Lichtenfels

Lichtenfels demonstriert gegen AfD-Vortrag: zwei Blöcke - keine Begegnung

Eine AfD-Bezirksrätin hatte zum Thema Frühsexualisierung und Gendermainstream eingeladen. Dagegen protestierten fünf Mal mehr Menschen als Zuhörer kamen.
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Der Tross, der vom Marktplatz in die Nähe des Stadtschlosses führte, war beeindruckend, bunt und doch besorgt.Markus Häggberg
Der Tross, der vom Marktplatz in die Nähe des Stadtschlosses führte, war beeindruckend, bunt und doch besorgt.Markus Häggberg
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Eine AfD-Bezirksrätin hatte zu einem Vortrag ins Stadtschloss eingeladen. Das schlug Wellen und so formierte sich am Mittwochabend nahezu gleichzeitig auf dem Marktplatz eine beachtliche Gegendemonstration unter dem Motto "Lichtenfels ist bunt". Hier Menschen von Sorge getrieben, dort aber auch. Ein Lichtenfelser Abend mit Beobachtungen zu einem reichlich unübersichtlichen Sowohl-als-auch.

Anne Salzbrenner vorneweg

Der Naturschutz ist da. Eine Gewerkschaft auch, eine SPD-Abordnung zudem, der SPD-Europaparlamentskandidat Martin Lücke auch, Vertreter von Die Partei, Vertreter der Marxistisch-Leninistischen Partei Deutschlands, überdies sind auch evangelische Christen hier, allen voran Anne Salzbrenner, maßgeblich verantwortlich bei dem schon zu einer Institution gewordenen Bündnis "Lichtenfels ist bunt". Sie ist das Gesicht und sie spricht sich ihre Sorge von der Seele, warnt vor rechtem Gedankengut und schwört die Menge darauf ein, sich an die Vorgaben bei Demonstrationen zu halten. Keine Polizeiabsperrungen unterlaufen, die Schallpegelgrenze von 85 Dezibel nicht übertreten und mehr.

Vor drei, vier Wochen, so die Pfarrerin, habe sie über einen Flyer Kenntnis von der heutigen Veranstaltung bekommen, von dem Vortrag über Gendermainstreaming und Frühsexualisierung in Kita und Schulen. "Habe sofort versucht nachzuschlagen, was Sache ist mit der Referentin." Die Referentin ist bei der AfD und die Bezirksrätin Heike Kunzelmann auch. Das ist der Punkt. Der Frage, ob sie eine Gegendemo auch dann initiiert hätte, wenn beispielsweise ein Psychologenfachverband zum gleichen Thema im Stadtschloss tagte, begegnete die Pfarrerin so: "Es käme darauf an, wie fraktioniert der Verband wäre." Was sie Kunzelmann aber besonders ankreidet, ist deren Umgang mit den Einladungen. "Sie hat dort ja nicht einmal AfD draufgeschrieben, obwohl sie in der AfD ist. Salzbrenner sah ein Täuschungsmanöver und "würde es jedem abraten, da beizuwohnen".

Auch Maja Appel steht hier auf dem Marktplatz. Sie hat sich "Equality" auf eine Tafel geschrieben. Gleichheit also. Untertitel: "Mehr Respekt und Liebe in Begegnung, Austausch und unter den Geschlechtern". Diesen Slogan, so die 18-Jährige, die eigens aus Altenkunstadt kam und nun gegen 18.30 Uhr mit bald 250 anderen Menschen auf dem Marktplatz auf den Beginn der Gegendemo wartete, wählte sie bewusst. "Um für etwas zu sein und nicht dagegen."

Die, die gegen etwas und insbesondere den Gendergedanken waren, wonach das Geschlecht weniger biologisch als vielmehr sozial begründet sei, betraten um diese Zeit das Stadtschloss und begaben sich hinauf in den großen Saal. Es sollten letztlich nicht mehr als 49 Personen werden, die den von der AfD-Bezirksrätin gehaltenen Vortrag über die zu vermutenden oder tatsächlichen Gefahren des Gendermainstreamings besuchten. Immerhin wird befürchtet, dass hinter dem Gendergedanken vor allem auch das Interesse der Wirtschaft stehe, wonach Frauen als Vollzeitbeschäftigte verfügbar zu sein hätten.

Doch warum hielt nun eigentlich Heike Kunzelmann den Vortrag und nicht die von ihr als Fachfrau angekündigte Referentin Steffi Brönner? Diese, Schulleiterin einer Thüringer Grundschule, habe laut der Bezirksrätin kurzfristig krankheitsbedingt abgesagt. Kunzelmann selbst, darauf angesprochen, wirkte dazu wie im Regen stehen gelassen und hielt den Vortrag notdürftig selbst. Am Donnerstagmorgen, das war telefonisch aus dem Sekretariat der Thüringer Schule zu erfahren, habe Steffi Brönner aber wieder Unterricht gegeben. Nach Kunzelmann ist es so zu verstehen, dass Brönner zu den aus ihrer Sicht bei Kindern nachteiligen Folgen einer staatlich verordneten Aufklärung im Frühkindalter gesprochen hätte.

Kultus ist Ländersache

Und hier lag ein Hase im Pfeffer, denn Kultus ist Ländersache und was in Thüringen womöglich verordnet geschieht, mag im bayerischen Lichtenfels so nicht passieren. Doch eben weil Kultus Ländersache ist, so die Sorge der Menschen im Stadtschloss, kann das bei Wahlen mit anderem Ausgang ja noch kommen - immerhin stehe Gendermainstreaming auf einer politischen Agenda, immerhin sprächen Gendervorkämpferinnen wie Dale O'Leary von einer Welt mit mehr sexuellem Vergnügen und weniger Menschen oder der Notwendigkeit zur Abschaffung der Elternrechte gegenüber ihren Kindern.

"Sex im Kindergarten und in der Grundschule - hä? Ich wüsste, wenn Sex bei uns im Kindergarten abläuft", erklärte Kindergartenleiterin Christine Babucke und warf der Veranstaltung im Stadtschloss vor, den Bereich Aufklärung beim Gendermainstreaming bewusst ins falsche Licht zu rücken und von Sexualisierung zu sprechen. Vielmehr sei es so, dass den Kindern "nicht irgendwas erzählt" wird, dass sie lernen, ihre Gefühle zu benennen und ihren Körper zu kennen. Und dass sie die Sicht erhielten, wonach es zwischen Mädchen und Jungen eine Gleichstellung gibt. "Dass das eine Frühsexualisierung ist, bezweifle ich", so Babucke zum Thema Aufklärung.

Auch ihre Vorrednerin Marion Nikol von den Grünen zeigte sich mit Blick auf das vor ihr liegende Stadtschloss erzürnt. "Es hat mich fassungslos gemacht (...), es wird Pseudobedrohung propagiert." Sie selbst, zweifache Mutter, habe erst gestern mit einer Erzieherin gesprochen und die habe ihr versichert, dass das, wovor man bei der AfD Angst habe, "kein Thema in der Lebenswirklichkeit" sei. Manche von denen, die sich auf der Gegendemo befanden, wollten wissen, ob dort oben so viel Hass zu spüren sein würde, wie es unten zu vermuten und auf Spruchbändern zu lesen stand.

Einer von denen, die es zu beiden Seiten zog, war der Lichtenfelser Dieter Stamm. "Ich habe unten sehr viel Schwarz-Weiß gehört und wollte mir die Nazis mal anschauen (...), ich bin mal gespannt, wird hier gehässig geredet oder wird hier sachlich geredet", so der bekennende Christ und CSU-Wähler. Sein Fazit: "Es ist nicht so gehässig zugegangen, wie man unten vermutet hat. Der Vortrag war relativ objektiv, ich war auf Schlimmeres gefasst." Und dann sagt der Mann noch etwas über die Gegendemo: "Ich fühle mich in gewisser Weise bedroht durch solche Auftritte. Ich bin Christ und wenn ich einem veralteten Gesellschaftsbild angehöre, kann ich bald als Museumsfigur durch Lichtenfels laufen."

Sorgen machen sich beide Seiten

Und Heike Kunzelmann? Von unserer Zeitung darauf angesprochen, weshalb sie in ihrem Flyer den Zusatz "AfD" denn nun unterließ, antwortete, dass sie eben alle Interessenten habe ansprechen wollen und nicht nur Leute der AfD. Das kann man glauben oder nicht. Überhaupt hatten die Blöcke keine Berührung miteinander. Die einen gegen die, die anderen gegen das. Was sie einte, waren Sorgen.

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