. "Jede einzelne Schraube musste ich aufbohren, weil die im Winter-Linienverkehr mit dem Salz erodiert war." Auf die Frage, ob es hier auch ein WC gibt, antworten die Studenten der Truppe nahezu nihilistisch philosophisch: "Die ganze Welt ist ein WC." Jedenfalls, so Hain, habe er sich wohl um die 300 E-Mails mit dem Tüv hin- und hergeschickt, ging es doch immer wieder um Sicherheitsfragen und darum, was erlaubt ist und was nicht. Mit Blick auf die Boxen, den Kühlschrank und all das, betont er die feste Verankerung. Überdies hatte er wegen der festen Kochstelle im Bus eine Wohnmobilzulassung zu erlangen, zudem auch noch Sitzgurte einzubauen. Von den ursprünglich 39 Sitzplätzen sind nicht viele übrig geblieben.

Man trifft sich hier an diesem Bus, auch dann, wenn kein Festival ansteht und er einfach nur parkt. Wenn die jungen Leute ihn betreten, fühlen sie sich daheim und in Jugend aufgehoben. "Wir zahlen Betrag x monatlich auf ein Konto und ich kümmere mich um lustige Einbauten", albert David Hain. "Wenn wir ausgelernt haben, können wir auch mehr bezahlen", steuert Groß- und Einzelhandelskaufmanns-Azubi Marius Detlef Espinoza Morales Cao Torres Wittmann bei. Es gab schon einige Festivals, die man gemeinsam besuchte. Mit Hardrock und Heavy-Metal fuhr man dem Ziel wie "Krach am Bach" oder "Metal Franconia" entgegen.

Polaroids an der Pinnwand

Oder mit dem Blasmusikstück "Böhmischer Traum", der in der Szene kurioserweise Kultcharakter besitzt. "Wer Hain und Co. dann auf dem Festival-Gelände im Bus besucht, wird mit einer Polaroid-Kamera fotografiert und landet auf der Abdeckung über den Kaffeemaschinen.

Doch was, wenn dieser Bus eines Tages aus Altersschwäche nicht mehr kann? Dann, so Hain, würde er sich einen neuen suchen und umbauen. Er weiß ja jetzt, wie es geht. So einen Bus und solche Freunde zu haben, sei ja doch irgendwie "Leben leben".

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