Lichtenfels
Ratgeber

Missverstandene Tierliebe: So verhalten Sie sich richtig

Wenn ein Jungvogel scheinbar verwaist und verletzt im Garten sitzt und nach seinen Eltern schreit, sind viele Hausbesitzer alarmiert und schreiten ein.
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Die junge Amsel ist nicht verletzt, sondern flugunfähig. Die Federn entwickeln sich erst noch im Laufe weniger Tage vollständig. mfotohaus/Fotolia
Die junge Amsel ist nicht verletzt, sondern flugunfähig. Die Federn entwickeln sich erst noch im Laufe weniger Tage vollständig. mfotohaus/Fotolia

"Ich erhalte momentan viele besorgte Anrufe", erzählt Marion Damm, Kreisvorsitzende des Landesbund für Vogelschutz (LBV). Der Grund: Hausbesitzer finden in der Zeit von Frühling bis Sommer scheinbar verwaiste und verletzte Jungvögel in ihren Gärten, die nach ihren Eltern schreien und nicht davonfliegen können. Um die hilflosen Tiere vor Katzen zu schützen, packen sie die Vögel in Kartons und bringen sie zu Auffangstationen.
"Ich nenne das missverstandene Tierliebe", sagt sie. Denn meistens seien diese Vögel weder verwaist noch verletzt - ein Eingriff schade ihnen sogar: "Bei den Jungvögeln handelt es sich um Ästlinge. Das sind Nestlinge, also noch nicht flügge gewordene Jungvögel, die aus dem Nest rauskriechen."


Natürliche Entwicklung

"Das ist ein ganz normales Entwicklungsstadium", erzählt LBV-Mitglied Georg Wicklein. Er leitet eine Vogel-Auffangstation in Burkheim. "Die Jungvögel gehen aus dem Nest raus, werden noch ein paar Tage von ihren Eltern versorgt und bleiben solange in Nestnähe sitzen, bis sich die Federn vollständig entwickelt haben und sie flugfähig sind." Die Jungvögel lernen in der kurzen Zeit, selbstständig zu werden.

In diesem Stadium werden sie meist von besorgten Menschen eingesammelt. "Es ist zwar schön, dass sich die Leute Gedanken machen und nicht sagen, ist mir doch egal. Aber da muss auch der Verstand mitspielen", sagt Wicklein. Denn die Tiere werden aus ihrem natürlichen Rhythmus herausgerissen. "Das nächste Problem ist dann die fehlende Fütterung. Die Elternvögel sammeln allerhand Nahrung für die Ästlinge und geben ihnen beim Füttern Bakterien mit. Ohne diese Fütterung entwickeln die Jungvögel Mängel." Zudem benötigen die kleinen Vögel stündlich Nahrung. "Die Leute stellen sich das häufig zu einfach vor", bestätigt Marion Damm. Doch welches Verhalten ist richtig?
"Grundsätzlich gilt es, den Vogel, wenn möglich, in Ruhe draußen zu lassen", sagt die Vorsitzende. Um den Vogel vor Feinden oder Straßenverkehr zu schützen, sollte man ihn in einen Strauch setzen. "Vögel haben zwar nicht so einen ausgeprägten Geruchssinn wie andere Tiere, dennoch sollte man die Jungtiere nicht allzu lange in der Hand halten", mahnt sie.

"Es ist auch wichtig, nach dem Absetzen wegzugehen. Viele bleiben stehen und warten, ob ein Elternvogel kommt. Aber die trauen sich natürlich nicht herzufliegen, wenn ein Mensch daneben steht", fügt Georg Wicklein hinzu. "Wer selbst eine Katze besitzt, soll sie für die paar Tage im Haus lassen", sagt er. Falls der Vogel wirklich hilflos oder verletzt ist, so Damm, soll man sich an sie, an Tierschutzorganisationen wie den LBV oder an Tierärzte wenden. Ist man unsicher, kann man sich auch auf der Internetseite www.lbv.de/vogel-gefunden umfassend informieren.


Verirrte Vögel im Haus

Nicht nur die Jungvögel bereiten manchen Hausbesitzern im Sommer Sorgen. Durch die geöffneten Fenster und Balkontüren können sich Vögel ins Haus verirren. "Die Vögel sind total aufgeregt und unter Stress. Man sollte sie erst einmal sitzen lassen, damit sie sich beruhigen", sagt Damm.
"Am besten man öffnet ein Fenster und verlässt den Raum. Der Vogel fliegt dann von alleine raus." Ist das nicht der Fall, so soll man ihn mit ruhigen Bewegungen in Richtung des Fensters lenken und keinesfalls "wild mit Gegenständen herumfuchteln". "Es hilft auch, wenn man sich gegenüber vom Fenster hinstellt", so Wicklein.

Wer aktiv etwas Gutes für die Vögel tun will, schafft dies mit wenig Aufwand: "Ein naturreicher Garten ist dafür am besten", erklärt Marion Damm. "Man sollte auf Pestizide verzichten und viele Blumen oder Kräuter pflanzen. Es ist gut, wenn sich im Garten viele Insekten befinden, welche die Vögel fressen können." Außerdem bieten Sträucher oder aufgestapeltes Holz den flugunfähigen Jungvögeln Versteckmöglichkeiten vor Katzen, Mardern oder anderen Vögeln.

"Es passiert leider oft, dass Jungvögel in Wassertonnen ertrinken", sagt sie. Daher solle man die Tonne mit einem Deckel abdecken oder Hasendraht drüber legen. "Man kann auch ein Holz- oder Styroporbrett auf die Wasseroberfläche legen, das reicht den Vögeln dann schon, um hinauszuklettern", ergänzt Wicklein. Er appelliert: "Vorbeugen ist besser als heilen.

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