"Stolpersteine", jene nur etwa zehn Zentimeter kleinen, quadratischen Messingplatten, sind Teile eines europäischen Mahnmals und Kunstprojektes. Sie erinnern an die Vertreibung und Vernichtung der Juden, an politisch Verfolgte und weitere Opfer des Nationalsozialismus. In Deutschland und 20 Ländern wurden mittlerweile über 61 000 dieser Erinnerungstäfelchen auf Wegen und Plätzen gesetzt, und ihre Zahl steigt. Der Künstler und Initiator Gunter Demnig vergibt bereits Verlegetermine für 2018. Im Sommer nächsten Jahres könnte es auch in Lichtenfels soweit sein.

Ein entsprechender Beschluss des Hauptausschusses steht seit Ende Mai. Das Gremium, bestehend aus Bürgermeister und zehn Stadträten, befürwortete es einstimmig, die Verlegung von "Stolpersteinen" im öffentlichen Raum zuzulassen. Es liegen mittlerweile vier Zusagen für an diesen Zweck gebundene Spenden vor. Ein "Stolperstein" kostet 120 Euro. Da jeweils den ersten an einem Ort der Künstler selbst verlegt, ist für diesen der finanzielle Aufwand größer.

Der Stadtrat hatte sich vor ziemlich genau einem Jahr noch zögerlich gezeigt und mit breiter Mehrheit eine Entscheidung vertagt. Angesprochen worden waren in der Diskussion die kommerzielle Seite des Projektes sowie als Alternative eine Gedenktafel im Vorgarten der ehemaligen Synagoge in der Judengasse.

Letztlich setzten sich aber die Befürworter der "Stolpersteine" durch. Auf diese Weise kann deutlich gemacht werden, wo überall in der Stadt Juden oder andere Verfolgte gelebt haben. Das Gedenken an sie wird nicht in eine Ecke geschoben.

Diesen Aspekt findet auch Bezirksheimatpfleger Günter Dippold wichtig. "Sie haben mitten unter uns gelebt, die Verbrechen der Reichspogromnacht sind quer durch die Stadt hindurch geschehen", betont er. Zu einigen markanten Punkten wird der Historiker bei einem Rundgang am Donnerstag, 9. November, führen.

Es gäbe zahlreiche Frauen, Männer und Kinder, denen man in Lichtenfels einen der angedachten "Stolpersteine" widmen könnte. Darunter sind Menschen, die nicht nur Opfer wurden, sondern die sich zuvor um die Stadt verdient gemacht haben. Darunter etliche Korbhändler, deren Villen heute noch das Stadtbild prägen. "Nach keinem von ihnen ist eine Straße benannt", merkt Professor Dippold an.

Erinnerungskultur ist ein Thema, das ihm am Herzen liegt. Dies hatte er schon 2011 in seiner Rede zur Einweihung der ehemaligen Synagoge als Kunst- , Kultur- und Begegnungsstätte deutlich gemacht.

Die im 18. Jahrhundert erbaute Synagoge war in der Reichspogromnacht 1938 schwer beschädigt worden. Nach dem Krieg war sie zwar wiederhergerichtet worden, fristete aber Jahrzehnte lang ein Schattendasein, unter anderem als Lagerraum. Der Kauf im Jahre 2005 durch die Stadt war wegen knapper Kassen und zu erwartender Folgekosten umstritten. Eineinhalb Jahre dauerte die aufwendige Sanierung mit Umbau zu einer Kunst-, Kultur- und Begegnungsstätte. Die Urenkelin des vorletzten Vorsitzenden der israelitischen Kultusgemeinde Lichtenfels, Sharon Kohn aus Kansas City, ließ wenige Tage nach der Einweihung darin liturgische Gesänge erklingen. Ein bewegender Moment. Auch ein Beleg dafür, dass es heute im Gedenken an die Opfer nicht um Schuld, sondern um Verantwortung und Würde geht. Es gehe auch darum, vor menschenverachtenden Ideologien zu warnen, hatte Günter Dippold schon damals unterstrichen. Quasi über Nacht waren aus angesehenen Mitbürgern verachtete Juden geworden. Auf solche Mechanismen hinzuweisen sei heute mehr denn je geboten, findet er - nachdem eine Partei in den Bundestag gewählt wurde, in deren Reihen man den Begriff "völkisch" wieder positiv besetzt haben möchte.


Friedensgebet am 9. November

Der 9. November ist der Jahrestag der Reichspogromnacht (1938). Gewalt gegen Juden, Zerstörung ihrer Häuser, Geschäfte und Gebetsstätten war der Auftakt zu staatlich organisiertem Massenmord. In der ökumenischen Veranstaltung an diesem Tag ab 18 Uhr vor dem Lichtenfelser Rathaus soll daran erinnert werden. Den Texten, Liedern und Gebeten für Frieden, Toleranz und Menschlichkeit wird sich ein Rundgang zu denkwürdigen Orten im Innenstadtgebiet unter der Leitung von Bezirksheimatpfleger Günter Dippold anschließen.