Michelau in Oberfranken

Luisa aus Michelau ist Häkel-Vize-Weltmeisterin

Michelau hat eine Vize-Weltmeisterin: Luisa Köhler, 18 Jahre alt, und so ziemlich das Beste, was der Häkelsport hergibt. Ausgerichtet haben diese kuriose WM die Myboshi-Gründer, die eine wahre Häkel-Euphorie ausgelöst haben.
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Luisa Köhler ist Vize-Weltmeisterin im Häkeln und freut sich über eine Woll-Flatrate. Fotos: Markus Häggberg
Luisa Köhler ist Vize-Weltmeisterin im Häkeln und freut sich über eine Woll-Flatrate. Fotos: Markus Häggberg
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Kann Häkeln Sport sein? Thomas Jaenisch und Felix Rohland sehen das jedenfalls so. Die beiden Mittzwanziger aus Oberfranken haben vor wenigen Jahren Myboshi gegründet und eine Häkel-Euphorie ausgelöst. Am vergangenen Samstag veranstalteten die beiden Jungs in einem Zirndorfer Kaufhaus die Häkel-WM 2014.

Die Kulisse ist kurios: Schweizer Schlachtenbummler machen Lärm mit Kuhglocken. So, wie man es sonst nur bei Ski-Rennen kennt. Sie stehen auf einer Tribüne mit hunderten anderen Schlachtenbummlern, bestehend aus Ehemännern, Ehefrauen, Kindern, Vätern, Müttern. Ein Ehemann hält ein Bild seiner Frau in die Höhe; eine Foto-Montage, die seine Frau als Rennfahrerin zeigt. "Julia, hau weg das Knäuel!" steht darauf zu lesen. In dem Kaufhaus in Zirndorf herrscht die totale Corporate Identity, denn selbst die Verkäuferinnen tragen Myboshi-Mützen. Ein Live-Stream im Internet ist geschaltet, Presse ist vor Ort, und ein Radio-Sender begleitet diesen Marketing-Einfall der Myboshi-Jungs.

Der Sekt vorher muss sein

Irgendwo in dem österreichisch-schweizerisch-deutschen Getümmel finden sich sieben Michelauer, die an diesem Tag angereist sind. Sie waren schon bei der ersten WM im vergangenen Jahr dabei, wobei sie zwei Rituale zu pflegen scheinen: Treffpunkt Laden Wollkörbla in Michelau und den Sekt vor der Abreise. Fahrer ausgenommen.

Gegen 17.45 Uhr nimmt Luisa Köhler Platz. Vorletzte Reihe links vom Schiedsgericht, auf einem von 24 Stühlen dieser Seite. Drei Reihen weiter rechts stehen die Stühle wieder so, dass man Menschen ins Gesicht sehen kann. 24 weitere Plätze, hinter einer Absperrung zum Publikum und bewacht von einem Security-Mann, der in seinem Anzug mit Fliege aussieht, als würde er in einem noblen Casino von Tisch zu Tisch gehen. Er soll die Fotografen im Zaum halten, damit sie nicht den Blick des Schiedsgerichts verstellen.

Wer nämlich 50 Meter Wolle zu so etwas wie einer "tragbaren Kopfbedeckung" verhäkelt hat, der soll aufstehen. Dann wird die Teilnehmernummer zur gestoppten Zeit notiert. Es gibt ein Ausscheidungshäkeln, denn es sind 96 Teilnehmer insgesamt. Später dann, im Bus auf der Heimreise durch die Nacht, wird Luisa Köhler sich souverän geben und sagen, dass sie mit einem vorderen Platz durchaus gerechnet habe. Jetzt aber schwitzt sie Blut und Wasser und erleidet Materialbruch. Ihre Häkelnadel, die für alle verbindliche mit der Nadelstärke 6, wird ihr zwischen den Fingern zerbrechen und so hat "Schiedsrichter Jörg" ein Einsehen und lässt sie in der nächsten Runde wieder einsteigen. Noch bewegen sich die Zeiten in diesem frauenlastigen Wettbewerb zwischen sieben und neun Minuten. In der Endrunde wird sich das ändern. Marit Barth ist die jüngste Teilnehmerin im Feld. Die Zehnjährige aus Michelau wird auf der Heimreise durch die Nacht lamentieren. Weil ein anderes Kind schneller war und somit Juniorenweltmeisterin wurde. Aber dennoch gelangt die kleine Marit ins Blitzlichtgewitter der Presse, stellte diese sie doch neben die älteste Teilnehmerin, eine 82-Jährige aus Neumarkt in der Oberpfalz.

Magnesium zum Durchhalten

Luisas Freund, so sagt sie, habe "eigentlich auf den Ski-Urlaub für zwei Personen spekuliert". Der wurde als 1. Preis ausgelobt. Um an die begehrten Preise zu gelangen, nahmen viele Teilnehmer allerlei auf sich. Aus Düsseldorf, Kiel, Leverkusen, aus der Schweiz und Österreich reisten sie an, manche gaben zu, Magnesium zu sich zu nehmen, damit der Muskel nicht schlapp macht. Andere erzählten davon, dass sie seit Wochen ihr Häkelpensum erhöht haben, wieder andere hätten sich mit neuen Maschen vertraut gemacht, mit denen sich in weniger Zeit mehr Wolle verhäkeln lässt. Luisa hat auch trainiert. Auf ungefähr "30, 40 Knäuel" habe sie ihren letztjährigen Trainingsknäuelaufwand geschätzt. Das ist nicht eben viel, im Vergleich zu manch anderen. Aber es hat gereicht. "Ich hab' mir einen Energy-Drink eingefüllt - vielleicht bringt's was", beschreibt die 18-Jährige ihre Vorbereitungsmethode und Art, gegen Nervosität anzugehen.

Dann, nach mehreren Runden, steht fest, wer die Besten sind: Hai Nguyen aus Vietnam war 2013 Weltmeisterin. Sie wird es in diesem Jahr wieder. 6:40 Minuten benötigt sie, um ihren Titel zu verteidigen. Das ist eine Spitzenzeit. Überhaupt, so scheint es, sind die Zeiten generell schneller geworden. Das Häkeln hat an Tempo zugelegt, denn Jaenisch versichert, dass der 20. Platz 2014 der 3. Platz 2013 gewesen wäre.

Luisa schafft's in 6 Minuten 45

Luisa kommt auf sagenhafte 6:45 Minuten, nur kurz nach der Siegerin, aber mit Vorsprung vor der Drittplatzierten. Sie gewinnt als Preis eine Wollknäuel-Flatrate und darf 1200 Knäuel kostenfrei verhäkeln. Die junge Frau ist Einzelhandelskauffrau in Ausbildung. Beim Wollkörbla in Michelau. Mit freiem Zugang zu Wollknäueln noch und noch. Ironie des Schicksals.

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